Zwei „Hunderter“ für Sheffield. (With English summary)


Schon viele Flaschenpostler habe es mir gestanden: Bevor sie „die Post einwerfen“, schauen sie sich erst einmal verstohlen um. Guckt auch niemand? Bloß keine spöttischen Blicke wegen solchem „Kinderkram“ einfangen oder gar Mecker wegen Umweltverschmutzung!

Hilke

Pretty postie: Künstlerin und Autorin Hilke Kurzke.

Hilke Kurzke macht es anders. Sie läd öffentlich zu ihren Flaschenabwürfen ein. So erhielt ich letztens über Facebook die Einladung zu einem „Message in a Bottle Drop-Off“:

I am going to spend a couple of days in Sheffield and am planning to drop a couple of bottles into the river Don.

Let’s meet up and make it a splash-party.
* You could drop your own bottle.
* I’ll bring a couple of blanks for you to make your own on the spot.
* Exact time and location is due to negotiation – so let me know if you think you can come, and we’ll arrange a meeting point.

Afterwards we’ll have a cuppa from the thermo or go to a cafe and can discuss messages in bottles, art outside galleries, or life in general.

Das hätte mich ja nun gereizt. Aber Sheffield? Wo liegt das eigentlich? England, ja klar, irgendwo in der Mitte¹. Eine Keimzelle der Industrialisierung war das gewesen, so viel war aus dem Geschichtsunterricht (oder war das Erdkunde?) hängengeblieben. Irgendwas mit Bergbau und Stahlindustrie. Und Lisa Middleton wohnt da, ich hatte sie Anfang des Jahres in einem Blogartikel erwähnt. Aber ansonsten wusste ich über Sheffield nur so viel, dass meine beiden Busfahrkarten nicht bis dorthin reichen würden und es auch mit dem Rad beschwerlich wäre, so quer über die Nordsee.

Und wohin fließt eigentlich dieser Fluss Don? Nach Osten oder nach Westen? Google Earth klärt mich auf: Der Don ist nicht einfach ein Fluss, sondern ein wasserbautechnisch komplexes Gewässer, weitgehend kanalisiert, über weite Strecken aber auch begleitet vom ursprünglichen Flussbett, mit zahlreichen Wehren, Mühlen und Schleusen. Er mündet in den Humber, dieser wiederum im imposanten Mouth of Humber in die Nordsee.

Don weir

Fünf Wehre, für eine Flaschenpost ohne menschliche Hilfe kaum zu meistern!

Ein faszinierender Gedanke, ausgerechnet dort eine Flaschenpost schwimmen zu lassen! Am besten eine Wanderflaschenpost. Das heißt eine, die von den Findern immer wieder neu dem Fluss übergeben wird. Also fragte ich bei Hilke an, ob ich ihr was schicken dürfte. Ja klar durfte ich, „Flaschentauschen“ ist in der Zunft schon ganz gängig. Dann ran an die Arbeit…

…die Steuererklärung war nämlich längst überfällig. Musste sein!

Aber dann kam die Wanderflaschenpost dran. Eine Flasche mit Schnappverschluss hatte ich noch im Keller liegen, bereits fertig mit knallroten Ralleyestreifen aus einer Mischung aus Acryl- und Porzellanmalfarbe dekoriert. Ein Brief mit einer Erläuterung des Projektes und einer genauen Anleitung für die Finder musste noch geschrieben werden, – und das mit meinen schauderhaften Englischkenntnissen, ohauahauaha! Eine Liste für Fundeintragungen kam noch hinzu, ein Bleistift und – angesichts der Absurdität des Planes – ein prägefrischer Glückscent.

Wie sein seit zwei Jahren auf dem Main verschollenes Vorbild gab ich auch dieser Wanderflaschenpost ein Hashtag für eventuelle Postings im Internet: #dondownstream100
Dondownstream, weil es den Fluss Don bis zur Nordsee hinunter gehen soll. 100, weil der Zufall es wollte, dass diese Flaschenpost ausgerechnet die Nummer 100 in meiner Liste ist.

Ein Blick auf die Uhr, – bis zur Paketabholung bei der Post war noch ein bischen Luft. Da konnte ich noch eine zweite Driftbuddel (Nr. 101) fertig machen. Kritzekratze, mit einer Stahlfeder und (laut Etikett) licht -und wasserfester Zeichentusche. Es kam noch ein bischen andere Fracht mit hinein, so dass sich die Flasche sicherheitshalber einem Schwimmtest im Wassereimer unterziehen musste. Das ging aber noch, so gerade. Dann aber schnell in den Karton gestopft ab zur Post damit, ohne Abschiedsfoto und ohne eine Zeile an Hilke. Es sollte ja alles noch rechtzeitig in England ankommen.

Irgendwie war ich in Flaschenpostlaune, machte am Tag darauf also noch zwei weitere see- bzw. flussklar und schickte sie hinterher. Da war es mir egal, ob Hilke die noch mit nach Sheffield nehmen konnte. Wenn nicht, würde ihr schon irgendeine Verwendung dafür einfallen.

