Ein Brief an Strandputzer. Und einer an Oma Inge


Schon öfters hatte ich den „Wiker Strand“ erwähnt. Die Schmuddelecke der Kieler Innenförde. Die Kiellinie, also das frühere Hindenburgufer und die Tirpitzmole des Marinehafens treffen in einem Spitzen Winkel aufeinander. Hier konnte sich auf 50 m Länge etwas Sand ablagern, den man mit gutem Willen als „Strand“ bezeichnen kann. Denn das Bild wird von jeder Menge Schiet und Dreck getrübt, der sich im Wind- und Strömungsschatten der Kaimauer und der ebenfalls hohen Uferbefestigung ansammelt. Wem alle Nachrichten vom Pacific gabage patch durch die Lappen gegangen sind, der wird hier mit den üblen Folgen unserer Konsum- und Wegwerfgesellschaft konfrontiert. Farbeimer, Bier- und Spraydosen, Badelatschen, PET-Flaschen, Plastiktüten, Styroporverpackungen in allen Graden des Zerfalls treiben hier an. Und bleiben liegen.

Müll Wiker Strand

Die widerwärtigen Artefakte des Anthropozäns.

Blieben liegen, muss ich korrekterweise sagen. Normalerweise wird der Müll einmal im Jahr, immer kurz vor der Kieler Woche, weggeräumt. Kiel will ja ein gutes Bild abgeben, wenn Besuch von Auswärts kommt.

Seit Anfang des Jahres wird aber ganz offensichtlich regelmäßig geputzt. Es liegt kaum noch grober Dreck herum. Dafür sehe ich öfters gut gefüllte Müllbeutel am Straßenrand stehen. Sorgfältig am Laternenpfählen festgebunden, warten sie dort auf Abtransport.

Keine Ahnung, welche heldenhaften Heinzelmännchen dort am Werke sind. Einmal, als ich vorbeiradelte, meinte ich flüchtig am Spülsaum eine jüngere Frau mit Müllsack gesehen zu haben. Ohne die orangerote Kluft und Warnweste, wie man das von den Leuten der Stadtreinigung kennt. Also eine Privatperson? Oder mehrere? Vielleicht gar Menschen, die freiwillig und ehrenamtlich diese Drecksarbeit übernahmen? Leider hatte ich einen dringenden Termin und konnte deshalb nicht anhalten und fragen.

Egal ob ehrenamtlich oder bezahlt, ein Dankeschön für diese Sisyphusarbeit wäre wohl ganz angebracht. (Ich habe selbst mal mit einem Trupp Jugendlicher einen Uferabschitt an der Elbe gereinigt und weiß, was das für ein Job ist.) Aber wie nur, wenn man nicht weiß, wer da am Werke ist?

Nun, wer mich kennt, ahnt schon, wie ich es versuchen wollte. Zum ersten Mal schrieb ich eine Flaschenpost, die nicht irgendwen, sondern einen ganz bestimmten Adressaten erreichen sollte: den oder die Müllsammler, deren Namen und Adresse ich nicht kannte. Aber vielleicht stießen sie ja auf meinen Brief, wenn sie da wieder in Gummistiefeln und Arbeitshandschuhen unterwegs waren.

Natürlich war die Wahrscheinlichkeit groß, dass irgendwer anders die Buddel fand. Vorsichtshalber wählte ich eine kleine, dunkelgrüne Flasche, sie sollte nicht allzusehr auffallen. Aber es war ein ganz schmuckes Stück aus profliliertem Glas, durchaus kaminsimstauglich. Der oder die Finder sollten sich ja freuen und nicht über zusätzlichen Dreck ärgern. Statt des üblichen knallroten Siegellacks wählte ich diesmal schwarzen. Damit sich wirklich nur jemand danach bückte, der genau hinschaute.

Am 30. Mai plumpsten meine Dankeschön-Zeilen in ihrer geheimnisvoll-romantischen Verpackung in die Wiker Bucht, knapp 100 m vom Strand entfernt. Wenigstens ein kleines Stück sollte die Flaschenpost schon schwimmen. Da kein ungünstiger Wind zu erwarten war, konnte ich sicher sein, dass sie demnächst im Zielgebiet ankam.

Als ich am darauffolgenden Tag mit Einkäufen im Rucksack nach Hause radelte, überkam mich die Neugier. Klar, ich wollte wissen, ob mein kleines Briefbuddelchen noch da war. Also machte ich einen Schlenker dorthin. Am Spülsaum lag sie nicht, das war schnell zu überblicken. „Stumme Fundmeldung“ nennt meine Flaschenpostkollegin Ina das, wenn man sicher sein kann, dass die Flasche gefunden wurde, es aber keine Antwort gibt.

Leider war es wohl nicht jemand von der Putztruppe, der darauf gestoßen war, denn ein glipschig-algengrüner Tennisball und eine Fastfood-Styroporbox, die ich am Vortag dort gesehen hatte, lagen immer noch da. Nun, es gab ja genügend anderes Publikum, dass da unterwegs ist. Als ich vorbei kam, spielte dort gerade eine Familie mit ihrem Hund im Wasser. Und eine Bikinischönheit räkelte sich auf ihrem Badelaken, ungeachtet der halbzerfledderten Möwenleiche, die, aus welchen Gründen auch immer, nicht im Müllsack meiner Helden gelandet war. Okay, vielleicht denkt derjenige, der meinem Buddelbrief gefunden hat, mal darüber nach, wem er den leidlich saubenen Strand zu verdanken hat. Das ist ja auch gut.

Oder trieb meine Flaschenpost noch dort herum, wo ich sie eingeworfen hatte? Könnte sein, den groß Wind war ja nicht. Also: nachgucken!

Nee, auch nicht.

