DO IT! – Flaschenpost und Bucket Lists


„Wie lang lebte man denn? Dreißig, fünfzig, siebzig Jahre vielleicht. Musste in dieser Zeit den Dschungel gesehen haben, die Wüste, die Kette des Himalaja, von Darjeeling aus, und die Türme von Manhattan. Wozu war einem sonst die Welt gegeben?“
Alfred Andersch, Kirschen der Freiheit.

„To kick the bucket“ heißt im Englischen so viel wie „den Löffel abgeben“ oder „über den Jordan gehen“. Für jeden heißt es ja mal rien ne va plus und der Sensemann weist einen in die Kiste. Und auf einer bucket list stehen die Dinge, die man unbedingt erlebt haben möchte, bevor Gevatter Tod einem mit bedeutungsvoller Geste die Knochenhand auf die Schulter legt.

Es scheinen besonders junge Frauen zu sein, die da mal mehr, mal weniger ernst, ihre Ideen dazu aufschreiben und das dann in ihren Weblogs veröffentlichen. Es ist ganz reizvoll, da zu stöbern und zu gucken, was die Jugend von heute so im Leben vor hat. Da sind die großen Lebenspläne:

Das Medizinstudium absovieren,

den Doktortitel erhalten,

in einem weißen Kleid heiraten,

eine echte Familie haben, schreibt eine Studentin.

Reiseziele werden genannt, wie die von Alfred Andersch im Zitat oben. Aber auch einfach verrückte Sachen, die Spaß machen. Oder irgendwas, was man sich einfach nur noch nicht getraut hat:

Ein Elefantenbaby umarmen. – Okay, aber bitte erst die Elefantenmama fragen, ja? Die sind da manchmal ein bischen eigen.

Einen Baum pflanzen. – Hab ich als Dreizehnjähriger gemacht. Einen kleinen Eichenschößling. Auf dem Friedhof auf einem verwahrlosten Grab neben dem meiner Oma. Letztens war ich mal wieder da. Die Gräber sind längst eingeebnet, aber die Eiche steht da noch, sorgfältig beschnitten vom Friedhofsamt. 😉 Sie ist wohl über zehn Meter hoch, der Stamm fast 40 cm dick.

Im Laufe der Zeit sind anderswo noch viele Bäume hinzugekommen. Im Herzen bin ich nämlich immer noch ein kleiner Junge. Im Herbst habe ich immer die Taschen voller Eicheln, Pflaumenkerne und Bucheckern, um sie an öden Orten in die Erde zu drücken.

Eiche

Eines meiner Baumkinder in unserer Straße.

Verkehrt herum eine Rolltreppe auf- oder runterlaufen. – Ich war zwölf, als mir so eine Aktion einen herrlichen Anpfiff einbrachte. Über den Lautsprecher im Hamburger Hauptbahnhof. Alle in der riesigen Halle haben es gehört. Und geguckt. Der erste Schritt zum Weltruhm! 😀

Eine Sternschnuppe sehen. – Ich weiß noch, wann ich meine erste sah. Ein halbes Jahr vor dem Abi waren wir mit einer Schülergruppe auf Sylt. Mit ein paar Jungs haben wir uns einfach abends an den Strand gelegt und das Sternenzelt bewundert. Zum ersten mal sah ich auch, fern der Großstadtlichter, die Milchstraße. Einer der Kumpels konnte die Sternbilder erklären. Und ZACK, – da war sie!

Unter freiem Himmel schlafen. – Wir sind damals nicht die ganze Nacht am Strand geblieben. Aber mit den Pfadfindern hatte ich schon öfters ohne Zelt im Wald geschlafen. Das erste mal war es grauenvoll. Ich war erst zwölf, noch ein richtiges Greenhorn und es kam ein Unwetter auf. Ob ich da überhaupt geschlafen habe, wage ich zu bezweifeln. Aber beim nächsten Mal war es richtig romatisch!

Um Punkt Mitternacht über einen Friedhof laufen. – Komm, ich zeig dir unseren! Da gibt es Waldkäuze. Und scheue, verwilderte Katzen. Das wird toll! Übrigens, was mit einem passiert, wenn man Nachts über den Friedhof streunt, ist wissenschaftlich untersucht worden. Soll ich es dir erzählen? Nee, ich lass es lieber, sonst kommst du doch nicht. 😉

Einen Tandemspung mit einem Fallschirm machen. – Das lässt sich einrichten, also los! Noch nicht ganz überzeugt? Dann guck mal, – aber nicht die letzten zehn Sekunden verpassen:

Zeit verschenken. – Rechne damit, dass man dich zum König macht! Heute habe ich eine Afrikanerin im Kirchenasyl besucht. Arm wie eine Kirchenmaus, sie bekommt ihre Lebensmittel von einer Tafel. Aber selten hat mich jemand so liebevoll bekocht (wollte ich garnicht, aber versuch mal, zu einer so herzlichen Mama-Afrika „nein“ zu sagen!), da war ich selbst der Beschenkte!

Richtig Englisch sprechen können. – 😀 Das sollte ich auch endlich mal lernen! Egal, Hauptsache, man traut sich. My English is so what of underearthy, aber ich mute es ganz dreist sogar Briten und Amerikanern zu. Und sie tragen es mit Fassung. 🙂 Nee, ehrlich, ich hab schon mit australischen Aborigines via Internet gechattet, -die führen immer noch ihre Jugendlichen auf den Traumpfaden mythischer Ahnen zu Initiationsriten in die Wüste.  Und mit Inuit in Kanada, – solchen, die echt noch mit Hundeschlitten rausfahren, am Eisloch fischen und die in der Tundra Karibus jagen. Wie sollte so ein Austausch  gehen, wenn man sich ziert?

Eine Flaschenpost verschicken. –  Über dieses Stichwort bin ich auf die bucket lists gestoßen. Die Flaschenpost taucht da immer wieder auf. Mich juckt es dann, zu antworten:

„Was hält dich eigentlich ab? Davon, dass der Punkt auf deiner Liste steht, kann ich deinen Flaschenbrief nicht finden. Das Ziel ist doch ist nicht so aufwendig wie alle Kontinente bereisen. Und nicht von anderen abhängig wie einen Nobelpreis gewinnen.

Alles, was du brauchst, ist eine Glasflasche mit Deckel oder Korken, ein Zettel und ein Stift. Vielleicht noch ein Faden oder zwei Büroklammern. Guck also gleich mal in den Karton mit dem Altglas. Papier und Stift sollten sich auch im digitalen Zeitalter in jedem Haushalt finden lassen. Notfalls tut es eine Brötchentüte, auch auf einem Kassenzettel oder dem Schokoladenpapier lässt sich schreiben.

Und dabei kannst du gleich noch ein paar andere Punkte abhaken. Stand auf deiner Liste nicht noch

eine Geschichte oder ein Gedicht schreiben? – Trau dich! Es muss ja nicht lang sein. Guck mal, was Feodora Federkiel hier angestellt hat!

Kindern ein Lächeln ins Gesicht zaubern können. – Kannst du! Du solltest mal die großen Kulleraugen und das Strahlen sehen, wenn sie deine Buddel finden!

Die große Liebe finden. – Ich weiß von drei Fällen, wo es wirklich geklappt hat. 🙂 „

Lisas Flaschenpost

Echt schick, die Flaschenpost von Lisa! Foto mit freundlicher Erlaubnis von Lisa Middleton.

Auch Lisa Middleton hat „Message in a Bottle“ auf der bucket list ihres Blogs stehen, gleich als allerersten Punkt. Aber bei ihr ist der schon abgehakt. Eine richtig schicke Flaschenpost ist da zu sehen. Und die hat es in sich. In ihrem temperamentvoll mit Filzer geschriebenen Buddelbrief fordert sie den Finder nämlich selbst auf, irgendwas Tolles oder Verrücktes zu machen, auch wenn es nur was Kleines ist. „LIFE’S SHORT!!“ steht da in Großbuchstaben. Abgeworfen in den Fuss Rother in ihrer Heimatstadt Sheffield.

Und sie hat gleich noch eine Facebook-Gruppe und -Seite für die Flaschenpost und bucket list eingerichtet!  So viel Leidenschaft, da musste ich doch ein wenig genauer auf ihre poppig bunte Hompage mit der lustigen Schnörkelschrift schauen.