Orgelpfeifen

Wie die Orgelpfeifen: Flaschenposten 100 – 103.

Die Post machte es spannend. Aber passgenau am Nachmittag vor Hilkes Abreise waren beide Päckchen da. Gleichzeitig!

FP 100 + Hilke

Selfie: Wanderflaschenpost #dondownstream100, Hilke und das Handy (Schatten).

Gestern dann (9. Oktober 2018) gab es bei herrlichstem Herbstwetter den ersten Drop Off. Ganz edel von einer malerischen historischen Brücke, der Lady’s Bridge. Inmitten der Stadt mit ihren glänzenden modernen Bürobauten, zwischen denen der Don beschaulich dahinplätscherte. Ein Flüsschen mit kleinen buschbestandenen Inseln, nach der Trockenheit des Sommers auch hier ein niedriger Wasserstand.

Don Sheffield

River Don in Sheffield. Vorn im Wasser Flaschenpost Nr. 100.

Witzig: Auch Hilkes Flasche hat die Nummer 100! Wir waren etwa gleichzeitig vor gut fünf Jahren mit der Flaschenposterei und dem Bloggen darüber angefangen und nun waren wir beide beide bei der vollen 100 angelangt, die nun, nur eine Brücke voneinander getrennt, auf die Reise gingen.

Hilkes Fläschchen gehört zu ihrer Serie „Small Worlds“, hier ist ein kleines Waschbecken mit Zahnputzbecher und winziger Zahnbürste enthalten. Unten im Schränkchen, – Vorsorge ist alles! -, ein Vorrat Toilettenpapier! Echt, kein Scherz! (Oder doch?)

Nr. 100 von Hilke

Zahnputzglas im Reiseglas: Nr. 100 von Hilke.

Ein paar Enten begleiteten das Gläschen, eifrig darüber diskutierend, ob da eine kleine Wassernixe mitten beim Zähneputzen den Entschluss gefasst hätte, ganz plötzlich mit dem gesamten Hausstand umzuziehen.

FP 100 + Brett

Erst einmal die Herbstsonne genießen. Das nächste Hochwasser kommt früh genug.

Meine eigene Flaschenpost zog es vor, an einem Stein halt zu machen und ein in Driftangelegenheiten schon erfahrenes Holzbrett darüber zu konsultieren, ob sie sich auf ein so waghalsiges Abenteuer mit gleich fünf Wehren im nächstfolgenden Flussabschnitt überhaupt einlassen sollte. So als Flaschenpost hat man ja Zeit, warum also nicht erstmal abwarten und sich bedenken…

Weiter geht die Geschichte => hier.

Ein ganz herzlicher Dank geht an Hilke für ihre Bereitschaft, meine Buddeln mitzunehmen, auszusetzen und das alles auch fotografisch festzuhalten!

Alle Fotos mit freundlicher Erlaubnis von Hilke Kurzke, Büchertiger Studio & Press.

***

Summary: Recently i got via facebook an invitation to attend some Message in a Bottle Drop-Offs in Sheffield, UK by the artist and author Hilke Kurzke. Well, Sheffield is just a little bit out of the range of my bus tickets and also going there by bike from Kiel (Germany) was too unconveniant in the remaining time. So i sent her some of my own drift bottles to set them afloat with her own in Sheffield.

I don’t know much about the geographical details of the waters there. But it’s a big fun to do something unpredictable.

My message in a bottle no. 100 is a special one. It should travel down the entire river Don to the North Sea and farther. That means that finders have to toss it back into the water until it has reached the open sea. A detailed instruction is included. Finders can leave a note on an included cronicle of landfalls and dispatches or/and mail me. There is also a hashtag to follow the ongoings on the internet: #dondownstream100

The bottle has to master several weirs, locks, concrete and boulder bank reinforcements and dead waters. And as a first one: shallows. „Mission impossible“? Let us see…

Hilke started this message in a bottle together with her own no. 100 yesterday afternoon. Well, my one took a rest on a shallow very soon to think about accepting this hard challenge or not.

Have also a look on Hilke’s message in a bottle stories here => https://flaschentiger.wordpress.com/

ADDENDUM: She has now published her own reports here => Sheffield Part 1 , Sheffield Part 2 and Sheffield Part 3

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¹Wenn man weiß, wo England oben zu Ende ist, dann liegt Sheffield im Norden. Also im Norden von England, nicht von der ganzen Insel. Aber ich weiß so was ja nicht. 😉

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Kategorien: Kunst - Projekte, Persönliche Geschichten | Schlagwörter: , , , , , , , , , | 2 Kommentare

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2 Gedanken zu „Zwei „Hunderter“ für Sheffield. (With English summary)

  1. Ina

    welch eine spannende und erfrischende geschichte! eine doppel 100 – das muss euch beiden einfach glück bringen 😀 bin gespannt, wie es weitergeht!

  2. Pingback: Urbexing in Sheffield: Neue Flaschenpost-Drop-Offs. | flaschenposten

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