Aber…

Flaschenpostfund31052018

Bis hierher war die Putzkolonne nicht vorgedrungen.

Moment mal, da lag direkt unten an der Ufermauer eine Flasche. Und darin laut und deutlich ein Zettel. Ein relativ kleiner Zettel, nicht zusammengebunden. Also eine Spontanflaschenpost.

Hm, aber wie da rankommen? Die Mauer ist dort rund drei Meter hoch. Also liegenlassen. – Mist!

Die Flasche sah etwas trübe und mitgenommen aus, das konnte man auch aus der Entfernung sehen. Sie könnte eine längere Reise hinter sich haben. Es rumorte in mir. Ich fühlte mich irgendwie „zuständig“.

Das Wasser davor war flach, nicht einmal knietief. Ich könnte also doch hinkommen. Zurück am Wiker Strand, parkte ich meine Sandalen am Spülsaum, krempelte die Hosenbeine hoch und watschelte los. Die üppige Algenflora im Flachwasser machte das Sediment dort schlickig und glitschig. Wegen der überall herumliegenden Steine, die immer mal wieder aus der Ufermauer herausgebrochen waren, musste ich vorsichtig gehen. Auch auf den vielen Dreck, einschließlich botschaftsloser Flaschen, wollte ich nicht treten, denn die oben erwähnten Putzaktionen hatten sich ja nur auf den Strandabschnitt selbst erstreckt und nicht auf den ganzen Boden der Bucht. Irgendwo konnte ich mir einen langen Stecken aus Birkenholz angeln, welcher ausweislich daran haftenden Blasentanges auch schon eine Seereise hinter sich hatte. Damit stakste ich mich voran wie ein geschrumpfter und altersschwacher Christopherus. Allerdings nicht mit dem Erlöser auf den Schultern, sondern mit dem Rucksack mit Wochenmarkteinkäufen.

Flaschenpost Oma Inge1

Dreckige Beute.

Schlussendlich konnte ich aber die Flaschenpost zwischen anderem Treibgut herausziehen und den Rückweg antreten. Ohne Ausrutscher mitsamt Bauchklatscher in den Schlick, der nun eigentlich zu so einer Aktion dazugehört hätte. Jedenfalls, wenn es ein Film gewesen wäre. Aber ohne Slapstikszene blieb mir das Gekichere der Bikiniblondine erspart, und das war mir auch sehr lieb. 😉

Zu Hause konnte ich das Papier problemlos mit einer Pinzette aus seinem gläsernen Gehäuse ziehen. Ein länglicher Zettel von einem Block, wie er in Gaststätten zum Aufaddieren der Zeche verwendet wird.

„Liebe Oma Inge“ stand da in leicht verblichener Kugelschreiberschrift. Die Handschrift einer Frau. Darunter etwas krakelig die Buchstabenfolge SUTSUG ( ), dann die Zeichnung eines/einer vielleicht Fünfjährigen: unter einer strahlenden Sonne zwei wohl Erwachsene, dazwischen zwei Kinder. Auf der Rückseite, neben dem Werbeaufdruck einer bayerischen Brauerei, noch einmal die Buchstabenfolge TSUG. Offensichtlich der verunglückte Versuch des Kindes, Omas unaussprechlichen Nachnamen zu schreiben.

Oder, nein, – von rechts nach links gelesen, heißt es „JUSTUS“. Womit wir den Vornamen des Künstlers haben! Kreative Schreibweisen fordern nun mal kreative Leser.

Mehr erfahren wir allerdings nicht. Alles in allem nicht sehr ergibig, was Absender und Herkunft betrifft. Flaschenpostalisch also eine Niete?

Nein, nicht ganz. Denn mit etwas Phantasie erschließt sich doch eine Geschichte.

Eine Familie am Strand. Die Kinder finden eine Flasche ohne Deckel (es war ein wenig trockener Sand darin) und schleppen die an. „Oh nee, müssen die Gören auch jeden Müll aufheben? – Na gut, machen wir was daraus: Eine Flaschenpost!“

Der Wirt von der „Fischkiste“ (oder wie der Strandimbiss auch immer heißen mag)  stiftet den Zettel. Und er hat sogar einen passenden Korken von einer Obstlerflasche, denn das Fundstück war ursprünglich mal mit einem Kronkorken verschlossen, den es natürlich längst nicht mehr gibt.

„An wen schreiben wir denn?“ Ein Brief, auch wenn es ein Flaschenbrief ist, muss ja einen Adressaten haben, Logik hin oder her. „An Oma Inge!“ – „Soll ich schreiben oder du?“ – „Du, Mama!“ – „Gut, ich fange an, aber du schreibst auch was, okay?“ Justus kommt ja bald in die Schule, da kann er ruhig schon ein bischen üben. So viel Pädagogik muss auch im Urlaub sein.

Liebe Oma Inge

Keine Rücksicht auf das Flaschenbriefgeheimnis.

Na ja, aus dem Schreiben wurde noch nicht so viel. Aber über ein Bild freut sich Oma Inge bestimmt auch…

 

 

 

 

 

 

Advertisements
Kategorien: Persönliche Geschichten | Schlagwörter: , , , | 2 Kommentare

Beitragsnavigation

2 Gedanken zu „Ein Brief an Strandputzer. Und einer an Oma Inge

  1. Wie wunderbar! Meine liebe in diesem Jahr verstorbene Oma heißt auch Oma Inge. Und mit Namen und Flaschenposten habe ich es ja eh. Danke also für diese schöne Geschichte und ein Dank an alle fleißigen Müllsammler*innen!

    • Ja, ich denke, darüber dürfen sich alle „Oma Inges“ und auch sonst alle Omas freuen, egal ob an diesem oder an jenem Ufer des großen Ozeans. 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

%d Bloggern gefällt das: