Start am Cap de Carteret. Meine normannische Flaschenpost


Unser Vermieter hatte nicht mit Ausflugstips gespart. Meine Landkarte war entsprechend mit Kringeln, Kreuzen und Stichworten vollgekritzelt. (Deutsche Urlauber erkennt man angeblich entweder an Pfandflaschen oder an Landkarten.) Zusammen mit ein paar Verwandten waren meine Liebste und ich in der Normandie. Genauer: auf der in den westlichen Ärmelkanal hineinreichenden Halbinsel Cotentin. So mittendrin, unser Quartier war idyllisches Anwesen auf dem Lande, gut versteckt in einem abgelegenen Tal. Aber zum Meer war es nicht weit. Am Cap de Carteret bei der Ortschaft Barneville-Carteret sollte es schön sein. Also nichts wie hin!

Hach, wie entspannt ging es dort zu! Ja klar, Barneville-Carteret ist ein Urlaubsort, es gibt Hotels, Pensionen, Gaststätten, sogar kleine hübsche Strandhäuschen für Badegäste. Aber im Gegensatz zu den Seebädern an Nord- und Ostsee fehlt diese penetrante Touristik-Atmosphäre mit Verkaufsständen, Imbissbuden, Souvenirläden und dem Gestank fritiertem Fisches völlig.

Vom Marktplatz aus dödelten wir gemütlich an einem Priel entlang – es war gerade Niedrigwasser – in Richtung „plage“, – keine Ahnung, warum die Franzosen ihren Strand so nennen. Auf einer kleinen Klippe harrten irgendwelche verwitterten Gemäuer, angeblich ein deutscher Beobachtungsposten aus den Zeiten des Atlantikwalles, der Dinge, die in den nächsten Jahrhunderten noch kommen sollten.

Ich bin ja an der Küste zu Hause, aber das Strandgefühl ist hier ganz anders. Der Sand fühlt sich anders an. In feuchtem Sand sackt man tiefer ein, er ist nachgibiger. Das Wasser sieht anders aus. Die Brandungswellen sind hell smaragdfarben. Dahinter wird das Meer schnell blau: ein klares Aqamarin, – jetzt weiß ich, warum dieser Edelstein so heißt! Auch die Molluskenarten waren mir neu. Napfschnecken kannte ich bislang gar nicht. Unversehens begann ich, wie ein kleines Kind Muscheln zu sammeln.

Aber dann fiel mir doch noch ein, dass ich etwas zu erledigen hatte. Es war Post einzuwerfen. Flaschenpost natürlich.

Angeblich haben Franzosen einen besonderen Sinn für Ästhetik. Deswegen hatte ich eine schmucke kleine Dekoflasche im Koffer mitgeschmuggelt. Sie war inzwischen mit einem Urlaubsgruß und einer (aus Platzgründen kleinen) Ausgabe der Baltic Sea Scrolls gefüllt. Baltic Sea Scrolls im Golf von St. Malo? Warum nicht, – die New York Times liest man ja auch nicht nur in New York.

FP 106 q

Nennt man den Stil nun „Vintage“ oder „Retro“? Flaschenpost Nr. 106.*

Wäre nicht einer der Zettel mit einem Luftpostaufkleber zusammengeklebt, hätte man die Briefbuddel mit ihrer schwarzen Versiegelung auf den ersten Blick für richtig alt halten können. Aber wir wollen den Finder ja nicht zu sehr foppen.

Luftpostaufkleber? Ja klar, jede Driftfahrt einer Flaschenpost beginnt mit einer Flugreise. So die ersten zehn Meter.

FP 106 Abwurf

Guten Flug! Mein Schwager hatte den Finger im richtigen Moment am Auslöser.

Nach den Regeln des „Flaschenpost-Bingo“ (Wortschöpfung meiner Zunftgenossin Ina) müssen für einen gelungenen Flaschenpost-Start ablandiger Wind und ablaufendes Hochwasser, am Besten etwas nach Tidenumkehr, zusammenkommen, damit die Buddel nicht gleich wieder am Ufer liegt. Aber, wie gesagt, wir hatten heute (14. Mai 2019, 10:35 Uhr) gerade Ebbe. Trotzdem, es wehte eine kräftige Brise aus Ost-Nord-Ost, der Wind konnte ganz gut gegen das bald auflaufende Wasser gegenhalten. Wenn sich die anlaufenden Wellen am Strand brachen, wehte sogar die Gischt seewärts ab. Ich war deshalb optimistisch, dass das kleine Schmuckstück ganz gut an den Klippen des Kaps vorbeikommen könnte.

