Blutige Briefe


Mysteriöser kann das Ambiente kaum sein:

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(Screenshot ZDF-Samstagskrimi „Prager Botschaft“)

Gewitter. Eine heruntergekommene, düstere Wassermühle, irgendwo in Tschechien. In einem Verlies ein Gefangener. Er schreibt einen Brief. Mit dem eigenen Blut auf eine Zeitung. Eine Flaschenpost.

Hach, so mögen wir das!

Was die Szenerie für ein Historiendrama sein könnte, ist die Eingangssequenz des zuletzt im ZDF ausgestrahlten Samstagskrimis „Prager Botschaft“. Wie das Wortspiel des Titels sagt, tatsächlich mit einer historischen Handlungsebene.

Die Flaschenpost wird im Film von einem Hamburger Elbfischer aus dem Wasser gezogen. Noch einmal „Hach!“, bevor der Krimi dramatisch wird. Dieser Fischer, – wettergegerbtes Gesicht, Prinz-Heinrich-Mütze, weißer Vollbart wie der betagte Kaiser Wilhelm II -, der ist entweder aus dem Ohnsorg-Theater oder aus einem Werbespot für Urlaub an der Nordseeküste entschlüpft, oder? Aber wirklich schön aufgenommen, richtig idyllisch, wie der Ewer im Strom liegt!

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Ein Schiffer wie aus dem Kinderbuch. (Screenshot ZDF-Samstagskrimi „Prager Botschaft“)

Die Szene, wie der Schiffer sein Netz aus dem Wasser zieht und den Müll aus dem Fang sortiert, erinnert stark an die Terra-Xpress-Dokumentation, in der Konrad Fischer den Fund einer Flaschenpost nachspielt, die über 100 Jahre am Grund der Kieler Bucht gelegen hat.

Auch bei anderen Motiven dachte ich, „das kenne ich doch irgendwoher.“ Eine mit eigenem Blut geschriebene Flaschenpost eines Entführten, das gab es doch schon in Jussi Adler-Olsens Thriller „Flaskepost fra P“, dessen Verfilmung unter dem Titel „Erlösung“ in die deutschen Kinos gekommen ist. Bislang konnte ich davon nur Trailer sehen, aber die Parallelen, z. T. bis in die Kameraeinstellung hinein, sind verblüffend.

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Die TV-Kommissare analysieren die Botschaft. (Screenshot ZDF-Samstagskrimi „Prager Botschaft“)

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Vorlage für die Einstellung: Film „Erlösung“. (Screenshot Trailer)

Einfach abgekupfert? Nein, ich glaube, es ist ein offensichtliches und bewusstes Zitat aus der dänischen Vorlage. Wohl nicht zufällig heißen beide Schreiber der blutigen Botschaften Paul.

Die Kriminalexperten des Fernsehens sind sich sicher: Eine Flaschenpost, die beim Hochwasser 2016 bei Prag in die Elbe geworfen wurde, kann zwei Jahre später in Hamburg ankommen. Ja sicher! Aber auch nur im Film. In Wirklichkeit jedoch nicht. Eine leichte PET-Flasche kann sich nicht so lange im Fahrwasser halten. Da braucht in diesen zwei Jahren nur ein paar Minuten der Wind wehen und schon liegt sie am Ufer. Und bei Hochwasser womöglich auf irgendeiner Wiese. Über den Elbdeich, wenn da einer sein sollte, wird sie bei heftigerem Wind einfach drübergepustet. Nee, Leute, euer gruseliger Zeitungsfetzen hätte es nicht mal bis Pirna geschafft.

Und selbst wenn er weiter gekommen wäre, dann hätte sie spätestens ein Schleusenwärter an der Staustufe bei Magdeburg oder Geesthacht aus dem Wasser geholt. Aber Schleusenwärter tragen keine Prinz-Heinrich-Mützen, deswegen sei Drehbuchautor Florian Oeller die unglaubwürdige Story gerne nachgesehen.

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Kann eine leichte Plastikflasche so vom Sand begraben werden? Screenshot Trailer „Flaskepost fra P“

Auch die Flaschenpost des dänischen Sektenkindes Paul nimmt einen ungewöhnlichen Weg. Sie gelangt, den Hauptwindrichtungen der Nordsee zum Trotz, von Dänemark nach Schottland. Bei einer mit Sand beschwerten, tief im Wasser liegenden Glasflasche wäre das mit gutem Willen denkbar, denn die Hauptströmung in der Nordsee geht entgegen dem Uhrzeigersinn im Kreis herum. Da wäre so eine Reise mit Umweg über die Norwegische See möglich. Aber eine Plastikflasche, die bei Sturm von Wellenkamm zu Wellenkamm hüpft?  Wohl kaum.

Aber, wie gesagt, ich habe den Film noch nicht komplett gesehen. Vielleicht gibt es ja doch eine plausible Erklärung.

Beitragsbild oben: Screenshot Trailer „Erlösung“. Die Verwendung der Screenshots erfolgt nach §51 UrhG.

 

 

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3 Gedanken zu „Blutige Briefe

  1. Ina

    herrlich! ich kriege mich gar nicht mehr ein vor lachen 😀 theorie und praxis bzw. physikalische und naturgesetze – nee, sowas ist in drehbüchern nicht vorgesehen. und nicht nur bei diesem thema, sondern überall – der geneigte leser bzw. zuschauer soll ja nicht denken, sondern sich nur unterhalten lassen. was ich schlimmer finde, dass so etwas wohl von den meisten menschen unkritisch als fakt übernommen wird, wenn es sich um eine „echte“ nachricht handeln würde. das ist das grundprizip von fake news ….

    • Reisewege von Flaschenposten in der Literatur waren schon immer seltsam, um nicht zu sagen: absurd. Und zwar von Anbeginn an, nämlich mit Edagar Allen Poes Erzählung „M. found in a Bottle“ von 1833, gewissermaßen dem Ur-Mythos aller Flaschenpostgeschichten.
      Der Protagonist gerät in der Geschichte auf eine Art Geisterschiff. Der uralte, große und mit Greisen bemannte Segler fährt geradewegs in Richtug Südpol, wo sich nach der Theorie des Amerikaners John Cleves Symmes junior der Ozean in einem gewaltigen Strudel ins Innere der Erde ergießen sollte. Nun, wenn denn dieser „Fliegende Holländer“ aus Poes Kurzgeschichte in den Abrund dieses globalen Gullys gerissen wird, wie kann denn die vom Ich-Erzähler verfasste Flaschenpost diesem ungeheuren Sog widerstehen und gefunden werden?

      Ergo: Flaschenposten sind geradezu prädestiniert für Absurditäten. In der Fiktion und manchmal auch in der Realität. Das macht auch irgendwie den Reiz aus, finde ich.

      Nur hoffe ich, dass niemend sich den markabren Scherz erlaubt, einen solchen Hilferuf wie in den Filmen nachzumachen und ins Wasser zu werfen. Da hört der Spaß auf, zumindest wenn es echt aussieht. Ich bin heilfroh, dass sich die Räuberpistole, die zwei Jungs in einer von mir gefundenen Flaschenpost erzählten, bei zweitem Hinsehen als Unfug herausstellte. Deren „Entführung“ war glücklicherweise nur ein harmloser Besuch bei Oma. 😀

  2. Ina

    du überraschst mich immer wieder, wie tief du in der „materie“ drin bist und einen unerschöpflichen fundus an geschichten kennst bzw. selbst erlebt hast. danke für mitnehmen und das anschubsen des kopfkinos!

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