Wie ich zur Flaschenpost kam


„Was hast du da?“ Auf dem Sonnendeck der Uthlande trotzten ein paar Jungs dem grauen Nieselwetter. Nun drängten sie sich an der Reling um mich herum. Ich hatte eine kleine robuste Sektflasche aus dem Rucksack gekramt. „Eine Flaschenpost,“ erklärte ich und ließ sie einen Blick auf das kleine Röllchen Papier werfen, das in der Buddel eingesperrt war. „Boah, ey! Cool!”

Ich staunte nicht schlecht. Dachte ich doch, für ein „Boah ey“ aus dem Munde der Kids müsste man ihnen schon mit einem Motorrad-Sprung über brennende Strohballen kommen. Oder wenigstens mit dem allerneuesten Computerspiel. Aber die Jungs waren fasziniert von diesem Stück Wohlstandsmüll, dass ich durch ein hineingestecktes Blatt Papier in ein anachronistisches Kommunikationsmittel verwandelt hatte.

Am liebsten hätten sie die Buddel aufgemacht und den Text gleich gelesen. Pech gehabt: Der Korken war mit Siegellack gesichert und darauf prangte der Abdruck eines Uniformknopfes, der mir als Petschaft herhalten musste. So bewahrte der vor dem Altglascontainer gerettete Piccolo sein Flaschenbriefgeheimnis. Nur zu lüften durch irgendeinen Empfänger, der auch für den Absender ein Geheimnis sein sollte. Irgendein Strandwanderer, ein Badegast, Küstenschutzarbeiter oder wer auch immer.

Außerdem: Nur eine Flaschenpost, die dem nassen Element zu Transportzwecken übergeben wird (oder gut versteckt an Land auf einen ungewissen Finder wartet), ist eine richtige Flaschenpost. Alles Andere, diese per Post verschickten Plastikflaschen oder in Glas verpackten und persönlich übergebenen Glückwünsche sind nur ein lächerlicher Abklatsch jener geheimnisvollen Botschaften, die man zwischen Treibgut und Tang am Spülsaum findet.

Also ließ ich mein Fläschchen in die auflaufende Flut wirbeln.

An fast der gleichen Stelle, in der Norderpiep zwischen Föhr und Langeneß, war vor vierzig Jahren meine erste Flaschenpost nach Außenbord gegangen. Dazu kam es so:

In den Sommerferien 1971 verbrachte ich drei Wochen in einem Zeltlager bei Nieblum auf Föhr. Es war ein phantastisches Programm, dass uns von den Jugendpädagogen dort geboten wurde. Es gab Nachtwanderungen und Lagerfeste, Body-Painting-Wettbewerbe, Bastel- und Werkangebote, wir hatten eine Zeltbibliothek und sogar ein mit schwarzen Planen lichtdicht gemachtes Fotolabor! Eine Halligfahrt mit dem Dampfer stand auf dem Programm, eine Wattwanderung nach Amrum und auch  der Besuch des Friesenmuseums in Wyk.

Dort im Museum, irgendwo zwischen Walfangharpunen und nautischem Gerät, entdeckte ich eine mit groben Pinselstrichen rot bemalte Flasche. Dass es eine Flaschenpost zur „Untersuchung der Treibrichtung schwimmender Körper in der Nordsee“ sei, stand in dürftigen Worten daneben.

Ozeanographische Flaschenpost

Historische Flaschenpost im Dr. Carl Haeberlin Friesenmuseum in Wyk auf Föhr

Ich war fasziniert! Welchen Weg mochte die Flasche durch das Labyrinth des Nordfriesischen Wattenmeeres mit all seinen Sandbänken, Prielen, Halligen und Schlickflächen genommen haben? Was lag näher, als selbst so ein Experiment zu starten?

Im Sommer 1973 durfte ich wieder auf das Zeltlager nach Föhr. Im Gepäck dieses mal eine kleine Glasflasche, die ich in der Werkstatt meines Großvaters gefunden hatte. Sie sah sehr altertümlich aus, wohl noch mundgeblasen. Gerade deshalb schien sie mir für ein so romantisches Unterfangen so gut geeignet. Der Zettel darin, der mein Anliegen, meine Adresse und die Bitte um Antwort enthielt, war sicherheitshalber noch in Plastik eingeschweißt. Schweißgeräte zum Verschließen von Plastiktüten waren damals gerade aufgekommen, meine Mutter benutzte es für Tiefkühlkost. Solche Vorsichtsmaßnahmen gegen eindringendes Seewasser wäre wohl nicht nötig gewesen, denn ich hatte die fertig verkorkte Flaschenmündung dick mit knallrotem Siegellack zugekleistert. Meine Güte, ich hatte mir wirklich Mühe gegeben!

Bei der obligatorischen Dampferfahrt klatschte also meine erste Flaschenpost in die Nordsee. Eine spektakuläre Reise war es für die Flasche nicht. Sie trieb am nächstgelegenen Strand bei Wyk an Land. Aber es hat sich doch gelohnt: Finderin war ein ganz liebenswürdiges Mädel aus Hannover, mit dem ich dann eine Weile eine nette, unschuldige Brieffreundschaft pflegte.

Ja, so ging sie los, meine Schrulle mit den Flaschenposten.

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Kategorien: Persönliche Geschichten, Sammelsorium | Schlagwörter: , , , , , , , | 5 Kommentare

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5 Gedanken zu „Wie ich zur Flaschenpost kam

  1. Bester James Ismael,

    zunächst möchte ich Dir danken, dass Du als erster und bisher einziger ein „Gefällt mir“ auf meiner doch recht jungen Blogger Seite hinterlassen hast. Auf Deiner habe ich schon viel gestöbert und gelesen. Morgen geht meine zweite Flaschenpost auf die Reise. Fotos werden auf meinem Blog folgen.

    Ich wünsche Dir mit all Deinen Flaschenposten und Deiner Seite viele Rückmeldungen!

    Beste Grüße,

    Jana

    • Liebe Jana,
      ja, ich war über den Suchbegriff „Flaschenpost“ auf deinen Blog gestoßen. Es sind sehr verschiedene Motive, aus welchen wir – du und ich – Flaschenposten machen. Ich aus purem Spaß und weil ich Strandwanderern eine Überraschung bereiten möchte, du aus dem schweren Verlust deiner Freundin Pia heraus.
      Vielleicht verbindet uns ein wenig die Faszination des Meeres?
      Auch wenn ich weder dich noch Pia kenne, so glaube ich doch, dass du einen schönen Weg gefunden hast, deiner Freundin deine Liebe über ihren Tod hinaus zu zeigen! Das ist berührend!

      Liebe Grüße, James

  2. Pingback: Lück, Locke und die Philosophie der Flaschenpost. | flaschenposten

  3. Pingback: Freitagsfoto. | flaschenposten

  4. Pingback: Fernsehen, Flaschenpost und Phantasie von Jungs: Noch einmal die seltsamen Unglücksbotschaften der Lusitania. | flaschenposten

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