Flaschenpost-Performance und die Disposition der Finder.


Steve Meyer führte im Jahr 2000 ein interessantes Flaschenpost-Experiment durch. Er deponierte 100 Flaschenposten an verschiedenen Orten in Hamburg. Irgendwo vor Haustüren, in Treppenhäusern, an der Bushaltestelle, im Waschsalon, dem Besucher-WC eines Theaters, in Geschäften.

Das Erstaunliche: Nur von acht Findern kam eine Rückmeldung. Das ist weniger als bei den ein Jahrundert zuvor weltweit von der Seewarte Hamburg ausgesetzten Driftflaschen. Die hatten immerhin einen Rücklauf von 13 %, obwohl sicher ein großer Anteil an Klippen zerschellt ist, in Mangrovensümpfen hängen blieb oder an den Stränden der Atacama- und der Namib-Wüste von Dünen begraben wurde. Außerdem war damals der Analphabetismus weit verbreiteter als heute, so dass mancher Finder wohl nichts rechtes mit dem darin steckenden Formular anzufangen wusste. Die von Meyer in der modernen Metropole ausgesetzten Flaschen mussten dagegen zwangsläufig früher oder später gefunden werden. Und eine Antwort dürfte sicher kein Problem gewesen sein.

Woran lag es also, das so wenig Resonanz kam? Meine These: Viele der Finder waren für das geheimnisvolle Kribbbeln beim Fund einer Briefflasche nicht disponiert. Dafür braucht es, so nehme ich an, ein paar Voraussetzungen. Darunter mindestens diese drei:

  • Neugier. Man braucht nicht nur wache Augen, sondern auch einen wachen Geist. Die Fähigkeit, zu beobachten und vom Beobachteten faszinieren zu lassen. Und diese Eigenschaften scheinen bei der durchschnittlichen Großsstadtbevölkerung nicht besonders ausgeprägt zu sein. Offensichtlich sind viele so abgestumpft, dass sie das Subtile in all der Reizflut nicht mehr wahrnehmen. Nicht umsonst wird die Werbung immer greller, damit sie überhaupt noch ins Auge fällt.
  • Entschleunigung. Für eine Flaschenpost braucht man Zeit. Zeit sie überhaupt zu entdecken. Zu registrieren, dass es sich tatsächlich um eine Flaschenpost handelt. Man braucht Zeit, sie zu öffnen, den Zettel herauszuholen, ihn zu lesen und schließlich zu beantworten.
  • Muße. Also nicht nur zeitlich freier Raum, sondern auch freier Raum im Kopf.

Es wäre interessant zu wissen, auf welche Flaschenposten der Künstler Antwort bekam. Leider gibt es dazu keine Angaben*. (Die Ausstellung im damaligen Museum für Kommunikation in Hamburg, wo das Projekt 2002 vorgestellt wurde, konnte ich leider nicht sehen.) Aber ich schätze mal, dass viele von Meyers grünen Weinflaschen einfach nur Verärgerung ausgelöst haben: Flasche in der Telefonzelle oder auf der Parkbank: „Da hat mal wieder einer seinen Müll stehenlassen!“ Wenn ich im Supermarkt zwischen den Tiefkühlhähnchen oder bei den Socken von C & A eine Buddel fände, würde ich ihr auch keine Aufmerksamkeit schenken. Einkaufen ist für mich Arbeit, das muss schnell gehen. Die Tiefkühlabteilung mit ihren surrenden Aggregaten und flimmernden Neonröhren ist für mich kein lauschiges Plätzchen, an dem ich mich länger als nötig aufhalte. Und ob das Personal, dass da aufräumen muss, Zeit für solche Scherze hat? Ich weiß nicht…

Die unter die Dekoration geschmuggelte Flaschenpost im Möbelhaus  fände ich dagegen witzig! Da schlendere ich ja auch mal „einfach so“ durch, da habe ich die Muße zum Schauen. Nur würde ich sie nicht mitnehmen, – man klaut schließlich keine Deko! 😀

Man könnte also wirklich Studien zur Psychologie des Alltags treiben, wenn man die Ergebnisse des Versuches kennte! Doch leider wissen wir nur, dass es quantitativ etwas mager ausfiel. Für eine größere Zahl von Antworten war die Performance also nicht so pralle.

Für mich die pragmatische Konsequenz aus dem Experiment: Ein Flaschenpostler, der sein Stück gut an den Finder bringen möchte, muss also auch ein bischen auf die Dramaturgie des Stückes achten. Er muss sich also in sein potentielles Publikum hineindenken, auch wenn dieses nur ein einziger, zufällig vorbeikommender Mensch ist.

