Raketen, Papua und wirklich ganz viele Grüße an Curt.


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Countdown im Pazifik: die Raketenabschussplattform „Odyssey“. Im Hintergrund die „Sea Launch Commander“. Foto mit freundlicher Erlaubnis von Larry Trotter.

Ehrlich gesagt, ich hatte bislang gar nicht gewusst, dass es sowas gibt: eine schwimmende Abschussbasis für Raketen! Ich habe mich gleich mal schlau gemacht. Das System des kommerziellen Unternehmes Sea Launch besteht aus zwei Einheiten. Die Abschussplattform Odyssey ist eine frei schwimmende umgebaute Ölbohrinsel, die für jeden Start vom Heimathafen Long Beach in Kalifornien in die Weiten des Pazifiks navigiert wird. Die Zielposition ist dabei 154° W auf dem Äquator. Nachdem die Stabilisierungstanks der Plattform geflutet und die Rakete aufgerichtet und startklar gemacht ist, wechselt die Mannschaft auf das Begleitschiff Sea Launch Commander. Von dort wird der Start gesteuert. Neben Telekommunikations- und Fernsehsatelliten werden von den Spezialschiffen auch noch andere Kommunikationsmittel ausgesetzt. Und das ist wirklich rocket science vom Feinsten:

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Flaschenpost meets high tech. Foto mit freundlicher Erlaubnis von Larry Trotter.

Der Boeing-Techniker Larry Trotter lässt es sich nicht nehmen, bei jedem Start der Zenit-Raketen auch einen bottle launch duchzuführen. Irgendwie finde ich es großartig, dass den Ingenieuren der Sinn für Romantik doch nicht so ganz abgeht!

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„Toss off“ am Äquator. Foto mit freundlicher Erlaubnis von Larry Trotter.

Die Flaschenbriefe hier wurden von Viertklässlern aus Hamilton im US-Bundesstaat Montana geschrieben.

Antwort aus Australien

Wer träumt nicht von so einer Antwort? Zum Vergrößern auf das Bild klicken. Foto mit freundlicher Erlaubnis von Larry Trotter.

Von zwei Findern (10%) gab es Antwort. Die Nachricht von Drew aus Australien finde ich besonders schön! Er schildert, dass eine der Flaschen von einem in einem Einbaum paddelnden Papuajungen aufgefischt und seinem Großvater übergeben wurde. Der Opa hatte nämlich bei einem Törn mit seiner Segelyacht die Insel Gigala von Papua-Neuguinea angesteuert und bei einem Landgang das Dorf der einheimischen Fischer besucht.

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Impressionen aus einem Papua-Dorf.

Ich glaube, so ein Brief ist der Traum eines jeden Flaschenpostschreibers. Antwort von ganz weit her, Eindrücke aus einer anderen Kultur, eine Verbindung zu Menschen jenseits des Ozeans…

***

Vor rund zehn Jahren gelang Larry ein Schnäppchen: 2500 kleine leere Medizinflaschen für „fast nichts“, wie er mir schrieb. Er machte Flaschenposten draus, was auch sonst! In allen steckte als Antwortadresse die von Prof. Curtis C. Ebbesmeyer.

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By Rick Rickman (http://vos.noaa.gov/MWL/dec2001.pdf) [Public domain], via Wikimedia Commons

Unter Beachcombern ist der stämmige Ozeanograph mit dem grauen Vollbart eine Institution. Allen anderen sei er kurz vorgestellt: Der 1943 geborene Kalifornier Curt Ebbesmeyer ist Experte für Meeresströmungen. Konkret untersucht er die Oberflächenströmung der Ozeane anhand von treibenden Körpern. Dazu gehören einerseits von Wissenschaftlern konstruierte Bojen, die mit automatisch arbeitenden Messgeräten ausgestattet sind und über einen Sender per Satellit Angaben über Position, Wassertemperatur, Salzgehalt, meteorologische Daten usw. übermitteln. Es kann aber auch natürliches Treibgut wie Pflanzenteile, Samen, Nüsse, sea beans usw. sein. Richtig populär wurde Curt jedoch durch Studien zu Ladungsverlusten von Schiffen, von denen bekannt war, wann und wo sie über Bord gegangen sind. Wegen der großen Zahl der Objekte (1990: 80’000 Nike-Turnschuhe, 1994: 34’000 Eishockey-Handschuhe) eignen sich solche Ereignisse zur Evaluierung von Computermodellen, die dann beispielsweise zur Vorhersage der Auswirkungen von Meeresverschmutzungen dienen können. Bekanntestes Beispiel für solche verlorene Fracht sind 29’000 Plastik-Spielzeugtiere, die nicht nicht mit Kindern im Planschbecken, sondern ohne menschliche Begleitung im Pazifik baden gingen. 1992 waren sie auf dem Weg von China nach Amerika mitsamt Container von einem Frachter geweht worden. Die Dinger haben inzwischen schon Sammlerwert! Curt hat auf dem Foto einige davon auf der Schippe. Einige der Plastikenten haben es in arg lädiertem Zustand sogar durch die Beringstraße und über das Polarmeer bis nach Europa geschafft! Das ist die witzige Seite der Treibgutforschung, gut geeignet, das Thema populär zu machen. Aber der ökologische Hintergrund von Plastik in den Ozeanen ist schon ernst.

Flaschenpost für Curt

Eimerweise Flaschenpost für Curt Ebbesmeyer. Foto mit freundlicher Erlaubnis von Larry Trotter.

Treibgut bietet auch jede Menge Stoff für  für Döntjes, Skurrilitäten und markabere Geschichten. So hat Curt auch immer mal wieder über treibende Wracks, Sprengstoff am Spülsaum oder auch Wasserleichen geschrieben. Und natürlich auch über Flaschenpost. Nur selbst hat er, so heißt es, noch keine gefunden. Grund genug, ihn wenigstens als Adressaten für die Antworten anzugeben, dachte sich Larry Trotter. Im Laufe von zehn Jahren ging immer mal wieder, wenn irgendein Satellit in den Orbit geschossen wurde, eine Ladung von 250 dieser kleinen Fläschchen über die Reeling der Sea Launch Commander. Leider gibt es noch keine Berichte über Funde. Na ja, manche Südseeatolle sind eben nicht nur traumhaft schön, sondern auch einsam. Außer gelegentlich einer Meeresschildkröte kommt da niemand vorbei. Oder die Buddeln stehen in den Pfahlbauten von Papua-Fischern, die sich Papier und Porto für einen Brief in die USA nicht leisten können. Oder die Flaschen drehen noch ihre Runden… Wenn die Strömungsmodelle stimmen, könnte Curt inzwischen sogar am heimatlichen Strand in Kalifornien fündig werden: Strömunssimulation _________________________________ Ein herzliches Dankeschön geht an Larry Trotter, der mich mit den vielen Fotos und Informationen versorgte! 🙂  

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Kategorien: Flaschenpostmeldungen und Flaschenpostreisen, Sender und Sammler | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

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