Für uns Fußgänger galt das allerdings nicht. Trotz Niedrigwassers führte kein Weg um die Tonschieferfelsen herum. In einem Spalt hoch droben saßen zwei junge Kolkraben in ihrem Horst und machten sich über uns lustig. Ein paar Meter entfernt hockten die Elternvögel und achteten argwöhnisch darauf, dass niemand ihrem Nachwuchs zu nahe kam. Noch weiter höher turnten zwei halbwilde Ziegen herum. Und dort war irgendwo ein Wanderpfad. Da uns aber nicht nach klettern auf glitschigen Steinen zumute war, gingen wir in Richtung der Badehäuschen zurück und wählten den Aufstieg für Nichtabenteurer.

Ziegen

Ob Tiere wohl einen Sinn für die Schönheit der Landschaft haben?

Toller Blick von da oben! In der Ferne konnte man die Britischen Kanalinseln Jersey und Guernsey erkennen. Das waren also die Gewässer, wo während der britischen Seeblockade zur Zeit Napoleons geschmuggelt wurde, was das das Zeug hielt. Und auch in anderen Epochen waren hier immer Zöllner und Soldaten auf dem Wachtposten. Wenn der Wind, wie vorhersgesagt, in den nächsten vier Tagen so blieb, könnte meine Flaschenpost sogar zu den Inseln treiben. Ich hätte ein paar Kaffeebohnen mit in die Buddel stecken sollen: Schmuggelgut für den Fall des Brexit, – aus purem Protest gegen Grenzkontrollen.

Cap de Carteret

Unten der Abwurfort. Links am Horizont, im Dunst zu erahnen, die Kanalinsel Jersey.

Ab dem Wochenende war aber Nordwestwind angesagt, und der sollte dann so mehr oder weniger die ganze Woche anhalten (mein Wetterdienst riskiert eine Vorhersage für zehn Tage). Wenn die Buddel bis dahin nicht gestrandet war, dann ging die Reise direkt in den Trichter der Bucht hinein, vielleicht in Richtung der Klosterinsel Mont Saint Michel. Oder, – weniger fromm -, zum ehemaligen Korsarennest Saint Malo. Auch keine schlechte Kulisse für eine Landung!

Aber welche Rolle spielt hier überhaupt der Wind? Hier im Golf von St. Malo ist es die Tide, die den Ton angibt. Am unteren Ende der trichterförmigen Bucht kann die Flut über zehn Meter hoch auflaufen. Folglich sind die Tidestömungen gewaltig. Am Cap del la Hague, wo die Bucht in den Ärmelkanal übergeht, sind das gerne mal Fließgeschwindigkeiten von zwei Meter pro Sekunde(!). Und wo es in engem Raum Strömungen gibt, das gibt es irgendwo auch Gegenströmungen. Für die Flaschenpost heißt das: Roulette. Eine Landung auf den Normannischen Inseln war genau so möglich wie auf dem Strand nebenan, gegenüber in der Betagne oder ebenso eine Drift in den Englischen Kanal mit allen Chancen, die sich daraus wieder ergeben. Alles ist möglich.

Wir kamen bei dem kleinen Leuchtturm oben auf der Anhöhe an und hatten nun den Ausblick auf die andere Seite des Kaps. Am Fuße des Berges liegt dort die Ruine einer mittelalterliche Kapelle. Von dort an erstreckt sich ein Dünengebiet von über neun Kilometer Länge und bis zu eineinhalb Kilometer Breite nordwärts. Der vorgelagerte Strand hat bei Niedrigwasser eine Breite von fast einem Kilometer. Keine Buhnen, keine Küstenschutzanlagen. Ein paar Trampelpfade, aber keine Menschen, so weit das Auge reicht.

Natur pur.

Wildnis.

Hier oben begann ich zu begreifen, wie diese Küste funktioniert.

Tonschiefer

Kambrische Sedimente.