Von radialer Dysplasie ist da im Titel die Rede. Ein kurzer Blick ins Internet und dann auf das Blogicon klärten mich auf. Da hatte Mutter Natur bei der Erschaffung dieses Menschenkindes einen Bauplan von Ikea erwischt und die Hände nicht passend zur Stradivari zusammenbekommen. Das scheint Lisa aber genau so wenig auszubremsen wie meine frühere Studienkollegin, die noch weniger Finger an der Hand hatte und ihr Leben doch prima meisterte. Ich würde das bei Lisa wohl auch erst beim Händeschütteln merken. Oder ist euch was aufgefallen? Bei der fröhlichen Frau im blauen Overall im Video oben, meine ich. Ja, das ist Lisa!

Mit dem anderen medizinischen Begriff in Lisas Blog konnte ich nichts anfangen und fragte der Einfachheit halber nach, was das für Auswirkungen im Alltag hat. Ihre Antwort kam prompt:

I was told in August that I have moderate heart failure, Left ventricular impairment and enlarged lv chamber along with the HUGE possibility of Holt-Oram Syndrome and Connective Tissue Disease…. I’ve blogged about it lol.. I’m starting to feel very tired, very nauseated and sick 🤒“

Dann stuppst sie mich mit einem Link auf einen Blogpost. Wie gesagt, mein Englisch ist unterirdisch, aber die vielen Bilder machen klar, was los ist. Verdammt! Ich beiße mir beim Lesen auf die Lippen. Erinnerungen tauchen auf. Der junge Arzt, der mich in ein Besprechungszimmer der Klinik schiebt und mir die Röntgenbilder meiner Mutter erklärt. So ziemlich genau das, nicht von den Ursachen, aber von den Folgen. „Wenn Mama noch Weihnachten erlebt, ist es ein Wunder“, dachte ich damals. Das Wunder geschah, sie erlebte noch zwei Weihnachtsfeste. Allerdings im Seniorenheim, ohne Hilfe ging es nicht mehr. Sie starb dann mit 82 Jahren nach einem arbeitsreichen, erfüllten Leben. Ein gesegnetes Alter. Sie durfte gehen.

Lisa ist dagegen 16 Jahre jünger als ich. Da hat man noch was vor im Leben. Gerade wenn man so ein Ausbund von Temperament ist. Aber es scheint so, als hätte der Sensemann schon mal seine Visitenkarte reingereicht. Zumindest hat die Gesundheit die Handbremse ziemlich angezogen. Aber, wo sie kann, gibt die Künstlerin und Hairstylistin aus Sheffield Vollgas!

„Was würdest du tun, wenn du nur noch sechs Monate zu Leben hättest?“ war eine Frage in einem Workshop zum Thema AIDS, an dem ich vor 30 Jahren mal teilnahm. Da wurden Lebensträume genannt, wie sie auch auf den bucket lists stehen. Aber auch ganz andere Dinge:

Einem vergessenen Menschen einen Brief schreiben.

Eine alte Freundschaft auffrischen.

Danke sagen. Das auch offen ausspechen, wo man es noch nicht getan hat.

Vergeben.

Frieden schließen, auch mit sich selbst.

Vor allem:

Keine Zeit verplempern. Intensiv leben, jeden Augenblick.

Die Seminarleiterin schaute schweigend in die Runde.

Dann schrie sie uns an:

„MACHT DAS DOCH! – WORAUF WARTET IHR?“

Baumstumpf+Pilz

Intensiv leben. Die Welt mit offenen Augen wahrnehmen. JETZT!

Es ist doch klar: niemand ist unheilbar gesund. Um im Bild der englischen Redensart „kick the bucket“ zu bleiben: Wer weiß denn schon, ob Jan Klapperbeen nicht heimlich Eimer in den Weg stellt, die umkippen, wenn man unversehens dagegentritt. Auch wer noch nicht am Stock geht, sollte das im Hinterkopf haben. Dabei geht es nicht darum, mit aller Gewalt den großen Erlebnissen nachzujagen und dann zu verzweifeln, wenn es nicht klappt.

Feder

Jeder Augenblick zählt!