Klar, das Wesen der Flaschenpost besteht darin, dass man nichts wirklich vorherbestimmen kann. Das ist ja der eigentliche Reiz daran. Aber trotzdem lässt sich ein bischen an der Performance arbeiten.

Das beginnt schon mit der Auswahl der Flasche. Wie wirkt sie auf jemanden, der sie sieht? Macht sie ihn neugierig? Oder sieht sie müllig aus, z. B. wenn noch ein angeschmuddeltes Etikett draufklebt? Eine Plastikflasche wirkt anders als eine aus Glas, eine über Kopf treibende Bierbuddel anders als eine Portweinflasche mit Markenprägung. Aber auch aus einer durchschnittlichen Standardflasche lässt sich gestalterisch etwas machen, sei es durch Bemalung (eine Mischung aus Acyl- und Porzellanmalfarbe eignet sich übrigens besser als Glasmalfarben, die meistens nicht gut decken), durch die Versiegelung des Verschlusses oder die kunstvolle Verschnürung des Korkens. Wenn der Finder die Flaschenpost erstmal mit nach Hause (oder ins nächste Strandcafe) mitnimmt, um sie dort zu öffnen, dann haben wir schon ein bischen zur Entschleunigung und zum Spannungsaufbau beigetragen! 😉

Seeklar!

Bei einer klaren Flasche sieht man auch schon ein wenig, ob sich der Sender mit dem Flaschenbrief Mühe gegeben hat. Ist er sorgfältig gerollt und zusammengebunden oder einfach nur so hineingeknüllt? Auch davon hängt es ab, ob jemand dem Fundstück Aufmerksamkeit schenkt und überhaupt irgendetwas Interessantes darin erwartet.

Wer seine Flaschenpost an Land deponiert, sollte einen Ort wählen, wo die Leute Ruhe haben und am ehesten zum Schauen oder Stöbern aufgelegt sind. Also nicht gerade dort, wo sie in der rush hour vorüberrennen. Und auch nicht unbedingt dort, wo kleinkarierte Hausmeister ihren Ordnungsfimmel ausleben.

Hilke Kurzke hat einige ihrer Gläschen in Bibliotheken versteckt. Da haben es die Leute normalerweise nicht eilig, sie wollen sowieso etwas „finden“, auch wenn das zunächst etwas anderer Lesestoff ist. Ich habe mal eine kleine Flaschenpost in die Ausstellung eines Schifffahrtsmuseums geschmuggelt. Die lag da mehrere Monate, es sah wohl so aus, als gehöre sie dahin! 😉

Wer nicht auf eine (baldige) Antwort erpicht ist, kann auch daraus ein Spiel machen: die Flasche so gut verstecken, dass sie erst nach langer Zeit gefunden wird. Dann ist es besonders reizvoll, wenn auch noch irgendetwas Zeittypisches darin ist: ein Zeitungsartikel, ein Theaterprogramm, eine Kinokarte, abgestempelte Briefmarken…

Sogar wer seinen Buddelbrief  Wind und Wellen anvertraut, – wie es ja eigentlich üblich ist -, wählt mit dem Gewässer auch eine bestimmte Dramturgie! Die Flaschenpost, die am Kap Finisterre angetrieben wird, hat zwangsläufig eine andere Geschichte als die aus dem Teich im Stadtpark oder einer Gracht in Amsterdam. Und damit muss man auch mit einem unterschiedlichen Kreis möglicher Finder rechnen. Manchmal kann sogar die Zeit des Abwurfes eine Rolle spielen. Darüber habe ich mir hier mal Gedanken gemacht.

Tja, man kann eine richtige Wissenschaft daraus machen!

Oder einfach eine Flaschenpost basteln und igendwo aussetzen. Einfach so! 😉

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*) Nachtrag, 9.1.2015:

Nach diesem Blogpost und einigen launigen Kommentaren meinerseits zu den Fotos auf Steve Meyers Website hat der Künstler noch mal in seinem Fotoarchiv gegraben und seinen Beitrag zu dem Kunstprojekt  um die Ergebnisse ergänzt, die seinerzeit im Museum fütr Kommunikation ausgestellt waren. Zu jeder der acht Antworten hat er ein Bild gemalt und dabei den Fundort und die Reaktion der Finder miteinander in Verbindung gebracht. Die „verschollenen“ 92 Flaschenposten wurden in der Ausstellung durch Betonklötze repräsentiert, in denen Flaschenscherben eingegossen waren.

Reizvoll, dass das Projekt auch nach Jahren zu einem Austausch, dieses Mal per E-Mail, und zu wechselseitigen Bezügen von Website zu Website führt! 🙂

Weiterlesen? => HIER.

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