Die Flaschenposten des Otto Maaßen. Gedanken zu Briefbuddeln eines Romans


Warten, dass der Wind sich dreht.

Komische Wetterlage. „High over low“ nennen es die Meteorologen: Hochdruck über Nordskandinavien, Tiefs über Mitteleuropa, jetzt gerade eines über der Biskaya. Bei uns stetiger Ostwind, die ganze Woche schon. Also muss meine neueste Flaschenpost weiter auf dem Bücherregal warten, bis der Wind mal wieder auf die offene See hinaus weht. Da ich in letzter Zeit auch keinen Buddelbrief gefunden habe, über den ich erzählen könnte, wollen wir uns zwischendrin mal literarische Flaschenposten anschauen. Aus rein flaschenpostalischer Sicht natürlich, ausschließlich nach Gesichtspunkten der Materialität.

In ihrem jüngst erscheinenen Debütroman „Die letzte Flaschenpost“¹ schildert Annika Kemmeter die Erlebnisse des Kunstgeschichtsstudenten Janis Schütz und seiner Freundin Angelina. Janis hat bei Studien für seine Masterarbeit den Dichter Otto Maaßen kennengelernt und sich mit ihm über Fragen der Kunst ausgetauscht. Maaßen bewundert die Haltung des britischen Streetartkünstlers Banksy zur Vergänglichkeit der Kunst. Das Thema wird für Janis brisant, als Angelina, Enkelin Maaßens, ihm erzählt, dass der Dichter todkrank ist und seinen letzten Gedichtzyklus eben jener Vergänglichkeit preisgeben will. Er plant, die originalen Manuskripte in Flaschenposten dem Rhein zu übergeben, bevor Janis oder sonst irgendjemand sie überhaupt zu Gesicht bekommt. Der entsetzte Student greift zu unkonventionellen Recherchemethoden:

Spionage!

Zu Gast im Hause Maaßens entdeckt er bei einer nächtlichen Erkundung im Keller die fertigen Flaschen. Schauen wir ihm ein wenig über die Schulter und kommentieren leise flüsternd das Geschehen:

Die Flaschen lagen flach in einem Regal. Maaßen hatte eine Reihe mit dem Boden nach hinten nebeneinandergelegt und dann eine zweite Reihe mit dem Boden nach vorne, sodass sie versetzt und mit den Hälsen aneinander lagen. Die vordere Reihe war mit Wein gefüllt, aber die hintere war leer bis auf eine kleine Rolle, die in jeder Flasche steckte.

Die Flaschen selbst sind, wie der Leser an dieser Stelle schon weiß, die für Frankenwein typischen Bocksbeutel. Ungewöhnlich für Flaschenposten, für die man, passend zur zylindrischen Schriftrolle, eher längliche Hohlgläser auswählt. Ich selbst habe nur einmal einen Bocksbeutel für meine Post verwendet: 2002 klatschte er mit einem kleinen Text in den Hamburger Nicolaifleet. Der Grund, so eine scheibenförmige Flasche zu nehmen, war banal: sie war gerade zur Hand. Aber warum hat Maaßen Bocksbeutel genommen? Einfach, weil er sie als Weinliebhaber zur Verfügung hatte? Oder lag ihm am Wiedererkennungswert, eben weil dieser Flaschentyp nicht oft als Strompost unterwegs ist? Letzteres würde bedeuten, das Maaßen doch auf das Auffinden seiner Gedichte, womöglich auf die Veröffentlichung in der Presse oder im Internet spekulierte.

Die Anordnung im Regal erinnert an Konzeptkunst. Das Serial aus 25 Flaschen in der Ausstellung „Multiples“ von Wolf Schindler in Weilheim 2010 fällt mir dazu ein, oder Installationen Raffael Rheinsbergs. Nur hat dieses Projekt im Kellerregal kein Publikum, – außer unserem heimlichen Eindringling. Oder hatte Maaßen sich nichts dabei gedacht und das Arrangement im Regal ist nur ein Versteck?

