Zum Kaffee bei Freya.


Ich gebe zu, ich war doch etwas aufgeregt, als ich mein Rad an die fremde Garage lehnte und das Schloss durch die Speichen zog. Was mochten die Leute denken, wenn ich einfach so, ohne jede Voranmeldung, bei ihnen klingelte? Würde ich beim Mittagessen stören? Oder die Oma aus der Siesta wecken? Würde man micht für einen Hausierer halten? Oder für einen Spinner? Letzteres vielleicht nicht ganz zu unrecht.

Ich selbst kam mir jedenfalls vor wie ein Stalker. Es schickt sich nicht, Damen nachzuspionieren. Erst recht nicht, wenn man Mitte Fünfzig ist und die Dame gerade mal zwölf Lenze zählt. Aber immerhin hatte sie „mir“ ja einen Brief geschickt. Eine Flaschenpost. Davon hatte ich in meinem letzten Blogpost berichtet. Und natürlich hatte ich zurückgeschrieben.

Damit hätte ich es normalerweise auch bewenden lassen, wenn da nicht ein kleines Problem aufgetaucht wäre. Freya hatte ihre Flasche auf Weltreise schicken wollen. Bis nach Amerika sollte sie kommen, aber mindestens! Nun ist aber die Ostsee, wo ich wohne und die Flaschenpost gefunden hatte, ein Binnenmeer. Zwar mit vielen Ländern ringsum, aber spätestens irgendwo im Baltikum wäre Endstation gewesen, wenn ich sie hier wieder ins Wasser geworfen hätte. Also hatte ich Freya ein paar Alternativen vorgeschlagen.

Egal was andere darüber denken mögen, ich konnte nicht anders, als das Mädchen erst zu nehmen. Gerade so ein Spiel – Flaschenpostverschicken ist ein Spiel! –  ist doch etwas ungeheuer Wichtiges! Es waren bei mir auch schon Hilfsangebote angekommen. Nur brauchte ich dazu die Rückmeldung des kleinen Fräuleins. Die war aber noch nicht da.

War mein Brief überhaupt angekommen? Ich hatte nur die Anschrift und Freyas Vornamen. Keine Ahnung, ob die Postbotin hier genau weiß, wer da so alles wohnt. Oder so plietsch war, zu fragen, falls das nicht an der Tür steht. Vielleicht war Freya auch noch in Ferien und hatte ihre Post noch gar nicht bekommen. Oder sie wohnte gar nicht mehr hier. Ihre Flaschenpost zeigte jedenfalls schon Spuren einer längeren Reise, aber wie lange sie schon in der Ostsee herumgedümpelt war, konnte ich nicht erraten. Oder es war ihr doch zu unheimlich, mit so einem fremden Mann Kontakt aufzunehmen, dazu noch mit einem Verrückten, der vorgab, einen Flaschenpostspleen zu haben? Wer weiß, was dem noch so alles einfiel! Mir waren meine früheren Warnungen an meinen eigenen Sprössling noch zu gut in Erinnerung. Oder, oder, oder…

Um das zu klären, war ich also nun hier, in einer ruhigen Wohngegend am Stadtrand. Am Ende der Straße ein neues schönes Einfamlienhaus, alles gut gepflegt. Mit klopfendem Herzen drückte ich den Klingelknopf. Frau B. öffnete, ich grüßte und nannte meinen Namen. „Entschuldigen Sie die Störung, aber wohnt hier eine Freya?“ – „Äh, ja, warum?“ Hastig schilderte ich mein Anliegen. „Ach, sie hatten diesen Brief geschrieben, mit dem Foto?“ Erleichterung meinerseits. „Freeeyaa, kommst du mal runter? – Sie hat gerade Besuch von einer Freundin, aber kommen Sie doch rein!“

Inzwischen hatte ich Freyas Flaschenpost aus dem Rucksack gekramt. Ein zierliches, aufgewecktes Mädchen in rotem T-Shirt kam mit der Freundin im Schlepptau die Treppe herunter. „Kennst du diese Buddel?“ Eifriges Nicken. Ein zweites Mal wurde ich hereingebeten und dann im Wohnzimmer auf der Couch plaziert. Mein Überfall störte offensichtlich nicht, alles sehr unkompliziert. Wir begannen zu plaudern.

Ich wollte wissen, wie Freya auf die Idee mit der Flaschenpost gekommen war. Sie hatte in den Sommerferien die Flasche mit dem Bügelverschluss im Verkaufsregal bei den Haushatswaren entdeckt, und da stand auch schon der Plan. Die eindrucksvollen Wasserflecken, die dem Zettel ein malerisches antikes Aussehen gaben, waren das Ergebnis einer kunstvollen Präparation mit Kaffee. Abgeworfen hatte sie die Buddel dann am Strand von Eckernförde.

Die Fahrt die sympathische Fördestadt hatte allerdings eine dramatische Ursache. Die Familie hatte ein hilfloses Eichhörnchen aufgefunden. In Eckerförde gibt es eine Eichhörnchen-Schutzstation, wo die putzigen Tierchen gepäppelt werden, bis sie wieder fit für die Freiheit sind. In diesem Falle leider vergeblich, der kleine Nager war nicht mehr zu retten und starb.

