Aschenflaschen. Wie damit umgehen?


In einem anderen Artikel (bitte auch die Kommentare dort lesen!) hatte ich schon Flaschenposten erwähnt, die die Asche Verstorbener enthalten. Zuerst war mir das Phänomen in einer Notiz von Nicola White begegnet. Sie schrieb auf ihrem Website:

It is the most poignant we have found, and was a bottle containing the ashes of a young lady called Clare who had been about to sail the world before very sadly, she died without fulfilling her wish. Her family hoped that by sending her ashes out to sea, her spirit would be set free.  I have no doubt that it did.

Dann die erwähnte Geschichte von Gary Robert Dupuis. Dessen sterblichen Überresten war eine Banknote beigefügt, dazu die Einladung, mit dem Geld frohgemut einen heben zu gehen und auf den Toten anzustoßen.

Heute begenete mir wieder ein Foto von einer Flaschenpost, die, wie ich annehme, etwas Leichenbrand enthält (ich bin mir dessen noch nicht ganz sicher). Das heißt, wir sollten uns Gedanken machen, wie damit umzugehen ist. Es könnte ja sein, dass so etwas häufiger vorkommt, besonders wenn sich die Bestattungsgesetze in weiteren Ländern lockern. Deshalb möchte ich die Diskussion, die sich in den Kommentaren des Eingangs verknüpften Blogposts entwickelt hat, noch einmal aufgreifen.

Zwei Motive spielen für die Aussendung solcher Aschenflaschen eine Rolle:

  1. Die Reise um die Welt, die der Tote damit antritt. Vielleicht eine Reise, die er immer einmal machen wollte, zu der es aber nie gekommen ist. Es ist eine Fortführung des Lebensabenteuers im Diesseits, in einer Welt, die als schön und sehenswert betrachtet wird und in der man sich die Begegnung mit freundlichen Menschen – hier also den Findern der Flaschenpost – erhofft und mit denen der Tote und die Angehörigen  zumindest flüchtig eine gedankliche Gemeinschaft eingehen.
  2. Die metaphysische Dimension der Natur. Die Schönheit und Weite des Ozeans steht  für den unendlichen Kosmos, mit dem der Tote vereint wird, wenn ihn die Hinterbliebenen ganz wörtlich loslassen und am Horizont verschwinden sehen.

Man mag dazu stehen wie man will. Meine Grundhaltung wäre zunächst einmal Respekt. Achtung vor dem Verstorbenen und vor den Gefühlen derjenigen, die eine Aschenflasche auf die Reise schicken.

Wenn es möglich ist und der Wunsch dazu aus dem Flaschenbrief hervorgeht, würde ich so eine Flasche wohl wieder dem Meer oder dem Fluss übergeben. Und da ich ein religiöser Mensch bin, würde ich es nicht ohne ein Gebet oder die Rezitation eines passenden Bibelverses tun. Zumindest in meinem Herzen, jedenfalls ohne einen Fremden für meinen Glauben vereinnahmen zu wollen. Aber ohne ein kleines Ritual mit einem Mindestmaß an feierlicher Würde ginge es wohl nicht.

Aber nicht immer lässt sich das so einfach machen. Zunächst einmal ist nicht jeder Küstenstrich geeignet, eine Flaschenpost auszusenden. Mancherorts ist der Seewind so hartnäckig, dass ein treibendes Objekt sofort wieder angespült werden würde. Und ich selbst wüsste ad hoc auch niemanden, dem ich sie anvertrauen könnte, weil er vielleicht auf einer Seereise bessere Gelegenheit dazu hätte.

Ich hätte auch Hemmungen, eine Aschenflasche ins Wasser zu werfen, wenn sie mit großer Wahrscheinlichkeit an einem belebten Badestrand, in einem Industriegebiet oder den Basaltblöcken einer Küstenschutzbefestigung landen würde. Manchmal lässt sich das ja ein wenig abschätzen. Auch den Gedanken, dass die sterblichen Überreste eines Menschen inmitten von angetriebenem Plastikmüll und sonstigem Dreck herumliegen, fände ich wenig erbaulich. Ferne (oder auch nahe) Küsten sind ja nicht immer die wildromatischen Gestade, die man sich erträumt, wenn man eine Flaschenpost dem nassen Element übergibt. Nur hat man das vorher nicht im Griff, es sei denn, man kennt die Strömungsverhältnisse des entsprechenden Gewässer sehr gut.

Nur etwa ein Viertel der Flaschenposten, in denen um eine Antwort gebeten wird, werden von den Findern auch beantwortet. (Mehr dazu hier.) Was mit den übrigen ist, bleibt unbekannt. Einige fallen sicher den Unbilden der Natur zum Opfer. Andere fallen Leuten in die Hände, die nichts damit anzufangen wissen oder sich einfach nichts aus den Zeilen der Absender machen. Also ist auch davon auszugehen, dass nicht alle Aschenflaschen von Menschen gefunden werden, die anständig damit umzugehen wissen. Die vielleicht sogar geschmacklose Scherze damit treiben. Nicht gerade eine besonders erhebende Vorstellung.

Daher bietet sich als Alternative an, die Flasche als Urne zu bestatten, also einfach an einem schönen Ort an der Küste einzugraben. Dazu würde ich auch gar nicht erst irgendwelche amtlichen Vorschriften konsultieren. Es müsste nur einigemaßen sicher sein, dass nicht gerade am Strand herumbuddelnde Kinder versehentlich den so Beigesetzten exhumieren. An einer Geröllküste könnte man auch oberhalb der Flutlinie zum Andenken einen Cairn bauen, entweder über dem Grab oder in der Nähe.

Die Asche in die Dünen zu streuen, wäre auch eine Möglichkeit. Die Seereise des Toten hätte damit ihr Ziel gefunden. Die Flasche könnte man trotzdem mit ein paar erklärenden Worten wieder aussetzen, wenn es passt.

Nic White hat den Leichenbrand damals in die Themse gestreut. Das erinnert an das Totenritual der Hindus am heiligen Fluss Ganges. Damit war die Tote Teil der Natur geworden. Und gleichzeitig war der Gedanke der Reise ins Meer gewahrt. Ein schöner Gedanke, wie ich finde.

Post scriptum: Gestern hatte ich diesen Blogpost veröffentlicht, heute Morgen stieß ich auf diese Nachricht:
=> CTV Vancouver News. Ja, so etwas kommt ganz offensichtlich häufiger vor. Als Strandjutter sollte man sich Gedanken darüber machen.

Pps.: Clint Buffington hat hier einige Beispiele von Aschenflaschen mit Fotos und weiteren Details  gsammelt.

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Ein Gedanke zu „Aschenflaschen. Wie damit umgehen?

  1. Pingback: Strandjutter als Trauerbegleiter? Noch einmal zur Frage der Flaschenbriefe an Verstorbene. | flaschenposten

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