Die Etiketten der Flaschen hat Maaßen nicht abgelöst. Zumindest beschreibt Janis nichts davon. Solange die Etiketten auf den Buddeln kleben, ist es schwer, sie als Flaschenposten zu identifizieren. Die Aufkleber dürften in den ersten Wochen der Flusskreuzfahrt recht ramponiert und die Flaschen demzufolge ziemlich müllig aussehen. Wollte der Dichter doch nicht, dass seine Gedichte gefunden werden? Oder nicht so bald, erst nach seinem absehbaren Tod? Oder war seine Post nur für besonders aufmerksame Finder gedacht, solche, die genau hinschauen, alles Aufheben und unter die Lupe nehmen? Sollte also die Flaschenpost den Empfänger finden und nicht umgekehrt? In so einem dunkelgrünen Glasbehälter fällt ein darin verborgenes Schriftsück sowieso nicht auf. Immerhin, Janis hat die Röllchen entdeckt. Aber er hat ja auch danach gesucht.

Behutsam hob ich die erste Flaschenpost heraus. Ein Schraubverschluss verschloss sie, was mich enttäuschte. Ich hatte mit einem Korken gerechnet.

Korken haben mehr Stil, das finde ich auch. Ich möchte auch mal wissen, was länger dicht hält. Korken verrotten nur sehr langsam. Aber sie verrotten. Irgendwann. Verschlüsse aus Metallblech korrodieren. Keine Ahnung, wie lange das dauert. Zweimal habe ich Flaschenposten, darunter die oben abgebildete, mit Beidem ausgestattet: einem klassischen Korken und einem Schaubverschluss darüber, die Fugen mit Vaseline abgedichtet und die ganze Mündung noch mit Siegellack überzogen. Wenn das Blech korrodiert, können die freiwerdenden Verbindungen den Korken vor Mikroorganismen schützen. Es gibt schließlich den Rekord von 132 Jahren zu knacken. Maaßen dagegen spielt hier mit dem Feu… äh, mit dem Wasser!

Ich schüttelte die geöffnete Flasche kopfüber, bis die kleine Rolle herauskam. Sie war mit einem Band verschnürt. Ich öffnete es vorsichtig. Das Papier rollte sich etwas auf. Ich stellte die Flasche auf den Boden zu der, die Angelina geklaut hatte, und strich das Blatt glatt. Es war handschriftlich mit Tinte beschrieben. Ich kniff die Augen zusammen, um das Gedicht im Schatten lesen zu können. […]

Mit einem Band verschnürt? Was für ein Band? Frauen verwenden gerne Stoffbänder zum Zubinden ihrer Flaschenbriefe. Männer, die mehr zu herber Seefahrtsromantik neigen, greifen eher zu nautisch wirkendem Bindematerial, Hanfschnur oder so. Was sagt das über das Naturell und die Intention Maaßens? Es gibt dem Schriftstück einen zarten, liebevollen Zug, wohingegen das übrige Äußere ziemlich kunstlos wirkt.

Was für ein Papier hat der Autor für seine Gedichte ausgesucht? Ich nehme gern altmodisch geripptes und getöntes Briefpapier. Aber bei besonders kleinen Flaschen kommt auch schon mal Luftpostpapier (gibt es das heute überhaupt noch zu kaufen?) zum Einsatz. Oder auch mal was Blödsinniges. Die „Erklärung von Schwedeneck“, eine Urkunde, in der die Flaschenpost zu einer eigenen Gattung der Kunst erhoben wird, habe ich der Feierlichkeit dieses Aktes entsprechend auf einer Obsttüte vom Wochenmarkt niedergelegt. Das Dokument ist im Herbst 2015 irgendwo in der Dänischen Südsee verschollen.

Hm, Janis bemerkt zum Papier selbst nichts. Auch nicht zur Farbe der Tinte. Tinte, ja, das ist wieder so ein Spiel mit dem Wasser. Die Vergänglichkeit, – wie viele wundervolle Flaschenbriefe haben sich schon zu blassen Flecken verwandelt, wenn der Verschluss doch nicht ganz dicht war!