Ich hatte diese Buddel nach einer Seereise von (mindestens) 22 Seemeilen gefunden. Sie war aus der einen Förde hinaus und um die Ecke herum in die nächste Förde hineingeschwommen. Erstaunlich, dass sie nicht eher angetrieben wurde. Oder wurde sie das und der Finder hat sich nicht bemerkbar gemacht? Wer weiß…

Jedenfalls fehlte die Liste zum Vermerken der Funde, die Freya mit in die Flasche gesteckt hatte. Aber die hatte ich nun ersetzt und beide Zettel mit Bändseln zum Zusammenbinden versehen.

Freya gefiel mein Vorschlag, die Flaschenpost Ina, meiner Kollegin in diesem Geschäft und Blogautorin von Bottled Fortune, auf ihre Urlaubsreise  an die Westküste Jütlands mitzugeben. Und nach dem Motto „ich kenn einen, der einen kennt“ schien sich die Möglichkeit aufzutun, einem Passagier eine weitere Buddel für eine Kreuzfahrt über den Großen Teich anzuvertrauen. Nur brauchte Freya dafür eine zweite Flasche. Wieder kramte ich im Rucksack und holte eine kleine rote Flasche, ebenfalls mit Schnappverschluss, hervor. „Wie wär’s mit der?“

Nun wechselten wir an den robusten Küchentisch, denn jetzt wurde gebastelt. „Mögen Sie eine Tasse Kaffee?“ fragte Frau B.  Ich brauchte mich nicht zu zieren, denn Freya brauchte auch Kaffee. Zum auf alt Trimmen ihres Papieres. Mir wurde derweil noch ein ein Riesenstück Mohnkuchen vorgesetzt, – superlecker, aus der besten Konditorei am Platze!

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Kaffee lässt vorzeitig altern. Jedenfalls Papier.

Freya schnitt einen Bogen Schreibmaschinenpapier auf das passende Format zurecht. Die Flasche war ja relativ klein und der gerollte Brief sollte dann ja gut hinein- und wieder herausrutschen können, deshalb war falten nicht angesagt. Und dann pinselte sie das Papier mit Kaffee ein. Ihre Freundin kreierte unterdessen kleine Scherenschnitte aus den Papierresten. Zum Trocknen des Blattes kam der Fön zum Einsatz, wobei die Scherenschnitte einen Abflug machten. Freyas Papier war aber noch nicht vergilbt genug. Also noch ein Anstrich, noch mal fönen.

Nun sollten noch angesengte Ränder das antike Flair vollenden. Freya feuchtete die Papierecken erneut mit Kaffee an, denn schließlich sollte bei der Prozedur nicht der ganze Bogen in Flammen aufgehen. Echt schlau, das Mädel! Allerdings war sie dabei etwas zu sparsam, denn plötzlich musste sie doch mit dem lichterloh brennenden Streifen ganz fix zur Küchenspüle rennen und löschen. Alles kein Problem. Dann gab es eben einen zweiten Anlauf mit einem neuen Bogen Papier: pinseln, fönen, pinseln, fönen, Ecken pinseln, ankokeln, fönen.

ankokeln

Feuer ersetzt den Zahn der Zeit.

Und endlich den Brief schreiben. Die Zwölfjährige ist recht sicher in Englisch. Kein Wunder, sie hat ihre Kindergartenzeit in den USA verbracht, war also zeitweilig zweisprachig aufgewachsen. Aus beruflichen Gründen kam die Familie viel in der Welt herum. Bis das Mädchen sein Werk vollendet hatte, bekam ich auch noch einigen Döntjes erzählt. Ich bekam den Eindruck, dass das Mädchen in einer unglaublich freien und wertschätzenden Atmosphäre aufwächst. Wie unkompliziert diese Leute doch sind! Beim Basteln eine feste Unterlage auf den Tisch legen? Ach was, das hält der Tisch aus!

Schließlich war das Werk vollendet. Das Briefchen und die Liste, in die die Finder Ort und Datum der Landung sowie des Neustart vermerken sollten, waren eng gerollt, mit Büroklammern zusammengesteckt und in der kleinen roten Buddel verstaut. Diese und die vorher von mir gefundene Flaschenpost steckte ich wieder in meinen Rucksack, um sie demnächst meiner hilfsbereiten Flaschenpostbotin Ina und ihrem Bekannten anzuvertrauen.

Über eine Stunde hatte ich die Gastfreundschaft von Familie B. nun genossen. Ich nahm nicht nur Freyas Briefbuddeln und meine Eindrücke von wirklich liebenswürdigen Leuten mit. Frau B., die in unserem Geplauder unmerklich zum Du übergeganen war, lud meine Frau und mich ein, doch mal zu einem Spielenachmittag vorbeizukommen. „Und das ist ernst gemeint!“, fügte sie zweimal hinzu.

Wie die Geschichte mit den Flaschenposten weitergeht, steht in Inas Blog Bottled Fortune.

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Kategorien: Persönliche Geschichten, Sammelsorium | Schlagwörter: | 2 Kommentare

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2 Gedanken zu „Zum Kaffee bei Freya.

  1. Pingback: Freyas Wanderflaschenpost. | flaschenposten

  2. so spannende geschichten schreibt nur das leben selbst. wäre eine tolle vorlage für einen roman 🙂 mit fortsetzung natürlich, denn die geschichte ist ja noch nicht zu ende …

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