Meine Flaschenpost-Zielgruppe.


Der Wind schüttelt die Eicheln, Kastanien und auch schon einige Blätter von den Bäumen. Gänsescharen ziehen südwärts. Bei uns kann man beobachten, wie sie, von der Ostsee kommend, den Förden folgen, um dann nur eine kurze Landstrecke bis zum Nordfriesischen Wattenmeer überfliegen zu müssen. Auf jeden Fall: Es ist Herbst. Und damit Flaschenpostsaison.

Kliff

Flaschenpostsaison? So was gibts?

Ja, jedenfalls für mich als Flaschenpost-Redakteur. Der eine Grund dafür ist vordergündig. Jetzt haben wir häufiger eine Westwetterlage als im Sommer. Von meiner bevorzugten Stelle zum Aussetzen am Leuchtturm Bülk haben die Seeflaschen bei West- und Südwestwind die größte Chance, überhaupt von der Küste freizukommen. Allerdings ändert sich das schnell mal. In der letzten Woche hatten wir recht heftigen Ost-Nord-Ostwind mit zeitweilig 8 Bft. Meine am Sonntag zuvor bei schwachem Westwind ausgesetzte Flaschenpost (Nr. 48) dürfte also am Schönberger Strand unsanft aufs Ufer geworfen sein. Oder sie wurde direkt in die Kieler Förde zurückgetrieben.

Keine lange Reise also. Aber in der Ostsee, zumal in der engen Kieler Bucht, sind lange Driftfahrten sowieso die Ausnahme. Die Flaschenposten werden also recht bald gefunden. Selbst eine Reise in die „Dänische Südsee“ dauert von hier aus kaum länger als zwei oder drei Wochen. Das heißt, der Zeitpunkt des Antreibens lässt sich grob kalkulieren.

Und damit lässt sich auch abschätzen, welches Publikum am Strand anzutreffen ist. Im Sommer sind das nun mal viel Badegäste. Oft von jener Sorte, für die das Meer nur eine salzige Badegelegenheit und der Strand eine weiche Unterlage zum Sich-in-der-Sonne-Grillen ist. Für die ist wichtig, dass es im Wasser keine Quallen und am Strand keine Steine gibt. Solche Leute werden vielleicht mal den Kopf vom Badelaken heben, wenn ein Kreuzfahrtschiff vorbeizieht. Vielleicht machen sie auch ein Foto vom Sonnenuntergang, – den Sonnenaufgang haben sie wahrscheinlich verschlafen.

Dort, wo die Kurverwaltung zu Beginn der Vorsaison die Handschrift der Natur sorgfältig ausradiert, verpassen sie das Schauspiel des Meeres. Ich meine jenes große Theater mit Stürmen, die Strandwälle aufwerfen, mit dem Orchester der Brandung, der permanenten Bewegung von Sand und Kieseln. Mit dem melancholischen Flöten des Brachvogels und dem eiligen Trippeln der Regenpfeifer. Mit angeschwemmtem Seetang, der vom Wellenschlag am Strand zu Mustern drapiert wird, dass er aussieht wie das Haar von Jugendstilmedusen. Dazwischen angetriebene Vogelsklelette, an denen noch zerfledderte Federn hängen, – das Lied von Leben und Tod wird auf dieser Bühne gesungen!

Hier hat auch der Flaschenpostschreiber seinen bescheidenen Auftritt. Er verpackt seine Worte wie ein Geschenk und vertraut sie der Natur an: dem Wind, und der Strömung, die sie an einen unbekannten Ort bringen. Den großen oder kleinen Wellen, die sie irgendwo sanft auf den Strand legen, heimlich unter anderem Treibgut verstecken oder hart auf irgendein Geröll werfen.

Das Stück, das hier gegeben wird, verlangt ein besonderes Publikum. Menschen, die bereit sind, zu kommen und dafür den Preis steifgefrorener Finger und einer im kalten Wind leckenden Nase zu bezahlen. Menschen, die sich mit den Darstellern, seien das nun Nebel, Steine oder Austernfischer, vertraut machen wollen. Menschen, die aufmerksam schauen, hören und fühlen. Menschen, die voll Neugierde sind und die Spannung eines in einer Flasche verborgenen Wortgeschenkes – und sei dies nur der Name eines Kindes – zu schätzen wissen.

Ich denke, diese Leute sind dann am Strand zu finden, wenn die anderen weg sind. Im Herbst, im Winter und im Frühjahr. Dann kommen Naturbeobachter, Geschiebesammler, Strandjutter. Leute wie ich.

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6 Gedanken zu „Meine Flaschenpost-Zielgruppe.

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  3. Moin Moin!

    Von einer Flaschenpostsaison habe ich bisher in der Tat noch nichts gehört, obwohl es mir beim Durchlesen mehr als logisch erscheint.
    Desweiteren freue ich mich, dass wir wohl zu der zweite Sorte Mensch gehören, die die nämlich die Strände hauptsächlich in der Nebensaison unsicher machen, entdecken, lauschen und fühlen. Das ist für uns die schönste Zeit am Meer.

    Liebe Grüße,
    Claudia

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