Winde walzen weiße Massen
klirren eine Flasche
auch an Land
wartend, wünscht sie
deine Hand
die schimmernd nimmt
im Finderglück
die dich und mich
als Botin
aneinanderband

Ich sah mir das Gedicht lange an, bis das Schriftbild selbst zu einer stilisierten Welle wurde. Zur großen Welle vor Kanagawa. Hokusais berühmter Holzschnitt kam mir in den Sinn. Was nun? Der Wille des Künstlers war klar, aber bald würde er gestorben sein und das Gedicht in den Äther des Vergessens eingehen. Ich packte die anderen sechs Gedichte aus und legte sie nebeneinander auf das Regal. Dann nahm ich mein Handy aus der Hosentasche und fotografierte jedes einzelne. Was ich damit machen würde, konnte ich mir immer noch überlegen. Jetzt waren sie jedenfalls sicher.

Hui, das ist ein aber Kunststück, Janis! Die Gedichte einfach so nebeneinander legen, ohne dass sie sich wieder zusammenrollen, wie hast du das hinbekommen? War das doch eine besondere Papiersorte? Japanpapier oder so, geht das damit? Oder hast du dir zum Fixieren schnell Wäscheklammern oben aus der Besenkammer ausgeliehen, da, wo die Tür so fürchterlich quietscht?

So weit diese Spionageszene. Weitere Textauszüge, auch Fotos zu den Orten der Handlung, finden sich => hier auf dem Website der Autorin.

Doch mit den hier gewonnenen Eindrücken müssen wir uns nicht begnügen. Seit Cornelia Funkes Buch „Tintenherz“ wissen wir, dass durch besondere Begabungen bestimmter Leser Personen und Sachen aus Büchern in die Realität purzeln können. Dafür entschwinden dann reale Dinge in der Welt der Fiktion. Das ist offensichtlich auch hier geschehen. So sind tatsächlich zwei von Otto Maaßens Flaschenposten im „Feststoffmodus“ in Annika Kemmeters Besitz gekommen. Glücklicherweise sind alle ihrer vier Kinder noch da und auch deren Lieblingsplüschtiere sind noch vollzählig. Nur zwei linke Ringelsocken und ein von Oma gehäkelter Topflappen haben sich aus dem Wäschekorb verflüchtigt, ein vermisster Plastikschlumpf soll angeblich in Maaßens chaotischem Arbeitszimmer wieder aufgetaucht sein.

Aber wenden wir uns den realexistierenden Bocksbeuteln aus dem Hause des fiktiven Dichters zu. Der eine ist der mit dem oben zitierten Gedicht. Frau Kemmeter konnte die Flaschenpost so – bei einer Premierenlesung life aus ihrem Roman vortragend –  zeigen. Hier bei Minute 36, aber schaut euch gern das ganze Video an:

Die originale Verschnürung hat sie dabei aus praktischen Gründen durch ein Gummiband ersetzt, aber man sieht, dass sich das Papier geich wieder zusammenrollt.

Die Fotos der zweiten dieser beiden Flaschenposten lassen mehr Details erkennen. Hier zu sehen => https://www.instagram.com/p/CA-ruhLqANx/

Es ist die von Seite 130/131 des Buches. Ganz deutlich: es ist eine herausgerissene Seite aus einem unlinierten Heft, einem Tagebuch oder dergleichen. Also ganz sicher das Original, von eigener Hand des Dichters. Herausreißen: ein Akt der Vernichtung, zumindest des Manuskriptes in seinem Zusammenhang. Das Schriftbild ist klar und sicher, es wirkt fast feminin. Ungewöhnlich für einen todkranken alten Mann. Ich verstehe nichts von Graphologie, deute es aber als Zeichen für eine unglaublich ausgeglichene, in sich ruhende Persönlichkeit.

Einfache blaue Tinte, sehr unprätentiös, ganz ohne Allüren. (Im Gegensatz zu mir, ich habe einen Tinten- und Füllerfimmel, trotz grauenvoller Handschrift.)