Wenn die Felsen – Reste des Aremorikanischen Gebirges – erodieren, dann werden die feinen Verwitterungspartikel (Ton, Schluff) weit hinaus ins offene Meer getragen. Die starke Strömung erlaubt nicht, dass sie sich absetzen. Deshalb gibt es hier keinen nährstoffreichen Schlick und folglich auch im Gezeitenbereich nur wenige Wattwürmer. Und auch kaum Limikolen, die nach Wattwürmern suchen.

Der schwerere Sand kann sich aber im Schutz der Buchten zwischen den Kaps ablagern und weite Strände bilden. Der direkt vom Kanal kommende Nordwestwind hat freie Bahn, um über die Strandplatte zu blasen, Sand mitzunehmen und zu Dünen aufzutürmen.

Cap de Carteret Fernblick nach N

Jenseits der Mauer beginnt die Wildnis.

Klar, auch eine Flaschenpost kann in so einer Bucht gut liegenbleiben. Lange liegenbleiben, zumindest jetzt außerhalb der Saison, wenn der Strand so menschenleer ist. Wie lange? Tage? Wochen vielleicht? Wie lange es wohl dauert, bis der vom Wind permanent über die Strandoberfläche getriebene Sand das Glas matt werden lässt, es „satiniert“, wie die Meerglassammler sagen?

Wenn eine hoch auflaufende Flut sie bis zum Dünengürtel mit nimmt und sie zugeweht wird, könnte es Jahre oder Jahrzehnte dauern, bis jemand sie findet (Beispiel => hier oder, noch extremer, => hier und => hier der aktuelle Rekord). Warten muss ich wohl  auch, wenn die Wellen die Briefbuddel in den Spalten irgendwelcher Felsklippen deponieren, wo kaum mal jemand rumkraxelt. Wobei ich davon ausgehe, dass die an den Kaps sehr starke Strömung das Treibgut daran vorbei führt und eine Landung in einer ruhigen sandigen Bucht wahrscheinlicher ist. Auf jeden Fall werde ich Geduld haben müssen. Hoffentlich hat der Sensemann die auch mit mir, falls sich der Postverkehr in die Länge ziehen sollte. Denn so ein junges Küken bin ich ja wirklich nicht mehr…

Witzig, wie sehr doch die Gedanken einer Flaschenpost hinterher reisen! Obwohl man doch gar nicht weiß, wohin diese Seefahrt geht. Vielleicht macht auch das etwas von dem Reiz aus. Auf jeden Fall lernt man bei solchen Spekulationen etwas über Geographie.

Der Strand dort hinten blieb heute übrigens doch nicht ganz ohne Besucher. War ja klar, dass wir diese Weite ganz direkt erleben wollten. Am Nachmittag unternahmen wir eine Expedition dorthin. Aber nicht ohne vorheriges Picknick, denn dort ist weit und breit nichts zu bekommen. Das haben Wildnisse nun mal so an sich.

Zum Glück!

Wegmarkierung

Stilvoller Wegweiser.

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*Nein, keine Bildbearbeitung! 😀 Das Foto ist echt, der Schatten der Flasche liegt genau hinter ihr. Und ich musste mich ordentlich verrenken, um nicht selbst das Bild zu verschatten.

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Kategorien: Flaschenpostmeldungen und Flaschenpostreisen, Persönliche Geschichten | Schlagwörter: , , , , , , , | 5 Kommentare

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5 Gedanken zu „Start am Cap de Carteret. Meine normannische Flaschenpost

  1. Schön! Und was ein Wurf!

    • 😀 Ein zugegebenermaßen eher seltener Anfall von Sportlichkeit. 😉
      Aber bei Abwürfen von der Küste gibt es immer dieses Problem, das die Flaschenpost nach drei Wellenschägen wieder am Ufer liegt.

  2. Endlich lobt mich mal jemand! 😀 😀 😀

  3. Ina

    WOW, das ist ja ein zauberhafter Bericht! 🙂 Danke fürs Mitnehmen und deine Ausführungen, da habe ich wieder eine Menge gelernt. Der Antlantik hat es aber auch seeeeeehr gut mit dir gemeint – noch nicht mal Dünungswellen, die einem das Flaschenpost-Bingo immer durcheinanderwürfeln 😉 Ebenso so schön, dass dieser seltene sportliche Einsatz umwerfend gut dokumentiert ist 😀
    Liebe Grüße!

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