Eilpost zum Albuen. Eine Fundmeldung


An Haken bleibt was hängen. Das liegt in der Natur der Dinge. Das gilt auch für Nehrungshaken. Jedenfalls blieben meine Blicke an einem Nehrungshaken hängen, als ich vor längerer Zeit mal mit dem Finger auf der Landkarte unterwegs war. Landkarten lese ich wie andere Leute ein Lifestyle-Magazin. Ich hatte ein Blatt von der Kieler Bucht vor der Nase und spekulierte herum, wo meine Flaschenposten bei diesem oder jenem Wind wohl landen könnten. Bei Südwestwind wäre Lolland eine Möglichkeit. Und dort, ganz im Westen, erstreckt sich eine schmale Landzunge entlang des Langelandbælt fünf Kilometer nach Norden und biegt dort in den Naksov Fjord um.

Schön dort, dachte ich. Eine typische Nehrung. Meilenweit Strand, vieleicht Dünen. Karg, herb, vielleicht außerhalb der Ferien auch etwas einsam: mit einem Hauch von Wildnis, die es in Mitteleuropa so wenig gibt. Sicher könnte man dort Vögel beobachten, dachte ich mir: Regenpfeifer, die am Spülsaum entlangtrippeln, Gänse und Enten, die in der Zugzeit in der Bucht rasten…

Dann vergaß ich das alles wieder.

Albuen Strand

Meilenweit nichts als Strand und Dünen: der Albuen. Foto: Susann G.

Bis zum 30. März. „Flaschenpost Nr. 123 gefunden, Albuen, Dänemark“ lautete da der Betreff einer E-Mail in meinem Postfach. Hoppla, Albuen, das war, wie ein Blick auf Google Earth verriet, genau der Strandhaken, an dem ich vor einigen Jahren hängengeblieben war!

Vom Leuchtturm Bülk aus sind das 62 Kilometer (33,5 sm). Abgeschickt hatte ich die Rotweinflasche am 23. März. Da wir, wie wir gleich sehen werden, von einer Strandung in der Nacht ausgehen müssen, war sie nur gut sechs Tage unterwegs. Rund 10 Kilometer pro Tag ist sie vorangekommen, das ging wirklich fix. (Eine Postkarte, die mir jemand mal aus Jütland geschickt hatte, hat auf dem normalen Postweg mehr als das Doppelte an Zeit gebraucht.)

Geschrieben hatte Susann, die seit 20 Jahren mit ihrem Mann in Dänemark lebt. Mit ihrem Hund waren die beiden früh am Morgen am Strand unterwegs. Dort, so geht aus ihrer Schilderung hervor, sieht es tatsächlich so aus, wie ich es mir zusammenphantasiert hatte. Es schien die Sonne bei 6 – 8° C und es war windig, so erzählt sie. „Der Strand ist wirklich schön zu jeder Jahreszeit“. Der Wasserstand war niedriger als sonst, der Strand somit breiter. Trieb der Wind das Wasser aus dem Belt oder gibt es in der Ostsee doch so etwas wie Nipptide? In der Nacht vorher war Vollmond.

Trauerflor

Die Nereïden haben das Trauergesteck noch liebevoll mt Seetang umflochten. Foto Susann G.

Normalerweise wird auf Albuen wenig Treibgut angetrieben und damit glücklicherweise auch wenig Müll. Aber dieses Mal lagen mehrere Blumengebinde mit weißen und roten Rosen am Spülsaum. Offensichtlich hatte es in der Nähe Seebestattungen gegeben.

Dann sichteten die drei eine Ente. Quietschgelb und aus Gummi. Nein, keines der berühmten 29’000 Plastikbadetiere, die im Sturm am 10 Januar 1992 im Pazifik von Bord einers Containerfrachters gespült wurden und seit dem für Aufsehen unter Beachcombern und für Studien zur Verteilung von Treibgut auf den Weltmeeren führten. Aber eine besondere Ente ist es doch. Sie trägt eine Nummer: 2016. Eindeutig eine Teilnehmerin des Kieler Entenrennens, einer Art Tombola, die hier jährlich vom Lions Club veranstaltet wird. Mitspieler kaufen dazu kein Los, sondern eine solcher markierter Enten. Und die kommen nicht in eine Lostrommel, sondern in einen großen Sack, der dann vom Feuer- und Ölbekämpfungsschiff Kiel in der Hörn, dem inmitten der Stadt gelegenen Ende der Kieler Förde entleert wird. Die „Rennstrecke“ ist von ebenfalls von der Kiel ausgelegten Ölbarrieren begrenzt. Am Ziel, dem die gelben Viecher dann entgegentreiben, wird dann die Gewinnerente rausgefischt. Die anderen natürlich auch. Es sei denn, eine entkommt. Und unser Tierchen scheint ein besonders freiheitsliebendes und reiselustiges Exemplar zu sein.

Über das nächste Fundstück hat sich bestimmt Susanns Hund am meisten gefreut: eine Frisbee-Scheibe, speziell für Hunde. Na, da wurde bestimmt erstmal herumgetobt!

Und zu guter letzt war da noch eine Flasche. Dunkelgrün, versiegelt, mit Post darin.

Flaschenpost 123

Sie haben Flaschenpost! Foto: Susann G.

Das Entchen fand wohl in der Jackentasche Platz, die Frisbeescheibe hat die Fellnase sicher selbst getragen. Aber die Flaschenpost? So ohne Rucksack? Die wurde schließlich zwischen Bauch und Jacke geklemmt und weiter gings. Acht Kilometer an diesem Tag. So viele Schätze an einem Vormittag hatten die Drei noch nie gefunden.

Strandfunde

Reiche Beute. Foto: Susann G.

FP 123 Siegel

Noch ist das Flaschenpostgeheimnis gewahrt. Foto: Susann G.

Und dann war sogar eine Schatzkarte in der Buddel: eine Zeichnung von Robert Louis Stevenson. Während des Zeichnens mit seinen Kindern soll er auf die Romanidee zur „Schatzinsel“ gekommen sein. Wie so oft bei meinen Driftbuddeln war noch eine Ausgabe der „Baltic Sea Scrolls“ dabei, ein Brief (eigentlich hätte ich mir ja gar nicht dieses untergrottige Englisch abringen müssen), ein Centstück (wenn den schon keine Kiste mit Gold mehr zu heben ist) und schließlich ein kleines Zuckertütchen. Meine Güte, wozu Zucker? Als Energieausgleich nach dem Schleppen der Flasche? Als Ballast, damit sie tiefer im Wasser liegt? Um den Zoll mit Schmuggelware zu foppen, falls die Fracht den Schengen-Raum verlässt? Um den Findern den Tag zu versüßen oder wenigstens den Tee? Keine Ahnung. Die Welt ist voller Rätsel!

Und Flaschenposten erst recht…

Flaschenpost 123 Inhalt

Wer wollte nicht schon immer eine Flaschenpost mit Schatzkarte finden! Hier ist sie! Aber wozu, um Himmels Willen, ist das rote Zuckertütchen? Foto: Susann G.

Meinen ganz herzlichen Dank an Susann für ihre anschauliche Fundmeldung und die Erlaubnis, ihre Fotos hier verwenden zu dürfen.

Kategorien: Flaschenpostmeldungen und Flaschenpostreisen, Persönliche Geschichten | Schlagwörter: , , , , , , , , , | Ein Kommentar

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Ein Gedanke zu „Eilpost zum Albuen. Eine Fundmeldung

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