Die Wanderlust der Flaschenposten. Oder wie ein Kunstprojekt baden ging


In meinem letzten Artikel hatte ich geschrieben, dass meine für ein Kunstprojekt gedachte Flaschenpost schwimmen wollte. Das geht auch anderen so. So wie letztens am Skulpturenpark an der Rur. Kein Tippfehler, es geht um die Rur „ohne h“, ein Flüsschen, dass bei Roermond in die Maas mündet, sich aber vorher durch die Jülicher Börde schlängelt, unter Anderem durch des kleine Örtchen Linnich in Kreis Düren.

Dort wird im Rahmen des Linnicher Kultursommers regelmäßig ein temporärer Skulpturenweg mit Installationen verschiedener Künstler eingerichtet. In diesem Jahr beteiligte sich Silke Jüngst. Sie legte am Flussufer zahlreiche Flaschenposten aus. Und die sind, wie eine Nachricht vom 1. August sagt, einfach verschwunden, bis auf ganz wenige. Schwuppdiwupp, einfach weg! – Baden gegangen?

Ja, wahrscheinlich. Ein paar noch zwischen Steinen im Wasser herumdümpelnde Flaschen deuten jedenfalls auf irgendeine Art von Posteinwurf hin.

200 Postflaschen am Ufer der Rur. Foto mit freundlicher Erlaubnis von Silke Jüngst.

Das wahr wohl irgendwie anders gedacht. Offensichtlich sollte da eine Interaktion zwischen Besuchern und der Installation stattfinden. Vielleicht, in dem Besucher einzelne der Flaschenposten mitnehmen oder zu Wasser lassen, aber auch eigene dort deponieren, also wie bei einer Tauschbörse?  Wie genau das gedacht war, dass konnte ich noch nicht herausfinden. Auf meine Nachfrage über Facebook schrieb Frau Placzek-Theisen, eine der Initiatoren des Skulpturenweges:

Die Künstlerin hat das offen gelassen, sie wollte sehen, wie reagiert wird. Uns hat sie natürlich erzählt wie sie es einschätzt. Sie hat natürlich damit gerechnet, daß so einige Flaschen reingeschmissen werden, aber nicht alle auf einmal. Das war oder waren wieder Taten von ein paar Chaoten, wie auf jedem der bisherigen Skulpturenwegen.

Was den letzten Satz betrifft, so sehe ich das anders.

Zunächst mal ist durchaus denkbar, dass es sich gar nicht um einen Chaoten gehandelt hat, sondern um einen außerst ordnungsliebenden Menschen, der sich gemüßigt fühlte, das Fleckchen Natur dort aufzuräumen. Denn, – mit Verlaub! – aus der Ferne sah diese „Installation“ aus wie die Überbleibsel eines grauenerregenden Saufgelages! Oder wie sonst eine wilde Mülldeponie. In der Art der Deponierung ist nach dem mir vorliegenden Foto jedenfalls keine besondere „schöpferische Höhe“ zu erkennen*. Das sagt aber nichts, – letzteres wird von den Heftpflastern auf Joseph Beuys‘ Badewanne ja auch behauptet.

Dass die Buddeln es „in sich hatten“, war erst bei näherem Hinsehen auszumachen: Es waren Flaschenposten. Und damit kommen wir zu einer weit plausibleren Lösung ihres Verschwindens, als die eines selbsternannten Flussuferpedells, der dort seinen Ordnungsfimmel ausgelebt haben könnte.

Flaschen, die es in sich haben. Foto mit freundlicher Erlaubnis von Silke Jüngst.

Flaschenposten haben, sofern sie nicht als Zeitkapseln unter Dielenbrettern oder hinter Wandtäfelungen versteckt sind, die Bestimmung, zu reisen. Auf dem Wasserwege. Das liegt in der Natur der Sache. Und da liegen sie nun zu Dutzenden wenige handbreit vor dem nassen Element, in das sie hineingehören. Wer, der nur ein bisschen Gespür für das Wesen einer Flaschenpost hat, könnte nicht ihren stummen Schrei nach Freiheit hören?

Da konnte es nicht lange dauern, bis sich jemand erbarmte und Geburtshilfe leistete. Es war also nicht ein Chaot mit der Lust auf Zerstörung, sondern eine gute Fee oder ein hilfreicher Wassernix, der die Flaschenposten vom Fluch des starren Herumliegens erlöste. Wobei der kindliche Drang, Dinge ins Wasser zu werfen und es platschen zu hören, sicherlich auch ein Antrieb war.

Solche guten Geister gibt es bei Flaschenposten öfter. Da gab es die kleine Flaschenpost Nr. 52, von der Künstlerin Hilke Kurzke in einem Bücherregal der Stadbibliothek von Beeston (England) versteckt. Gefunden wurde sie am Strand von Saltwick Nab südlich von Whitby. Mit deutlichen Anzeichen einer Seereise. „Eine Flaschenpost will schwimmen!“ hatte sich da wohl ein Bibliotheksbesucher gedacht und dem Impuls widerstanden, das liebevoll gemachte Stück mit der zauberhaften kleinen Zeichnung und der Schnecke darin für sich zu behalten.

Oder da gab es die kleine Flaschenpost Nr. 60 meiner Freundin und Zunftgenossin Ina. Ausgesetzt an einem Strand Jütlands. Gefunden an der Küste Frankreichs bei La Rochelle. Ungewöhnlich, diese lange Reise, und so total entgegen der üblichen Wind- und Strömungsrichtungen. Noch ungewöhnlicher, weil „die Lütte“ überhaupt nicht schwimmen konnte! Dafür war sie zu schwer. Ina hatte sie in Dänemark einfach auf einem Stein deponiert. Der Finder muss entweder eine besonders barmherzige Natur oder ein Spaßvogel mit unbändigem Spieltrieb gewesen sein. Er entwarf eine ganz eigene Dramaturgie, wobei die Reise des Fläschchens dieses mal in einem Koffer vonstatten ging. Geister, zumal hilfreiche, wie dieser hier, bleiben meistens unsichtbar.

Was das Kunstprojekt von Linnich an der Rur angeht, so können die Initiatoren getrost sein. Die Flaschenpostinstallation ist nicht „zerstört“, sondern hat jetzt ihre „richtige“ Form gefunden. Und wird über Wochen, vielleicht über Jahre oder Jahrzehnte eine subtile Dynamik entfalten. Eine stille Prozession von in Glas eingeschlossenen Botschaften zieht auf der Suche nach aufmerksamen Anglern, Paddlern und Spaziergängern langsam dem Meer entgegen. Das ist wunderbar!

Ein Kunstprojekt im Fluss, ganz wörtlich.

Irgendwie Fluxus, nur anders.

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Nachtrag 24.08.2022:

Nun habe ich auf Instagram doch noch ein paar Zeilen von Silke Jüngst über ihre Arbeit gefunden. Sie schreibt dort:

Mein Beitrag zum Thema „Parallel – Welten“:
„… in a bottle“

Leben wir nicht alle in unserer eigenen „bottle“,
unserer eigenen Welt?
Nebeneinander, dicht gedrängt oder weit verstreut,
zusammen und doch jede/r für sich allein
Eine Nachricht für die einsamen Momente im Leben,
in denen man am Ende feststellt:
Jeder ist eine Insel.

Walked out this morning, I don’t believe what I saw
Hundred billion bottles washed up on the shore
Seems I’m not alone at being alone
Hundred billion castaways, looking for a home
(The Police)
… — …

Die Arbeit „…in a bottle“ darf gerne von Besuchern ergänzt oder erweitert werden.
Wenn Du eine „Message in a bottle“ hinzufügen möchtest, entferne bitte sämtliche Etiketten von der Flasche.
Dann fülle Deine Textnachricht ein, verkorke die Flasche und lege sie zu den anderen.
… — …

Interessant: Nebeneinander, dicht gedrängt oder weit verstreut, zusammen und doch jede/r für sich allein – damit verwendet sie eine ähnliche Formulierung, wie ich sie in meinem letzten Artikel über das „Strange Days“-Projekt gebraucht hatte. Die Verse aus dem Song von Police drängen sich dabei geradezu auf. Wir wussten damals (1. Juni) nichts voneinander.

Allerdings hatte ich den Gedanken auf den in der Abgeschlossenheit blockierten Prozess der Kommunikation der Flaschenbriefe bezogen und nicht auf das Leben an sich.

Bemerkenswert finde ich, dass die Künstlerin kein Wort dazu schrieb, ob die Flaschenposten von den Besuchern geöffnet und gelesen oder den Fluss hinunter geschickt werden sollten. Auch das drängt sich ja auf. Letzteres hat sich, wie geschildert, quasi von selbst verwirklicht.

Die Einladung an die Besucher, die Installation durch eine eigene Flaschenpost zu ergänzen, halte ich für recht anspuchsvoll. Dazu müssen sich die Beteiligten erst intensiv mit der Idee – sowohl der Idee der Flaschenpost an sich wie auch der des Kunstwerkes –  auseinandersetzen und auch ein Stück Arbeit investieren. Einen Brief zu schreiben oder sonst etwas Kreatives zu Papier zu bringen, ist heutzutage nicht mehr jedermanns Sache. Eine Flasche richtig vorzubereiten kostet auch Mühe. So eine Einladung müsste, wenn sie angenommen werden soll, schon sehr gut vermittelt werden.

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*Inzwischen hat mir Silke Jüngst die hier nachträglich eingefügten Fotos zur Verfügung gestellt. Dafür und für die Erlaubnis, sie hier zeigen zu dürfen sowie für die freundliche Korrespondenz danke ich ganz herzlich! Die wellenförmige Anordnung der Flaschenposten am Ufer soll, so schrieb mir die Künstlerin, den Eindruck erwecken, sie seien hier alle miteinander angeschwemmt worden.

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