Wie hoch ist die Chance, auf eine Flaschenpost Antwort zu bekommen?


Jemand fragte heute danach. Antwort auf diese Frage bekommt man am Besten von denen, die viele Flaschenposten ausgesetzt und darüber auch Buch geführt haben.

Da wäre zunächst die Deutsche Seewarte zu nennen, die mit Flaschenposten die Erforschung von Meeresströmungen vorantrieb und auch die Archivierung der zurückgesendeten Flaschenbriefe mit preußischer Korrektheit sicherstellte. Die Sammlung, die sich heute im Bundesamt für Seeschiffahrt und Hydrographie in Hamburg befindet, enthält 662 dieser Dokumente. Das sind ca. 12 % der im Auftrag der Seewarte zwischen 1864 und 1933 weltweit ausgesetzten Flaschenposten.

Zwar ist die von den damaligen Ozeanographen benutzte Methode längst nicht mehr auf dem aktellen Stand der wissenschaftlichen Möglichkeiten, aber sie findet immer wieder Nachahmer. Einige Lehrer versuchen ihren Schülern ein Verständnis für die Bedeutung der Meeresströmungen zu vermitteln, in dem sie sie wie Anno dazumals Flaschenposten verschicken lassen. Einer von ihnen ist der Japaner Toshio Enjo. Seine  Schüler aus Tottori an der Westküste von Honshu setzten in den 70er Jahren rund 5500 Seeflaschen aus und erhielten 760 Antworten.

Captain Sean Bercaw, der seit seiner Jugend etwa 200 Flaschenposten ins Meer warf, bekam rund 40 Rückmeldungen.

Georg Ertle hat im vorigen Jahrhundert rund 600 Flaschenposten auf Reisen geschickt, meist im Atlantik. Über 100 Antworten kamen zurück, also ein ähnliches Ergebnis wie bei Bercaw. Die letzte Buddel war 34 Jahre unterwegs:

Erfolgreicher ist der kanadische Fischer  Harold Hackett. Er ist der Spammer unter den Flaschenpostlern. Bis Oktober  2011 hat er 5231   PET-Flaschen in den Atlantik geworfen.  Sein professionelles Vorgehen, – er rüstet die Flaschen mit Reflektorstreifen aus und benutzt inzwischen sogar  fluoriszierendes Papier -, brachten ihm eine Antwortquote von 60,1 % ein. Aber auch die Negativseite muss betrachtet werden. Über 2000 seiner Plastikflaschen mitsamt Isolierband und Reflektoren wurden nicht gefunden. Sie liegen also als Müll an arktischen Küsten oder zerbröseln unter der tropischen Sonne. Ihre Zerfallsprodukte landen in den Mägen von Stumvögeln und anderen Seetieren, die daran verenden (weiteres hier). Was in kleinem Rahmen ein netter Spaß ist, wird durch Hackett zur Meeresverschmutzung, womit er leider auch den Rest der Zunft in Verruf bringt.

Zurück zur Ausgangsfrage. Die Wahrscheinlichkeit einer Antwort ist natürlich zunächst mal davon abhängig, ob ein Landfall an der Costa del Sol oder in Patagonien zu erwarten ist, ob die Leute dort, sofern es diese überhaupt gibt,  die Sprache des Briefes lesen können oder ob sie Geld für das Porto aufbringen können (manche Flaschenpostautoren loben sogar eine Belohnung für die Rückantwort aus!). Der Treibgutforscher Prof. Curtis Ebbesmeyer geht, weltweit betrachtet, von folgenden Zahlen aus:

  • 30% der Flaschen landen an einsamen Küsten (Wüsten wie die Atacama oder Namib, Arktis oder Antarktis, sumpfige Flussdeltas, Mangrovenwälder usw.) und werden deshalb nicht gefunden. (Ich würde sagen: nicht so schnell gefunden.)
  • 30% werden gefunden, aber nicht beantwortet,
  • 10% werden von Küstendünen begraben,
  • 10% treiben 10 Jahre und länger herum (Ha! Die werden richtig wertvoll!),
  • 10% überstehen die Reise nicht (Untergang durch undichte Verschlüsse, zerbroselndes Plastik bei Plasikflaschen, Flaschenbruch bei hartem Landfall von Glasflaschen).
  • 10% werden gefunden und beantwortet.

Wirklich endgültig verloren wären demnach nur die 30% weggeworfenen und die 10% zerstörten Flaschenposten. Dass Uralt-Buddeln von Wanderdünen wieder freigegeben werden, ist ja schon häufiger vorgekommen.

In europäischen Randmeeren, mit relativ viel Tourismus an den Küsten und einem vergleichsweise hohen Bildungs- und Lebensstandard der Bevölkerung, darf man jedenfalls von einem höheren Rücklauf erwarten als von Ebbesmeyer angegeben. Dafür würde ich von einer höheren Flaschenbruchquote ausgehen als der kalifornische Ozeanograph.

Ich selbst bin überzeugt, dass die Sorgfalt und Originalität, mit der die Flaschenpost gemacht ist, einen wesentlichen Einfluss auf das Interesse des Finders hat. Was müllig aussieht, wird leicht auch wie Müll behandelt. Wer dem Finder mit einem charmanten Text eine Freude macht, kann sich seiner Aufmerksamkeit dagegen sicher sein.

Und noch was, was ich beinahe vergessen hätte: Wer keine Adresse hineinschreibt, hat erheblich schlechtere Chancen! 😉 😀 Was aber längst nicht heißt, es sei ausgeschlossen!

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Ein Gedanke zu „Wie hoch ist die Chance, auf eine Flaschenpost Antwort zu bekommen?

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