Etikettenschwindel: Nicht jede Nachricht ist eine Flaschenpost!


In früheren Jahrhunderten waren Flaschenposten oft adressiert. Finder wurden gebeten, die Flaschenbriefe an eine bestimmte Anschrift weiterzuleiten. Vielleicht an die Admiralität, die eine Expedition ausgesandt hatte, an ein hydrographisches Institut, das Daten zu Meeresströmungen sammelt, an die Reederei des Schiffes oder einfach an die Seemannsbraut daheim. Notfalls waren Konsulate dabei behilflich. Trotzdem war ungewiss, wann, wo und ob überhaupt so eine Botschaft gefunden wurde.

Bitte an die Admiralität weiterleiten. Letzte Nachrichten von Franklins tragisch gescheiterter Expedition.

Man kann eine Flaschenpost mit einer konkreten Absicht absenden, z. B. um über den Verlauf oder auch das Scheitern einer Seereise zu informieren oder um damit Meeresströmungen zu erforschen. Aber man kann sie, – anders, als wenn man den Briefkasten an der Haustür öffnet -, nicht mit einer konkreten Absicht finden. Ob eine Kommunikation zwischen Sender und Empfänger zustande kommt, ist offen.

Das gilt freilich auch für andere Kommunikationsprozesse. Theodor W. Adorno empfand es so angesichts der neuen Musik. Selbst Musiker und Komponist, faszinierte ihn die  atonale Musik Arnold Schönbergs. Allerdings war er mit seinem Interesse ziemlich allein. Die Zwölftontechnik wurde von der Öffentlichkeit seinerzeit nicht wahrgenommen oder nicht verstanden. „Keiner will mit ihr etwas zu tun haben, sie verhallt ungehört, ohne Echo“ Es blieb ungewiss, ob sich in irgendeiner Zukunft irgendjemand auf ihre existentielle Herausforderung einlassen und eigene Antworten versuchen würde.

Viel schwerwiegender war jedoch, dass er seine Thesen zur Entstehung modernen Herrschaftsformen bis hin zum Totalitarismus ausgerechnet in einer Zeit schrieb, als sie kaum Gehör finden konnten. In Europa hatten Faschismus, Nationalsozialismus und Stalinismus ihre Schreckensherrschaft ausgebreitet. Adorno war zwischenzeitlich ins amerikanische Exil gegangen. Die zusammen mit Max Horkheimer zu diesem Thema herausgegebene Essaysammlung „Dialektik der Aufklärung“ erschien 1944, als der zweite Weltkrieg seinen Höhepunkt erreichte. Die Themen der Philosophen waren zwar brandaktuell, aber wer sollte sich in dieser Situation damit auseinandersetzen? Die Aussichten, mit ihren Analysen Gehör zu finden, werden darin als düster beschieben: „Wenn die Rede heute an einen sich wenden kann, so sind es weder die sogenannten Massen, noch der Einzelne, der ohnmächtig ist, sondern eher ein eingebildeter Zeuge, dem wir es hinterlassen, damit es doch nicht ganz mit uns untergeht.“¹ Es blieb den Autoren nicht mehr, als „in der Flut der hereinbrechenden Barbarei Flaschenposten zu hinterlassen“ (Adorno, Minima Moralia)

Es war Adorno kurz vor seinem Tod vor nun 50 Jahren vergönnt, doch noch die Öffnung – oder, um die Metapher weiter auszudeuten, das gewaltsame Zerschlagen seiner philosophischen Flaschenpost zu erleben. In der 69er Studentenbewegung wurden seine Thesen bereitwillig aufgegriffen. Mit den radikalen Formen der Revolten konnte sich der nach Frankfurt zurückgekehrte Professor allerdings nicht anfreunden. In so fern stimmt auch hier das metaphorische Bild: Man weiß nie, wann, wie und wo eine Botschaft gelesen wird.

Im Grunde weiß kein Autor genau, ob, von wem und unter welchen Umständen seine Arbeit das Publikum erreicht, egal ob es sich um Text, Ton, Bild oder Film handelt. Es sei denn, es ist ein Auftragswerk oder er kennt den Verbreitungsweg im Vorhinein schon sehr genau. Ist also jede Botschaft, von der babylonischen Keilschrifttafel bis zur Twitternachricht, per se eine Flaschenpost? Gilt die Unwägbarkeit des Übermittlungsprozesses nicht für Luthers an die Wittenberger Schlosskirche genagelte Thesen, eine Autobiographie, eine wissenschaftliche Abhandlung, eine Reportage oder einen Blogpost gleichermaßen?

Ich meine, nein. Im Gegensatz zu einem Zettel in einer Flasche, die über den Ozean treibt oder im Dachstuhl einer Kirche versteckt ist, lassen sich andere Nachrichten gezielt suchen und finden. Buchhandlungen haben ihre thematischen Abteilungen, Bibliotheken ihre Zettelkästen, zu wissenschaftlichen Zeitschriften gibt es regelmäßig Registeranhänge. Internet-Suchmaschinen ersetzen die dicken Kataloge von früher. Ein so zugängliches Medium ist keine Flaschenpost. Es ist Teil des Systems von Informationen, die nach geplanten Methoden verbreitet und aufgefunden werden. Das Einzige, was nötig ist, ist eben ein System, nach dem über Titel, Themen, Autoren und evtl. auch zeitlichen Daten ein Zugriff möglich ist. Das Schlagwort dazu heißt Schlagwort. Oder, englisch, tag.

Nope! Ein Tweet ist keine Flaschenpost.

Dumm nur, wenn ein Beitrag mit falschen Schlagworten versehen wird. Womit ich endlich bei meinem Anliegen wäre.

