Noch einmal die rote Flaschenpost von Föhr: offene Datierungsfragen


In meinem letzten Beitrag hatte ich mich auf die Spur der womöglich ältesten oder zumindest zweitältesten ungeöffneten Flaschenpost begeben. Wir alt sie genau ist, wissen wir nicht, denn von außen sind weder der Absender – sicher irgendein meereskundliches Forschungsinstitut – noch ein Datum zu erkennen. Also musste ich mich auf archäologische Methoden verlegen.

Die Form der Flasche weist Merkmale der sogenannten Torpedoflasche auf, hat aber einen Standboden. Außerdem wurden im offensichtlich gleichen Forschungsprojekt auch noch die altertümlichen Torpedoflaschen benutzt. Die Kampagne mit diesen rot bemalten Buddeln fällt also in die Übergangszeit, in der beide Flaschentypen, – solche mit spitzem und mit flachem Boden -, verwendet wurden. So weit war ich also gekommen. Aber wann genau war das?

Was lag näher, als bei jener Firma anzufragen, die von Beginn der Produktion an (1783!) marktführend im Geschäft kohlensäurehaltiger Erfrischungsgetränke ist: Schweppes. Und ich bekam prompt eine freundliche Antwort aus der Service-Abteilung: „Für Sie sind wir tiefer in die Recherche eingestiegen: Wir konnten rausfinden, dass bei Schweppes der Wechsel von der Torpedoförmigen Flasche zur Flasche mit Standboden zwischen 1840 bis 1850 erfolgte. Genauer datieren lässt es sich aufgrund unserer vorliegenden Recherche leider nicht.“ schrieb mir Frau Lisa Rödder. Herzlichen Dank!

Donnerwetter! Das war also noch rechtzeitig vor der Weltausstellung 1851 in London, wo das perlende Nass im Crystal Palace über einen eindrucksvollen Kristallbrunnen sprudelte und das Publikum für Prickelwasser begeisterte. (Schweppes führt den Brunnen heute im Firmenlogo.)

Folgt man der Logik, dass ein fortschrittliches Produkt ein weniger praktisches Fabrikat schnell ablöst, dann müsste die Kampagne unserer unbekannten Strömungsforscher irgendwo in der Mitte des 19. Jahrhunderts stattgefunden haben. Ein halbes Jahrhundert eher, als von mir geschätzt.

Doch ich habe Zweifel. Damals gab es zwar schon den Einsatz von Driftbuddeln zu meereskundlichen Studien, aber die beschränkten sich zu dieser Zeit weitgehend auf den Golf- bzw. Nordatlantischen Strom. Weltweite Erkundungen mit Flaschenposten begannen erst 1868 auf Initiative von Georg Neumayer. Und damals benutzten die Kapitäne irgendwelche Bier- und Schnapsbuddeln, die an Bord gerade leer geworden waren. Große Serien von systematisch signalrot bemalten und durchnumerierten Stromflaschen, die gezielt auch in Randmeeren ausgesetzt wurden, gab es erst später. Und damit haben wir es bei diesem Projekt zu tun.

Wir müssen also davon ausgehen, dass Torpedoflaschen noch lange nach der Einführung des Standbodens durch Schweppes auf dem Markt waren. Offensichtlich setzte sich so eine Innovation nicht sofort durch. Vielleicht bezogen lokale Hersteller von Mineralwasser ihre Flaschen der Einfachheit halber von der nächstgelegenen Glashütte, wo in althergebrachter Weise die alten Formen weiterbenutzt wurden. Möglich auch, dass der Standboden damals noch garnicht so vorteilhaft war, weil die Kohlensäure leichter entweichen konnte, wenn man die Flasche aufrecht hinstellte und der Korken dann austrocknete.

Die Flaschenfabrikation mit der IS-Maschine, wo die fertige Flasche zum Herunterkühlen vollautomatisch auf ein Laufband gestellt wird – was einen Standboden erzwingt! -, kam erst in den 1920er Jahren auf. Wegen des hohen Investitionsaufwandes dauerte es Jahrzehnte, bis das industrielle Verfahren die Handarbeit gänzlich verdrängte.

So lange müssen wir also mit einem Nebeneinander von Torpedo- und Flachbodenflaschen rechnen. Eine lange Zeit! Aber schließlich gibt es ja auch heute, über hundert Jahre nach Erfindung des Kronkorkens, immer noch Bierflaschen mit – plonk! – Bügelverschluss.


Titelbild: Ausschnitt einer Aufnahme aus dem Fotoarchiv des Dr.-Carl-Häberlin-Friesen-Museums, Föhr. Fotograf: A. Verbeeck-Jensen.

 

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