Q & A: Flaschenpost-Fachsimpeln mit Anja


Manche prominente Youtube-Vlogger machen gelegentlich Question & Answer Videos, kurz Q & A, wo sie Fragen aus den Zuschriften ihrer Zuschauerschaft beantworten. Nun bin ich weder prominent noch Youtuber, aber in den Kommentaren meines letzten Beitrages „Post aus Skummeslövsstrand“ stellte Bloggerkollegin Anja ein paar anregende Fragen, die m. E. einen eigenen Artikel wert sind. Deshalb hier mein erstes Blog-Q & A.

Anja fragt:

104 Flaschen ist schon eine Ansage. Meine Statistik lautet 11 verschickt, 2 gefunden und mit 1 noch in Kontakt. Wie machst du das, in einer Tabelle oder mit einer Landkarte?

Lohnende Erinnerungen. Hier ging es um ein von Schülern vorbereitetes Interview und eine Mitmachaktion für Kinder.

Ein handschriftliches Logbuch hat irgenwie was. Sogar Platz für Schiffsstempel.

Na ja, die 104 Buddeln verteilen sich auf knapp 20 Jahre, da relativiert sich die Zahl ein wenig. Wobei noch ein paar nicht mitgezählte Spontanflaschenposten hinzukommen. Seit etwa fünf Jahren führe ich eine Liste, sowohl eine Computerdatei, wie auch ein handschriftliches Buch, das aber gerade nicht auf dem laufenden Stand ist. Da trage ich die Daten ein. Für die Nr. 104 beispielsweise:

03.10.2018
Flaschenpost 104

Kleine klare Limonadenflasche, verkorkt + Schraubverschluss, versiegelt.
Inhalt: handschr. Brief, Baltic Sea Scroll XIX-4, Adresszettel, prägefrisches 1 ct Stück.
Ausgesetzt um 16:30 Uhr von der großen Buhne am Leuchtturm Bülk. Wolkig, Wind SW 4 Bft, draußen 5.
Gefunden Anfang Dez.(?) 2018 am Strand von Skummeslövsstrand (Hallands län, Schweden) von Jerry [Nachname, Adresse]

Die Baltic Sea Scrolls sind Texte von mir oder Zitate aus der Literatur, die ich so – eben als Flaschenpost -, herausgebe, wie andere eine Zeitung herausgeben. Nur dass es immer nur ein einziger Beitrag ist. Der Finder soll ja etwas zu lesen haben. Und wenn es die „Dead Sea Scrolls“, die in Tonkrügen versteckten antiken Schriftrollen vom Toten Meer gibt, warum nicht auch die Schriftrollen von der Ostsee? 😉

Schreibst du mit der Hand oder bereitest du es am PC vor?

Sowohl als auch.

Die Baltic Sea Scrolls hatten ja ihren Ursprung im Herumexperimentieren mit meinem ersten Computer (Artikel dazu => hier). Im Jahr 2002 verfasste ich einen Standardbegleitbrief, der ebenfalls als Ausdruck in die Flasche kam. Das war so eine Art Bekennerschreiben für dieses abgefahrene Hobby. Aber das war mir dann irgendwann zu nüchtern, zu wenig individuell. Deswegen schreibe ich in letzter Zeit häufiger mit der Hand. Entweder mit Blei- oder Kopierstift oder richtig – kritzekratze! – mit einer altmodischen Stahlfeder und Zeichentusche. Normale Tinte geht nicht, weil sie verläuft, wenn doch etwas Feuchtigkeit in die Flasche kommt. Für eine Stahl- oder Glasfeder ist Füllertinte ohnehin zu dünnflüssig. Auch mit einer Vogelfeder habe ich schon geschrieben.

Meine Handschrift ist zwar grauenvoll – noch grauenvoller als meine Rechtschreibung! -, aber ich tröste mich mit ihrer Einzigartigkeit.

Schreibst du nur auf deutsch (ich lege immer einen kurzen englischen Text bei)?

Mal so, mal so. Bei den Baltic Sea Scrolls gibt es welche auf Deutsch und welche auf Englisch. Mein Bekennerschreiben ist auf Deutsch. Aber die letzten Flaschenposten habe ich auf Englisch verfasst. Bei den Buddeln, die Hilke für mich in England ausgesetzt hat, sowieso. Und der Adresszettel, mit dem ich neuerdings um Antwort bitte, ist zweisprachig.

Wieviele Antworten hast du insgesamt schon bekommen?

Zwei.

Wie bitte?

Nur zwei? – Ja, wenn man eine Flaschenpost aus Kindertagen dazu zählt, sind es drei. Über meine allererste Flaschenpost hatte ich => hier in meinem ersten Blogartikel erzählt. Dann kam die Geschichte mit einer Kinderaktion auf einem Forschungsschiff (die Links in dem Artikel funktionieren nicht mehr). Und, wie letzte Woche geschildert, bekam ich von einem liebenswerten Finder eine nette Postkarte aus Schweden.