Man merkt es, wenn man beispielsweise mit einer Internetsuchmaschine nach „Flaschenpost“ recherchiert. Außer einem qualitativ mäßigen Wikipedia-Artikel stößt man auf den ersten Seiten von Google fast nur auf Einträge zu einem wegen rücksichtslosem Parken berüchtigten Getränkelieferservice. Nun gut, die Firma heißt so, und das Wortspiel ist ja auch ganz witzig. Früher nahm die Internet-Zeitung der Piratenpartei Platz Eins ein. Aber ein Internet-Newsletter treibt nun mal nicht in einer unkalkulierbaren Meeresströmung, sondern zuckt mit Lichtgeschwindigkeit vom Sender zum vorbestimmten Empfänger durch das Glasfaserkabel. Sei es drum, gönnen wir den „Piraten“ in den Bits und Bytes, die ihr eigentliches Metier sind, einen Rest von Romantik, bevor sie endgültig untergehen.

Eine Flaschenpost geht den Weg ins Ungewisse. Zum Finden hilft kein #hashtag.

Aber der Etikettenschwindel mit dem Schlagwort Flaschenpost nimmt meines Erachtens Überhand. Im Internet werden zu Hauf ohne Sinn und Verstand Dinge mit Flaschenpost betitelt oder getagged:  Reiseblogs, Erlebnisberichte, Facebook-Gruppen mit Gelegenheitsgedichten und Spruchweisheiten, Kontaktformulare, – es gibt kaum etwas, wofür der Begriff nicht herhalten muss. Auch für Fotos gilt das. Irgendeine leere Flasche am Strand, – schwupps, wird eine Flaschenpost daraus. Sogar in die Wikipedia-commons hat sich schon so eine botschaftlose Flasche verirrt.

Wer im Internet etwas über „echte“ Flaschenposten finden möchte, der muss Schlagworte hinzunehmen, die für einen Bierverlag, eine Weinhandlung, einen Reisebericht oder eine Hafenkneipe eher ungewöhnlich sind. Also
Flaschenpost + Strömung
Flaschenpost + angetrieben
Flaschenpost + gefunden
oder die nur Insidern bekannte Mehrzahl des Suchbegriffes: Flaschenposten.

Meine „erweiterte Suche“ bei Google sieht derweil so aus:
Flaschenpost -Piratenpartei -Getränkelieferservice -Lieferdienst -Jobs -Mitarbeiter -Weinhandlung -bestellen -liefern -Warenkorb -digital -Sparks -Roman -Film -Song -Police -May -cover -Schlumpfdorf -Quest -WoW -virtuell -individuell -Turmstraße

Was man da an Begiffen ausschließen muss, um nicht auf die falsche Fährte zu kommen, ist schon drollig, nicht wahr?

Vielleicht bin ich da etwas pingelig. Aber ich bin nun mal in Museumsarchiven, Sammlungsdepots und Bibliotheken erzogen worden. Da muss man unter Tausenden von Büchern, Dokumenten und Sammlungsobjekten schnell das Richtige finden, sonst ist man aufgeschmissen. Und wenn ich mich für Flaschenposten interessiere, die wirklich solche sind, dann möchte ich sie (bzw. Informationen darüber) auch im Internet finden.

Zugegeben, mein quasi wissenschaftliches Interesse ausgerechnet an Buddelbriefen und allem, was dazu gehört, ist schon ziemlich kautzig. Aber das macht nichts, – der komische Vogel liegt mir. Trotzdem, auch wenn ich der einzige Mensch auf der Welt bin, der mit falsch etikettierten Flaschenposten ein Problem hat, – vielleicht sollten wir doch sorgsamer mit unserer Sprache umgehen, auch sonst. Und nicht Irgendwas irgendwie bezeichnen, nur weil es so schön exotisch klingt².

Der Metapher der Flaschenpost als Botschaft aus einer Sitiuation der Aussichtlosigkeit an eine Generation der Zukunft, wie Adorno es meinte, tut das keinen Abbruch.

Für alle, die sich nun auf den Schlips getreten fühlen oder denen solche Gedanken zu dröge sind, –  lasst mal eurem Spieltrieb freien Lauf und verschickt einfach eine Flaschenpost. Eine echte!

Das macht Freude, euch selbst und dem Finder!

Wegwerfen und die Kontrolle loslassen gehört unbedingt dazu!

_______________________________________

¹Horkheimer/Adorno, Dialektik der Aufklärung, zitiert nach Thomas Seibert, Sieben Annäherungen an das Sammeln von Flaschenposten, Philosophie, Kunst und Poesie des laufenden Lebens. ungedr. Manuskript 2016.

²Ich beobachte derzeit einen generell schlampigen Umgang mit Sprache:
Da wird aus einem rücksichtlosen Menschen oder einem, den man nur nicht richtig versteht, einfach ein „Autist“ (mit der irrigen Konotation „irre“). Aus einem engagierten Umweltschutzer wird kurzerhand ein „Oko-Faschist“. Oder aus wissenschaftlichen Erkenntnisssen zur Erderwärmung macht man eben mal „Klimawahn“, als wären die Messinstrumente krank.

 

 

 

Kategorien: Der Geist in der Flasche, Sammelsorium | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , | Ein Kommentar

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Ein Gedanke zu „Etikettenschwindel: Nicht jede Nachricht ist eine Flaschenpost!

  1. Ina

    du sprichst mir aus der Seele mit deiner Bemerkung „schlampiger Umgang mit der Sprache“! Und das gilt aus meiner Sicht generell, es geht mit dem Kulturgut Sprache massiv den Bach runter. Ein Thema, worüber sich trefflich lange diskutieren lässt. Du hast es in deinem Beispiel hervorragend auf den Punkt gebracht, danke dafür!
    Liebe Grüße!

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