Nur ein Detail fällt auf: „gez. Otto Maaßen“ steht unten drunter. „Gezeichnet“? Das war früher, vor der Zeit der Fotokopierer, auf Durchschlägen oder Abschriften der Vermerk dafür, dass das Originaldokument von Meyer, Müller oder Schulze unterschrieben wurde. Ist es also doch eine Abschrift und keine Autographie Otto Maaßens? Heutzutage benutzen Jugendliche gelegentlich die Abkürzung „gez.“ vor ihrem Namen, um die Bedeutung ihrer Unterschrift hervorzuheben, – es wirkt so amtlich und gibt der Sache Gewicht. Ich habe es schon bei der Signatur von Graffiti gesehen. Hier passt es aber nicht zur sonstigen Schlichtheit der Form. Der Romantext vermekt das „gez.“ an dieser Stelle nicht, wohl aber bei anderen Gedichten des Lyrikers.

Maaßen hat seine Zettel tatsächlich mit gepunktetem grüngelbem Stoffband zusammengebunden! Von der Optik das einzig wirklich Auffällige an seiner Flusspost. Meine Zunftgenossin Ada wüsste jetzt bestimmt etwas zu dem Thema „Geschenk“ zu sagen. Die Originalhandschrift eines berühmten Dichters, dazu einem aus einem Roman, das wäre wahrlich ein Geschenk! Zumal ein unerwartetes, das in so einer dunkelgrünen Buddel mit zerfleddertem Etikett inmitten des übrigen Mülls am Flussufer perfekt getarnt ist. Der Künstler treibt ein paradoxes Spiel aus Gestalten, Zerstören, Verbergen und Verschenken. – Steht nicht in seinem verstaubten altfränkischen Arbeitszimmer nicht auch eine Figur Shivas? Janis hat sie nicht bemerkt, aber ich habe sie ganz deutlich gesehen, ganz sicher!

Vielleicht ist das Spiel mit Widersprüchen die eigentliche kreative Leistung dieses rätselhaften Mannes.

Annika Kemmeter hat die zuletzt beschriebene Flaschenpost ihrer Bestimmung, d. h. dem Rhein übergeben. Wohin mag die Reise gehen?  In einem großen Bogen wendet sich der Fluss von Mainz aus nach Westen, um dann bei Bingen nach Norden abzubiegen. Bei relativ geradem Verlauf bilden sich normalerweise zwei Strömungswalzen, die, zumindst theoretisch, das Treibgut in Strommitte halten können. In Kurven gibt es nur eine Strömungswalze, die das Oberflächenwasser zur Außenseite drücken. Dort wäre also eine Landung wahrscheinlich. Oder Flaschenbruch. Es ist ja fast das ganze Rheinufer mit Felsblöcken befestigt.

Landung am Mäuseturm bei Bingen? Möglich wärs.

Joachim Römer hat mal eine durchschnittliche Reisestrecke von 25 km auf dem Rhein errechnet. Bis Bingen wäre es also schon eine ganz passable Strecke. Wenn die Nahe viel Wasser führt² und beim Einströmen in den Rhein den reisenden Bocksbeutel wieder in die Mitte schiebt, könnte es mit viel Glück bis Boppard weitergehen. Aber dann wirds abenteuerlich, alles Weitere wäre ein Wunder.

Nun, die Welt der Flaschenposten ist voller Wunder. Also denn:

Frohes Treiben!


¹Angaben zum Roman gibt es => hier.

²Im letzten Jahr habe ich die Nahe als absolut temperamentlos erlebt. Fast ein stehendes Gewässer.

 

 

Kategorien: Kunst - Projekte, Sammelsorium | Schlagwörter: , , , , , | Ein Kommentar

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Ein Gedanke zu „Die Flaschenposten des Otto Maaßen. Gedanken zu Briefbuddeln eines Romans

  1. Super, vielen Dank für den Buchtipp, das werde ich mir auf jeden Fall holen 👍.
    Mein Tipp wäre noch „Und plötzlich schreibt das Meer zurück“ von Alex Shearer, ist zwar mehr ein Jugendbuch, aber auch sehr schön.
    LG Anja und Charly 🙋🏻‍♀️🐶

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