Bei 104 gezählten Flaschenposten hätte man eigentlich 20 bis 30 Rückmeldungen erwarten kännen. Ist nur unmöglich, weil ich viele der Buddelbriefe unter einem Pseudonym geschrieben hatte. Ja, ich habe eine Zeit lang aus mir selbst ein Geheimnis gemacht. Es ging mir ja auch gar nicht darum, Kontakt mit dem möglichen Finder zu bekommen, sondern einfach um die Idee, einfach irgendwo eine Flaschenpost auftauchen zu lassen. Und wenn man so Blödsinn verzapft, wie eine Briefbuddel in einer Museumsausstellung zu verstecken, geht man mit seiner wahren Identität vielleicht auch besser in Deckung. 😉

Wenn irgend ein Kind einen Finder fragt, wohin die Flaschenpost getrieben ist, dann ist es auch leicht, darauf zu antworten. Aber was soll man bitte zu einer Todesanzeige einer 1915 auf einer Südpolarexpedition erschossenen Schiffskatze schreiben? – „Herzliches Beileid“? – Nee, passt nicht so ganz, es war ja nicht meine Katze. Da reicht es mir, wenn der Finder es seinen Bekannten erzählt: „Guck mal, was ich hier Seltsames gefunden habe!“ Und vielleicht doch mal recherchiert, was es mit dieser Expedition auf sich hatte. Das war nämlich wirklich spannend!

Nun, irgendwann fing ich doch an, zumindest eine E-Mail-Anschrift mitzuschicken. Mit meiner Postadresse war ich noch vorsichtig, die gebe ich nicht so gern in unbekannte Hände. Aber es sind auch heute noch keineswegs alle Strandwanderer internetaffin. Jener Bernsteinsammler, der meine letzte Driftbuddel aufhob, beispielsweise nicht. Der Niederländer Wim Kruiswijk wird auch sein Leben lang auf seiner alten Reiseschreibmaschine klappern. Wäre schade, von so einem Typen keine Antwort zu bekommen!

Obendrein ist es auch Stilbruch, auf eine altmodische Flaschenpost auf elektronischem Wege zu antworten. Aber umgekehrt ist heutzutage vielen jungen Leuten der Generation Handy der klassische Brief oder die Postkarte fremd geworden. Also brauchen wir wohl beides, die Postanschrift und die E-Mail-Adresse. Und eine freundliche Einladung zu antworten nicht nur auf Deutsch. Ich glaube, ich habe unterschätzt, wie weit meine Flaschenposten kommen. Die Ostsee ist zwar ein kleines Meer, aber eines mit vielen Völkern, die an seinen Ufern wohnen.

Die Sache mit dem Künstlernamen ließ sich spätestens nicht mehr durchhalten, als sich Fernsehredakteure für meinen Spleen zu interessieren begannen. „Hey, ich hab dich im Fernsehen gesehen! Aber wieso heißt du da ganz anders?“ Nee, das wäre doch ein bisserl blöd…

Trotzdem, es gibt sie immer noch: die rätselhaften Texte in Geheimschrift, auf die ich mit ziemlicher Sicherheit keine Antwort bekommen werde. (Obwohl es theoretisch möglich wäre, wenn sich wirklich einer dahinter klemmt.) Aber da reizt mich einfach der Gedanke, das irgendein Junge – egal wechen Alters und Geschlechtes – so einen vergilbten Zettel (ein Bad in Tee lässt vorzeitig altern) in den Händen dreht und sich Piratenschatzgeschichten dazu ausdenkt.

Barockschiff, IMMH

Warst du schon mal in dem Hamburger Museum, in dem Flaschenposten ausgestellt sind?

Andrea & Clint Ausschnitt

Andrea und Clint.

Du meinst das Internationale Maritime Museum? Jups, da war ich schon öfters. Einmal zusammen mit Andrea, der charmanten Autorin des Blogs Treibholzeffekt und mit Clint, dem leidenschaftlichen  „Message in a Bottle Hunter“ aus den USA. Da muss ich unbedingt auch mal davon erzählen, das hatte ich schon so lange vor!

Und dann gab es auch mal einen ganz besonderen Besuch dort. Dazu musst du => hier weiterlesen.

Ein Besuch lohnt sich. Nicht nur einer…

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Clint Buffington und die 101 Jahre alte Flaschenpost aus der Kieler Bucht.

 

Kategorien: Persönliche Geschichten, Wie und warum? | 3 Kommentare

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3 Gedanken zu „Q & A: Flaschenpost-Fachsimpeln mit Anja

  1. Danke für die Antworten und gleich einen ganzen Beitrag 🙋🏻‍♀️…
    DANKESCHÖN 😁!

  2. Ina

    WOW! ein toller artikel und er weckt natürlich auch viele gemeinsame erinnerungen 🙂 hab herzlichen dank dafür!

    • „er weckt natürlich auch viele gemeinsame erinnerungen“
      Ja, besonders bei den Bildern gibt es ein paar „alte Bekannte“. 😉

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