Flaschenpostfindetage.


Eigentlich ist es überfällig, diese Geschichte weiter zu schreiben. Aber es gab in den letzten Tagen viel zu tun. Unter anderem war einiges an Post zu erledigen. Flaschenpost. Flaschenpost von jungen Damen. Und das duldet natürlich keinen Aufschub. 😉

Am 19. September fand ich drei Flaschen mit ganz tollen Bildern, die Mädchen im Alter von viereinhalb, fünf und sieben Jahren während einer Hochzeitsfeier gemalt hatten. Und am 4. Oktober gab es wieder Flaschenpost. Wieder von drei Mädels, dieses mal etwas älter (den Handschriften nach vielleicht zwischen 12 und 14). Die drei hatten zusammen eine Buddel auf die Reise geschickt.

Natürlich bekamen alle einen ausführlichen Fundbericht als Antwort. Den ersten drei, die ja noch sehr jung sind, schrieb ich ein bischen im Ohrenbär-Stil¹:

Kiel, 19. September 2016

Liebe Johanna, liebe Anna, liebe Victoria!

Jeden Morgen, wenn ich aufgestanden bin, schaue ich als erstes aus dem Fenster. Wie das Wetter wohl heute ist? Dichte Wolken zogen über den Himmel. Der Sommer mit seinen warmen, sonnigen Tagen ist also vorbei. Die Wolken zogen schnell über den Himmel. Sie kamen von Nordosten, von der Ostsee her. Es blies also ein kräftiger Wind. Und der Wind musste auch von der Ostsee her kommen. Da wusste ich: Heute ist Flaschenpostfindetag!

Es gibt nämlich Flaschenpostfindetage und Flaschenpostverschicktage. An einem Flaschenpostfindetag kommt der Wind vom Meer. Dabei treibt er nicht nur die Wolken über den Himmel. Er wühlt auch das Meer auf, so dass es Wellen gibt. Und die Wellen treibt der Wind auch vor sich her auf das Land zu. Mit Getöse rauschen sie an den Strand. Ich mag das sehr, das Donnern der Wellen.

Wenn der Wind und die Wellen über das Meer kommen, dann bringen sie viele Dinge mit, die ins Wasser gefallen sind oder die sich irgendwo losgerissen haben. Treibholz, Tang, Vogelfedern, Reste von Fischernetzen, alles Mögliche. Manchmal auch Flaschenpost. An Flaschenpostfindetagen kann man am Strand mit etwas Glück Briefe in Flaschen finden.

An Flaschenpostverschicktagen ist es umgekehrt. Da kommt der Wind von Land her und bläst aufs Meer hinaus. An solchen Tagen wird nichts angetrieben. Jedenfalls nicht auf dieser Seite des Meeres. Wenn man an einem Flaschenpostverschicktag eine Flaschenpost ins Wasser wirft, dann treibt der Wind sie hinaus und die Wellen nehmen sie mit. Ich mache das gern, einen Brief schreiben, in eine Buddel stecken und mit Schwung ins Wasser werfen. Dann schaue ich hinterher, wie meine Flaschenpost davontreibt, so weit, bis ich sein nicht mehr sehen kann. Wo sie dann wohl hinschwimmt? Vielleicht auf die andere Seite der Kieler Förde, nach Laboe. Oder bis Fehmarn. Oder bis Dänemark. Oder sogar bis Schweden oder Polen? Oder noch weiter weg bis zu den Ländern am anderen Ende der Ostsee, wo das Meer nicht mehr weiter geht? Möglich wäre es ja.

Aber heute ist Flaschenpostfindetag. Am liebsten wäre ich gleich an den Strand gefahren und hätte einen langen Spaziergang gemacht, ganz nah am Wasser. Und mit etwas Glück hätte ich vielleicht eine Flaschenpost gefunden. Aber das ging nicht. Meine Frau und ich hatten einen Besuch bei einer alten Dame geplant und das machten wir dann auch. Der Besuch war toll. Die Dame hatte nämlich etwas Spannendes erlebt.

Sie erzählte, dass sie heute Morgen in der Seebadeanstalt Düsternbrook gebadet hätte. Dort sei ein großer Delfin zu den Badegästen geschwommen. Der hat sogar Leute angestupst, weil er mit ihnen spielen wollte. ‚Ob er mich wohl auch mal anstupst?‘, dachte die Dame. Aber leider wurde sie nur von einer Feuerqualle angestupst, und das tut ganz doll weh.

Ich hatte noch nie einen freilebenden Delfin gesehen. Nachdem meine Frau und ich den Besuch beendet und uns verabschiedet hatten, wollte ich unbedingt nachgucken, ob der Delfin noch da ist. Also gingen wir zur Kiellinie an der Kieler Förde. Aber der Delfin war nicht mehr da. Er hatte wohl gerade etwas anderes zu tun.

In der Wiker Bucht war ganz viel Seegras angeschwemmt. Unterhalb der Ufermauer schwabberte ein breiter Teppich davon herum. Ich sah ihn mir genau an. Ich habe nämlich einen Flaschenpostblick. Wo Seegras antreibt, kann auch Flaschenpost antreiben, dachte ich. Außer Seegras schwamm da auch eine ganze Menge Müll: Coladosen, Plastiktüten und wer weiß nicht, was alles. Und…

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Mit Flaschenpostblick entdeckt…

…tatsächlich! „Guck mal“, rief ich meiner Frau zu, „eine Flaschenpost!“

„Wo denn?“, wollte sie wissen. „Da unten! Die Plastikflasche mit dem roten Deckel. Da ist ein Zettel drin! – Und da, noch eine!“

Verflixt, dachte ich. Die Ufermauer ist zwei Meter hoch, wie soll ich da herunterkommen und die Flaschenposten herausfischen?! So ein Pech! Ich musste sie einfach schwimmen lassen. Und das heute, an einem Flaschenpostfindetag, wo ich doch so gerne eine Flaschenpost gefunden hätte.

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…aber wie da rankommen?

Aber, so überlegte ich, wenn da schon zwei Flaschen mit Briefen schwammen, dann könnte es vielleicht noch mehr geben. Vielleicht gab es irgendeine Aktion, wo ganz viele verschickt wurden.

Jetzt musste ich genau aufpassen. Am Ende der Wiker Bucht, gleich bei der Tirpitzmole, gibt es nämlich ein Stück Strand. Ein Schmuddelstrand, weil da immer ganz viel Dreck angeschwemmt wird. Bierflaschen, Dosen, Fischkisten, Pommes-Frites-Verpackungen, Badelatschen – schlimm, was die Leute so alles ins Wasser werfen statt in die Mülltonne! Aber es ist die einzige Stelle, wo ich an den Spülsaum herunterkommen könnte. Und wenn es tatsächlich heute noch mehr Flaschenposten hier in der Nähe geben sollte, dann war dort die einzige Chance, sie zu finden und mitzunehmen.

Und…

…ja!!!

Gleich drei Stück lagen dort zwischen Seegras und Modder. Würde ich ohne Gummistiefel hinkommen können, um sie herauszufischen? Zum Glück fand ich einen langen Ast. Damit zog ich alle drei an den Strand, spülte sie ab und nahm sie mit. Eine haben wir gleich geöffnet. Es war die von Johanna. In die anderen habe ich erst zu Hause hineingeschaut, die von Anna und zum Schluss die von Victoria.

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Die Beute des Tages.

Und ich freue mich ganz riesig! Drei Flaschenposten an einem Tag! Und dann noch an einem Tag, wo ich gar nicht „richtig“ einen Strandspaziergang zum Flaschenpostsuchen machen konnte.

DANKE! DANKE für eure schönen Bilder!

Ich glaube, ihr Drei seid richtige Glücksfeen!

Und wenn man von drei Glücksfeen drei Flaschenpostbriefe an einem Tag bekommt, dann hat man drei Wünsche frei! Stimmt doch, oder?

Dieses sind meine drei Wünsche:

Als Allererstes wünsche ich mir, dass ihr Julia und Andreas anruft und ihnen ganz herzliche Glückwünsche nachträglich zu ihrer Hochzeit vom Flaschenpostfinder weitersagt.

Als Zweites wünsche ich mir, dass ihr all den anderen Flaschenpostschreibern oder Flaschenpostbildermalern, deren Flaschen ich schwimmen lassen musste, einen herzlichen Gruß von mir bestellt.

Als Drittes wünsche ich mir, dass ihr meiner letzten Flaschenpost die Daumen drückt. Damit hat es nämlich etwas Besonderes auf sich. Ich war nämlich vor einer Woche in ein Museum in Frankfurt/Main eingeladen. Dort in Museum werden gerade in einer Sonderausstellung ganz viele Flaschenposten gezeigt. Ich habe eine Flaschenpost gebastelt und mitgenommen. Und die haben wir in einen Fluss, den Main, geworfen. Der Main fließt in einen anderen großen Fluss, den Rhein. Und der Rhein fließt in die Nordsee. Meine Flaschenpost soll es nun schaffen, bis zur Nordsee zu schwimmen. Das sind 550 Kilometer. Wenn sie es schafft, dann ist das ein Rekord, denn so weit hat es auf einem Fluss noch nie eine Flaschenpost geschafft. Aber ihr seid ja Glücksfeen. Und wenn ihr der Flaschenpost Glück wünscht, dann schafft sie es bestimmt!

Und dann noch herzliche Grüße und auch ein paar Zeilen an die Eltern mit einem Hinweis auf dieses Blog. Die sollten ja wissen, was für ein komischer Vogel ihren Sprösslingen so enthusiastisch schreibt.