Ein Jugendtraum von mir ist die Safari in der Kalahari. Und ins Okavango-Delta. Aber der Kuhreiher auf dem Rücken eines Nashorns ist bislang in meinem Leben außer Sichtweite geblieben. Aber heute habe ich auf gefrorenem Boden des Vorgartens zwei zarte weiße Federchen entdeckt. Wo die wohl herkommen? – Jeder Augenblick des Lebens zählt. Auch dieser!

Mit offeneren Augen durch die Gegend laufen und etwas Neues, Spannendes entdecken. – Das ist Punkt 101 auf der Liste, die Mimi als Ziel für 1001 Tage aufgestellt hat. Goldrichtig!

Er ist aber noch nicht abgehakt. Seit fast zwei Monaten nicht. Da fehlen 50 Häkchen!

Wieso?

Keine Ausreden!

 

Die Flaschenpost noch nicht gebastelt, weil kein Meer in der Nähe ist? Lisa Middleton hat ihre zweite einfach an einen Baum gehängt.

Man kann sie auch in ein Museum schmuggeln (hab ich mal gemacht) oder zu den Dekorationen in einem Möbelgeschäft. Wenn die Antwort nicht eilt, bieten sich auch Baugruben (unter den Versorgungskabeln, kurz vor den Zuschütten) oder ein Platz unter den Dielen einer Schrebergartenhütte an. Wie gesagt: keine Ausreden! Einfach die Phantasie spielen lassen!

Post scriptum 2.3.2018: Mimi hat übtrigens prompt reagiert! Ihre Flaschenpost ist auf der Donau unterwegs. Hier nachzulesen!

_______________________________________________

Ein herzlicher Dank an Lisa Middleton für den inspirierenden Austausch und die Erlaubnis, Fotos ihres Blogs (auch das Titelbild oben) zu kopieren und zu benutzen! ❤

Weitere Blogs, auf die ich zurückgegriffen habe, sind diese:

seidenwolken
lebensmehr
medicalresearcher
wortzerfetzteanni

 

 

 

 

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Kategorien: Der Geist in der Flasche, Netzfunde | Schlagwörter: , , , , , , , , | 6 Kommentare

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6 Gedanken zu „DO IT! – Flaschenpost und Bucket Lists

  1. OMG!! WOW!! Peter THANKYOU so very much… You’re writing is AMAZING!! I’m lost for words, for a change!! Lol
    Much Love
    Lisa 😀 💖
    KEEP SMILING BECAUSE YOU NEVER KNOW WHO YOUR INSPIRING #K7 #KASABIANSLAW 💛 💙 xx

  2. Die Welt braucht mehr Flaschenposten (Ist das eigentlich die Mehrzahl?). Ich kann es nur empfehlen, von meinen 10 Stück wurden bisher 2 gefunden. Durch eine dieser Flaschen habe wir wunderbare Menschen kennengelernt. ( hundnico.wordpress.com/2017/04/29/unser-urlaubsstrand-soll-schoener-werden/ )
    Also Stift in die Hand und raus ans Meer!!!
    LG Anja 🤗

    • Hi Anja,
      ja, Flaschenposten ist tatsächlich der Plural von Flaschenpost. 🙂 Und du hast recht, es könnten gerne mehr sein. Ich halte jedenfalls immer danach Ausschau, wenn ich am Strand bin. Meistens vergeblich. Irgendwann sagte ich mir, wenn es hier keine Flaschenposten zu finden gibt, mache ich eben selber welche! So nahm mein Spleen seinen Anfang. Bzw. Neuanfang, denn als kleiner Junge hatte ich auch schon welche verschickt. Und mir sogar eine langjährige Brieffreundschaft damit angelacht. (Hier zu lesen.) 😉

  3. schön geschrieben. Ich bin neugierig auf dich geworden. Vielleicht magst du mich per
    Mail oder auf Facebook anschreiben. Ich würde mich über einen Austausch freuen.

  4. Pingback: [dayzero] Der zweite Monat geht vorbei … – Mimis Lebensmehr

  5. fokusfreude

    wieder sehr feinsinnig und tiefgründig … eine freude deinen artikel zu lesen 🙂
    liebe grüße!

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