Post aus Skummeslövsstrand


Eine Fundmeldung

Beim Ausnehmen des Briefkastens…

…ja, „Ausnehmen“, das ist das richtige Wort. Ich kann mich dabei ja nicht selbst sehen, aber bestimmt mache ich dabei so ein verkniffenes Igitt-Gesicht wie beim Säubern von Fisch. Nur dass mir dabei kein glibberiges Gedärm entgegenkommt, sondern haufenweise Weihnachtswerbung, Gutscheine hiesiger Kaufhäuser (einzulösen vorgestern bei gleichzeitigem Einkauf in Höhe von drei Monatsgehältern) und Therapieangebote der Bank für mein anorektisches Sparschwein. Bäh, nee…

Aber gestern purzelte mir doch eine Postkarte entgegen! – Aber aus der Verwandtschaft ist doch gar keiner in Urlaub?

Skummeslövstrand steht unter den Strandfotos auf der Bildseite. Auf schwedischen Briefmarken lustige Piepmätze. Skummes… was?

„Hello Peter! I found your bottle post in Skummeslövsstrand, Prov Halland in Sweden…“ begann ich zu lesen.

Hach, was für eine Überraschung! Aufgeregt wie ein Kind beim Auspacken von Weihnachtsgeschenken hüpfte ich die Treppe hoch, feuerte den Werbemüll irgendwohin und nahm die Postkarte näher in Augenschein. Geschrieben hatte Jerry, sein Nachname kann schwedischer kaum sein. Er ist etwa in meinem Alter, das man bei Männern komischerweise als „die besten Jahre“ bezeichnet. Eines seiner Hobbies ist, wie er berichtete, Bernsteinsammeln. Und bei diesem Geschäft hatte er meine Flaschenpost Nr. 104 gefunden. Frohe Weihnachten und ein glückliches neues Jahr wünscht er mir, dann die Adresse. Da will ich doch gleich mal antworten.

Aber wo liegt denn dieses Skummeslövsstrand? Auch die Provinz Hallands lan hatte ich nicht auf dem Schirm, obwohl ich ein paarmal in Schweden war. Aber die Welt ist eine Google, also so tippe ich den langen Ortsnamen Buchstabe für Buchstabe in das Suchfenster der Internet-Suchmaschine. Und erlebe wieder eine Überraschung!

Der kleine Ort, der wohl im Wesentlichen aus Ferienhäusern besteht (Wikipedia weist das Vorhandensein eines Bäcker- und Lebensmittelladens, eines Golf- und Tennisplatzes sowie eines Meerwasserschwimmbades, aber keine Einwohnerzahl aus), liegt an der Laholmbucht am Kattegat, also der Westküste Schwedens.

Das heißt, meine Flaschenpost muss entweder durch den Großen Belt oder den Öresund an Lolland und Seeland vorbei geschwommen sein! Das ist vom Abwurfort am Leuchtturm Bülk aus eine Strecke von 183 Seemeilen bzw. 340 km. Und zwar auf dem direkten Kurs, den ein Motorschiff fahren würde. Gut ein Drittel davon geht dabei durch die engen Wasserstraßen der dänischen Inseln. Selbst der Große Belt, der  mit gut zehn Kilometer an der engsten Stelle erheblich breiter als der Öresund ist, stellt für eine Flaschenpost ein Nadelöhr dar.

FP 104 Kurs

Mindestens  183 Seemeilen zwischen dänischen Inseln hindurchgeschlängelt.

Eine Flaschenpost hat aber bekanntlich keinen Lotsen an Bord. Sie ist Treibgut, da geht es mit jeder Drehung des Windes hin und her. In der Enge der westlichen Ostsee bilden sich manchmal stündlich neue Ringströme, die mit einer Driftbuddel Roulette spielen. Die Wahrscheinlichkeit, nicht vorher irgendwo angetrieben zu werden, um dann auch noch an einem der flaschenpostfreundlichsten Sandstrände Schwedens zu landen, ist verschwindend gering. Ich frage mich, wie das mit rechten Dingen zugegangen sein kann!

Losgeschickt hatte ich die kleine Bitter-Lemon-Flasche am 3. Oktober 2018 von meinem Lieblingsabwurfplatz, der großen Buhne am Leuchtturm Bülk. Nachdem wir fast den ganzen Sommer lang hohen Luftdruck mit beständigem Ostwind hatten, war die Nr. 104 die erste, die nach der langen wetterbedingten Pause wieder von dort aus auf die Reise gegangen war. Mein Flaschenpostlogbuch weist für die Startzeit um 16:30 Uhr Südwestwind von in Landlee 4 Bft aus, weiter draußen wird es eine Windstärke mehr gewesen sein. Aber in der darauffolgenden Woche drehte der Wind wieder auf östliche Richtungen. Ich rechnete mit einem Landfall an der Küste Schwansens.

Aber der Ostwind hat offensichtlich dafür gesorgt, dass eine Menge Wasser aus der Ostsee nach Westen gepresst wurde. Die Meerengen zwischen den dänischen Inseln sind dabei ja die einzige Abflussmöglichkeit in Nordsee. Da müssen die Belte wie Düsen gewirkt haben. Glück für unsere Flaschenpost, für die es wohl mit einer rasanten Strömung in Richtung Kattegat ging. Leider ist auf der Postkarte kein Funddatum vermerkt, aber ich schätze mal, dass Jerry sie Anfang Dezember gefunden hat. Rechnen wir der Einfachheit halber mal mit 60 Reisetagen. Macht bei einer Strecke von 180 Seemeilen (mindestens!) durchschnittlich drei Seemeilen pro Tag. Nicht schlecht, finde ich.

