Flaschenpost-Buchtparken


Meine Zunfkollegin Ina hat den Begriff „Flaschenpost-Bingo“ geprägt. Gemeint ist das Glücksspiel beim Aussetzen einer Flaschenpost an einer Gezeitenküste. Da müssen ablandiger Wind und ablaufende Tide zusammenfallen, damit eine Briefbuddel überhaupt von der Küste frei kommt. Und ich habe am letzten Dienstag „Buchtparken“ erfunden. Klingt nach Fahrschule, rückwärts einparken und so. Ist auch genau so kompliziert. Nur nicht ganz so erfolgversprechend, muss ich zugeben. Also auch ein Glücksspiel.

Worum geht es dabei und wie kam es dazu? Eine etwas längere Geschichte.

Versiegelt und seeklar auf Wartepostition: Flaschenpost 116.

Bei mir auf dem Bücherregal hatten sich nach und nach mehrere Flaschenposten angesammelt, die darauf warteten, ihre Reise auf der Ostsee anzutreten. Nur gab es den ganzen Sommer über dazu keine Gelegenheit.

Manchmal mache ich sowiso einen großen Bogen um den Strand. In den Sommerferien, wenn es heiß ist und sonnenhungrige Badegäste dicht gedrängt am Strand liegen wie Seeelefanten an der Küste Südgeorgiens, dann treibe ich mich lieber in der Kunsthalle herum: – Stille, keine Menschen, barfuß über den kühlen Marmor schlendern… Ohnehin gibts bei solchem Wetter meistens Ostwind, und den kann ich hier an der Kieler Bucht nicht gebrauchen. Aber auch sonst hatten wir in diesem Jahr viel Ostwind, weil die Tiefs südlich an uns vorbeizogen.

Wenn dann doch mal eine tüchtige Brise aus Südwest kam, stand dummerweise immer etwas anderes auf dem Zettel. Am letzten Dienstag, dem 22. September, war es endlich soweit. Sowohl der Deutsche Wetterdienst als auch das Webportal https://www.windy.com/ hatten Südwestwind vorhergesagt. Zwar nicht gerade Starkwind, aber aus der richtigen Richtung. Das Wetter war schön, die Temperaturen mit deutlich über 20°C hochsommerlich. Das lud zu einer Wanderung nach Schwedeneck ein. Ich hatte eine schöne Strecke ausbaldowert: von Krusendorf zunächst durch Feld und Flur, dann oben an der Kliffkante entlang weiter Richtung Bülker Leuchtturm, wo ich meine Flaschenposten der Ostsee übergeben wollte. An der Kieler Außenförde schließlich bis Schilksee, von wo uns der Bus wieder nach Kiel zurückbringen sollte. 16 Kilometer insgesamt, eine nette Tagestour.

Gesagt, getan. Meine Liebste, eine Bekannte und ich machten uns auf den Weg. Es war wunderschön. Herrliches Wetter, der weite Blick hoch oben von der Steilküste, zwischendurch Kaffee und Kuchen auf der Terrasse vom Strandhaus bei Dänisch-Nienhof.

Aber was war das? Der Wind hielt sich nicht an die Vorhersage! Südwest war angesagt, wir hatten aber zweifellos Nordost! Was die Wetterdienste da auf Grund der Großwetterlage errechnet hatten, wurde von dem überlagert, was der kleine Fritz in der sechsten Klasse über die örtlichen Winde an der Küste lernt: Von einem wolkenlosen Himmel schien die Sonne und erwärmte die abgeernteten Felder und die Luft darüber. Wie gesagt, heute, am Herbstanfang, waren es durchaus T-Shirt-Temperaturen, vielleicht 25 – 27°C. Das führte zu einer lokalen Thermik. Die Luft stieg über Land auf und zog Luft vom kühleren Meer nach.

Kobaltblaue Flaschen sind selten. Viel zu schade für den Altglascontainer. Flaschenpost 117.

Zum Wandern sicher angenehm, der leichte Wind von See her. Aber zum Aussetzen der drei Flaschenposten, die ich im Rucksack hatte, absolut unvorteilhaft. Die lägen ja nach zwei Minuten wieder am Ufer. Für „nur mal nassmachen“ hatte ich mir nicht die Mühe gemacht, mir die Briefe auf Englisch abzukneifen und die Buddeln kunstvoll zu versiegeln. Aber wieder mit nach Hause schleppen wollte ich sie auch nicht.

Also, was tun?

Nachts sollte sich die Konvektionswalze eigentlich umdrehen. Das Festland strahlt die Hitze schnell ins All ab, Wasser speichtert sie, so hat es Fritzchen gelernt. Wenn dann irgenwann die Landfläche kühler ist als das Meer, steigt die Luft auf der See auf und zieht kühlere vom Land her nach. Richtig? Außerdem war für die Nacht ein Frontensystem angesagt, das Schwung (und Regen) in die Sache bringen sollte.

Aber so lange konnte ich ja nicht hier an der Küste herumlungern, allein schon wegen der Damen in meiner Begleitung nicht. Immerhin, während diese über dies und das plauderten, hatte ich Gelegenheit, die Küstenlinie zu studieren und nachzudenken. Wäre es nicht möglich, dass die Flaschenposten selbst auf die Winddrehung warten?

Eine halbe Seemeile südlich des Bülker Leuchtturmes weitet sich das Westufer der Kieler Förde zur Strander Bucht. Wenn ich die Briefbuddeln nun dort am nördlichen Ende aussetzen würde, könnten sie erst einmal sutje in die Bucht hineintreiben. Mit etwas Glück bis zur Nacht ohne Landfall, denn so temperamentvoll war der Nordost ja nicht. Sie würden sozusagen in der Bucht parken. – Ich hielt Ausschau nach einer Buhne.

Womit ich nicht gerechnet hatte: Obwohl die Ferien lägst zu Ende waren, war das Ufer bevölkert wie im Hochsommer. Zum Feierabend wollten viele noch einmal das schöne Wetter ausnutzen und Sonne tanken. Und nun kamen mir auch noch Stehpaddler in die Quere. So ein Pärchen, genau an der kurzen Buhne, die ich mir ausgesucht hatte. Nur, dass sie weder standen noch paddelten, sondern dort herumdümpelnd ihre Zweisamkeit pflegten. Dabei konnte ich sie schlechterdings nicht mit einem Flaschenwurf stören und, wie gesagt, sofort wieder aufgefischt sollten die Buddelbriefe auch nicht werden. Immerhin, so, wie (sich) die beiden auf ihren Brettern herumtrieben, bekam ich Aufschluss über die aktuelle Strömungsrichtung.

Und ab die Flaschenpost.

Dann war es doch soweit. Nachdem die Damen ihren Logenplatz auf einer Bank eingenommen hatten, kletterte ich über die Steine und schleuderte die Post in die Förde. Das Pärchen war schon etwas abgedriftet und sowieso zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um es zu bemerken.

Ob das Buchtparken geklappt hat? Keine Ahnung. Es waren ja noch etliche andere Stehpaddler unterwegs. Jedenfalls habe ich bislang noch keine Antwort mit „schönen Grüßen aus Strande“ bekommen. Mit etwas Glück könnte die Reise der Flaschenpsten in der Nacht und den folgenden Tagen doch ein Stückchen die Förde hinaus gegangen sein. Eine schöne Westwetterlage hat sich allerdings immer noch nicht eingestellt. Ein paar schlappe Tiefs daddeln über Mitteleuropa herum und wissen nicht, wo sie hin sollen. Die Zugstraßen I und II nach van Bebber sind gar nicht mehr ausgeschildert, so scheint mir. Liegt wohl am Klimawandel. In den nächsten Tagen soll es ordentlich Ostwind geben. Also eine Landung in der Eckernförder Bucht? Oder an der Küste von Schwansen?

Mal sehen, was da kommt. Wenn was kommt…

 

 

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