***

Mit dem besagten Schmuddelstrand an der Kieler Innenförde geht es mir wie mit dem Briefkasten. Immer, wenn ich vorbeikomme, gucke ich nach Post. Ich hoffe ja immer, im Briefkasten zwischen all der Werbung und dem Behördenkram auch mal etwas Persönliches, Handgeschriebenes zu finden. Beziehungsweise zwischen all dem angetriebenen Müll am Ufer mal eine Flaschenpost. Beides ist selten. Trotzdem, nachgucken lohnt sich. Gerade an Flaschenpostfindetagen. Und gerade in den letzten Wochen hatten wir hartnäckig Ost- oder Nordostwind, an manchen Tagen sogar recht heftig. Also hielt ich am 4. Oktober auf dem Weg in die Stadt kurz mit dem Rad an, um einen Blick von der Ufermauer zu werfen.

Jupps! Vom Hochwasser sorgsam auf Tang gebettet lagt da eine grüne Glasflasche mit Schraubverschluss, wie extra für mich hingelegt! Mit Brief darin!

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Wie für mich hingelegt: Eine Flaschenpost wie aus dem Bilderbuch!

Da waren Profis am Werk, das konnte ich schon von oben erkennen. Der Zettel war sorgsam aufgerollt und zusammengebunden. Eilig sprang ich von der Mauer und schnappte mir meine Beute. Es war etwas Wasser in die Flasche gelangt, der Brief war also durchnässt. Das hieß: Geduld! Ich wollte das aufgeweichte Papier ja nicht beim Abrollen zerfleddern. Da mochte meine Neugier so zappeln, wie sie nur wollte, die Flaschenpost musste erstmal ungelesen mit nach Hause.

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Etwas Wasser ist doch hineingelangt.

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Leckgeschlagen.

Bei näherem Hinsehen entdeckte ich ein winziges Loch im Glas. Das musste von innen durch die Glasmurmel, die mit in der Flasche eingeschlossen war, hineingeschlagen worden sein.

Nachdem ich die Schleife des violetten Fadens aufgezogen hatte, konnte ich den Brief vorsichtig mit Hilfe eines Falzbeines abrollen und endlich gucken, was es damit auf sich hatte.

Hach, wie hübsch! Ein Gruß vom Ostufer der Kieler Förde, versehen mit zauberhaften kleinen Zeichnungen mit maritimen Flair. Sogar der Delfin Fiete (andere nennen ihn Freddy) war dabei. Auch Längen- und Breitengrad des Abwurfes fehlten nicht. Nathalie, Elisabeth und Helene hatten die Flaschenpost am Tag zuvor in der Nähe des Ehrenmales Möltenort am Ostufer der Kieler Förde gestartet. Sie war also etwa drei Seemeilen weit gekommen.

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Danke, ihr Drei!

„Wenn du kannst, schick uns doch bitte einen Brief“, stand darunter. Und ob ich konnte! Ich hoffe nur, dass der Postbote alle Mädels kennt, die da in dem Haus wohnen. Ein Nachname stand nämlich nicht dabei.

Na, was die Drei wohl denken, wenn sie einen so begeisterten Brief von einem doch schon etwas angegrauten Knaben bekommen? 😀

Tja, ihr Hübschen, schiebt doch gleich noch einen Buddelbrief nach! Vielleicht bekommt ihr ja auch mal Post von einem Finder, der ein paar Jahrzehnte jünger ist und der seiner Antwort Kinokarten oder eine Einladung ins Eiscafé beilegt. 😉

________________________

¹Ohrenbär: eine Radiosendung im NDR mit Gutenachtgeschichten für Kinder.

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Kategorien: Flaschenpostmeldungen und Flaschenpostreisen, Persönliche Geschichten, Sammelsorium | Schlagwörter: , , , | 9 Kommentare

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9 Gedanken zu „Flaschenpostfindetage.

  1. hey, das sind ja wunderschöne geschichten! der zeitverzug der anderen geschichte ist dir damit leicht verziehen 🙂 und du bist ein glückspilz, dass du so viele flaschenposten findest! solltest du jemals eine von mir finden, möchte ich bitte auch so einen zauberhaften antwortbrief haben. einfach rührend!

  2. Dalex

    Wir haben heute eine schöne Flaschenpost verschickt.Ich hoffe sie findet den Weg raus ins weite Meer!! Mfg

    • Viel Erfolg! 🙂 Wo habt ihr sie denn ausgesetzt?

      • Dalex

        In Kollmar !! Ist natürlich ein langer Weg zur See, und die Gezeiten erschweren es natürlich!

  3. Pingback: Freyas Wanderflaschenpost. | flaschenposten

  4. Dalex

    Ich bin seit längerm auf der suche nach einem weltweiten forum für flaschenpost,´wenn es sowas gibt,denn ich habe es noch nicht gefunden! vielleicht kennt ja jemand hier solche seite. ich finde es sehr interessant wo und wann wie überhaupt mal eine flaschenpost irgendwo hingekommen ist!!! Mfg

  5. dalex

    ok vielen dank

  6. Wenn ich mal eine Flaschenpost aussetzte, würde ich mir wünschen, dass Du sie findest … damit ich einen so tollen Antwortbrief erhalten könnte 🙂
    Toll geschrieben, Dein Artikel ebenso wie der Antwortbrief…liebe Grüße!

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