So, nun muss ich aber los, die Postkarte besorgen, die ich Jerry in meinem Buddelbrief versprochen hatte!

Werbeanzeigen
Kategorien: Flaschenpostmeldungen und Flaschenpostreisen | Schlagwörter: , , , , , , , , | 8 Kommentare

Beitragsnavigation

8 Gedanken zu „Post aus Skummeslövsstrand

  1. Ich weiß wie du dich fühlst, ich habe mich damals auch so gefreut, bin durchs Haus freudestrahlend gehüpft und grinse auch heute noch, wenn ich an die Antwort denke, die übrigens über meinen Blog kam.
    Ach, ich freue mich so mit dir und lese mir das ganze nochmal durch 👍👍👍😁😁🤗.
    Aber 104 Flaschen ist schon eine Ansage. Meine Statistik lautet 11 verschickt, 2 gefunden und mit 1 noch in Kontakt. Wie machst du das, in einer Tabelle oder mit einer Landkarte?
    Ach, ich finde das toll 🤗.
    LG Anja und Charly

    • Moin Moin!
      Na ja, die 104 Buddeln verteilen sich auf knapp 20 Jahre, da relativiert sich die Zahl ein wenig. Wobei noch ein paar nicht mitgezählte Spontanflaschenposten hinzukommen. Seit etwa fünf Jahren führe ich eine Liste, sowohl eine Computerdatei, wie auch ein handschriftliches Buch, das aber gerade nicht auf dem laufenden Stand ist. Da trage ich die Daten ein. Für die Nr. 104 beispielsweise:

      03.10.2018
      Flaschenpost 104

      Kleine klare Limonadenflasche, verkorkt + Schraubverschluss, versiegelt.
      Inhalt: handschr. Brief, Baltic Sea Scroll XIX-4, Adresszettel, prägefrisches 1 ct Stück.
      Ausgesetzt um 16:30 Uhr von der großen Buhne am Leuchtturm Bülk. Wolkig, Wind SW 4 Bft, draußen 5.
      Gefunden Anfang Dez.(?) 2018 am Strand von Skummeslövsstrand (Hallands län, Schweden) von Jerry [Nachname, Adresse]

      Die Baltic Sea Scrolls sind Texte von mir oder Zitate aus der Literatur, die ich so – eben als Flaschenpost -, herausgebe, wie andere eine Zeitung herausgeben. Nur dass es immer nur ein einziger Beitrag ist. Der Finder soll ja etwas zu lesen haben. Und wenn es die „Dead Sea Scrolls“, die in Tonkrügen versteckten antiken Schriftrollen vom Toten Meer gibt, warum nicht auch die Schriftrollen von der Ostsee? 😉

      • Vielen Dank für die Infos, sehr inspirierend 👍👍👍, vorallem das mit den Baltic Sea Scrolls. Ich hab noch ein paar Fragen und hoffe es nervt nicht 😉. Schreibst du mit der Hand oder bereitest du es am PC vor? Schreibst du nurauf deutsch ( ich lege immer einen kurzen englischen Text bei)? Wieviele Antworten hast du insgesamt schon bekommen? Warst du schon mal in dem Hamburger Museum, indem Flaschenposten ausgestellt sind?
        So, genug gefragt. Einen schönen 3. Advent, LG Anja und Charly 🙋🏻‍♀️🐶

        Buchempfehlung: „Und plötzlich schreibt das Meer zurück“ von Alex Shearer

  2. Nee, liebe Anja, nervt nicht! 🙂 Ich freue mich ja, wenn ihr Leser und Bloggerkolleginnen euch für meine abgefahrene Liebhaberei interessiert. Ich will mir aber ein bischen Zeit für meine Antwort nehmen. Hab also ein wenig Geduld!
    Danke für den Buchtipp. Auf Grund der Infos zum Buch fiel mir ein, dass ich über die Thematik schon einmal nachgedacht habe: => hier.

  3. Pingback: Q & A: Fachsimpeln mit Anja | flaschenposten

  4. Ina

    ja, diese besonderen glücksmomente bei einer fundmeldung … ist schon was einmaliges, außergewöhnliches, wo die glückshormone durch den körper tanzen. ich freu mich auch jedes mal wie ein kleines kind. es ist einfach glück pur. und deine buddel hat ja eine außergewöhnliche reise hinter sich! ganz speziell und dazu noch die krönung der fundmeldung 🙂 super schön!
    liebe grüße!

  5. Moin lieber Peter,

    was für eine schöne und auch aufregende Geschichte.
    Vielleicht sollten wir selber auch mal eine Flaschenpost auf den Weg bringen. Bisher haben wir uns immer nur an fremden Flaschenposten erfreut, die wir gefunden haben und von der wir eine auf Wunsch des Absender „wieder“ weiter auf die Reise geschickt haben.

    Ganz liebe Grüße,
    Claudia

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

%d Bloggern gefällt das: