Mit 216 km/h gegen die Zeit. Gedanken im Zug.


ICE 1173, 4. September 2016. Durch die Glaswand am Ende des Großraumwagens kann ich einen Flachbildschirm sehen. Abwechselnd mit dem nächsten Haltebahnhof des Zuges wird immer wieder die Geschwindigkeit angezeigt. 160 km/h sind es gerade. Der Zug ist zu schnell, um die Stationsschilder der kleineren Bahnhöfe entlang der Strecke zu lesen. Einen Blick auf den von Hundertwasser umgestalteten Bahnhof in Uelzen erhaschen zu wollen, ist aussichtslos. Ich versuche es gar nicht erst.

Wie im vorletzten Beitrag geschildert, hat man mich zur Ausstellung mit dem Titel „Mit dem Strom gegen die Zeit: TREIB_GUT FLASCHENPOST“ im Museum für Kommunikation nach Frankfurt eingeladen. Joachim Römer, Künstler, Flaschenpostsammler und Gestalter der Ausstellung, hatte mir dazu ein Manuskript seines Freundes, des Philosophen Thomas Seibert zugeschickt. Es sind „Sieben Annäherungen an das Sammeln von Flaschenposten“. Und da ackere ich mich, der ich von Philosophie und Kunst kaum Ahnung habe, gerade durch.

An einer Stelle vergleicht der Autor Sender und Finder von Flaschenposten mit jenem unbedeutenden Mr. Leopold Bloom, dessen belanglose Gedanken und banalen Erlebnisse James Joyce in seinem Roman Ulysses auf vielen hundert Seiten protokolliert. Ich habe Ulysses nie gelesen, kann das also nicht beurteilen. Vielleicht drängt sich der Vergleich auf, wenn man in Römers akribische Dokumentation von 1000 und einer Flaschenpost (so der Titel voraufgegangener Ausstellungen) hineinschaut. Auch dort viel Gewöhnliches, Alltägliches. Eben das ganz normale Leben, dass sich da offenbart.

Aber ich bin skeptisch. Vielleicht ist das nur eine Sache des Blickwinkels. Ein Beispiel: Besuch aus dem Binnenland möchte, einmal an der Waterkant, unbedingt ans Meer. Obwohl es Sommer und knackeheiß ist. Also balsamiere ich mich dick mit Sonnenmilch (Faktor 50) ein, ziehe den Safarihut tief ins Gesicht und wir fahren hin. Viele Menschen dort. Und dass es viele sind, ist für mich ihre einzige Eigenschaft. Sie interessieren mich nicht. Nicht einmal irgendwelche Bikinischönheiten, die wahrscheinlich darunter sind, nehme ich durch das dunkle Glas der Sonnenbrille zur Kenntnis.

Szenenwechsel: Ich bin allein an einer schmuddeligen Ecke der Kieler Innenförde und finde eine Flaschenpost. Meine vierte.

Schönberg, Mittelstrand,

den 29. April 2014

Moin moin, liebe(r) Finder(in),

Wir haben diese Flaschenpost von der Buhne 30 in Schönberg losgeschickt und Sarah (10), Leonie (9), Daniel (5), Emely (3), Paul + Ulrike würden sich sehr freuen, wenn du uns eine Nachricht schicken würdest. Wir wohnen in […]

Viele liebe Grüße!

Eine Flaschenpost, wie es sie viele gibt, völlig unspektakulär. Von einer Familie, wie es sie wahrscheinlich viele gibt. Bestenfalls die Zahl der Kinder fällt auf. Sie verbringen einen freien Tag am Strand, wie viele andere es auch tun. Nichts besonderes. Eigentlich sollten mich die Leute nicht mehr interessieren als die Badegäste des oben geschilderten Sommertages. Und doch tun sie es. Irgendetwas Sympathisches erscheint in diesen wenigen Zeilen. Eine gefällige Handschrift. Namen, die ja für Individuen stehen. Namen, die durch den Einschluss in den Glaskolben und eine Driftfahrt von zehn Seemeilen von all den anderen Sandburgenbauern getrennt sind. Kopfkino: eine fröhliche Familie an der See, Muscheln sammelnd, spielend.

„Viele liebe Grüße“ – die sind in diesem Augenblick nur für mich. Ich schreibe ihnen. Sie Schreiben zurück, schicken ein Foto, die Kinder bekommen ein Gesicht.

Vielleicht ist es so wie in Koyaanisqatsi, dem apokalyptischen Kultfilm der öko-bewegten 80er Jahre: Mal erscheinen die Menschen in Zeitraffer wie seelenlose Massen auf dem Fließband, dann aber, in Zeitlupe, in großer existentieller Individualität.

Alles eine Frage der Wahrnehmung.

Und die Finder von Flaschenposten? Sind Buddelbriefe wirklich so ungerichtet, wie es scheint? Ich meine, nein. Jedenfalls meine nicht. Gut, es kann leicht sein, dass sie einem farblosen Durchschnittsmenschen, einem Mr. Bloom vor die Füße gespült werden. Aber sie haben doch, wie ich hier mal erzählt habe, Adressaten. Adressaten, die aus dem Einerlei der durchschnittlichen Konsumgeselschaft herausfallen. Und wie ich bei der hier geschilderten Begebenheit beobachten konnte, bückt sich tatsächlich nicht jeder danach.

216 km/h zeigt der Bildschirm am Waggonende. Ich lege das Vortragsmanuskript zur Seite und greife zum Buch. Vor vielen Jahren war mir der Roman zum ersten Mal begegnet, interessanterweise im Bordbistro eines ICE. Ich stand mit meinem Kaffee an einem der Tische, als mir die Lektüre einer Mitreisenden auffiel: Sten Nadolny, Die Entdeckung der Langsamkeit. Der Titel machte mich neugierig und ich fragte die junge Dame, was das für ein Buch sei. Bereitwillig erzählte sie mir, es ginge um einen Autisten, der als Kapitän eines Segelschiffes die Langsamkeit, die Fähigkeit zu warten, sorgfältiges Beobachten und den Verzicht auf Hast als Strategie bei der Führung einer Polarexpedition entwickelt. Vor einigen Wochen war ich nun angefangen, den Roman zu lesen. Langsam, gerade bis zur Mitte bin ich gekommen.

Auch nun bleibt mein Blick erst eine Weile am Cover hängen. Der Buchdeckel zeigt ein Gemälde des englischen Malers William Turner¹: ein niedriger Raddampfer, der ein barock geschmücktes Segelschiff durch unbewegtes Wasser schleppt. Ob der Designerin des Buchcovers bewusst war, dass das Gemälde eigentlich das Gegenteil des Buchinhaltes sybolisiert? Zwar bewegt sich der Schleppzug gemächlich, aber die Szene stellt den Sieg der Maschine über die Abhängigkeit von der Natur (hier der Flaute) dar. Das Segelschiff ist von leichenhafter Blässe und, bis auf eine kümmerliche Notbesegelung, bereits abgetakelt. Kraftvoll und voll Feuer – man sieht es am Qualm – dagegen der Dampfer, der das einst ruhmreiche Schlachtschiff zur Abwrackwerft bringt. Die Zukunft gehört den Dampfern aus Eisen, die nach Fahrplänen verkehren und sich wenig um die Unbilden des Wetters scheren. Man braucht nicht mehr zu warten. Das industrielle Zeitalter, oder, wie Seibert es in Anlehnung an andere Philosophen ausdrückt, die kybernetische Welt² war angebrochen.

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War noch rechtzeitig: Flaschenpost aus England von Hilke Kurzke.

Ich habe ein paar Flaschenposten im Gepäck, die ich heute Abend im Main aussetzen will. Flaschenposten, die nicht steuerbar, nicht kybernetisch³ sind.

„Mit dem Strom gegen die Zeit“, so lautet der Untertitel der Ausstellung. Verblüffend ähnlich dem Aphorismus, der mein eigenes, einigen Driftbuddeln beigefügtes Bekennerschreiben einleitet:

„Eine Flaschenpost treibt mit der Strömung der Flüsse und Meere, aber sie schwimmt gegen den Strom der Zeit.“

Manch ein Buddelbrief macht das sogar, bevor er überhaupt dem nassen Element übergeben wird. Ein Paket mit Flaschenposten, die Feodora Federkiel für den heutigen Anlass vor einer Woche an mich abgesandt hatte, ist nicht angekommen. Wo ist es hingelangt? Wann wird es auftauchen? Wer weiß, vielleicht werden die sorgfältig verkorkten und versiegelten Gefäße in einem Jahrhundert unter einem Haufen Moder in einer verfallenen Lagerhalle  gefunden. Oder in einem verrosteten Güterwaggon auf einem wild überwucherten Abstellgleis. Und Archäologen grübeln über die eigentümlichen Schriftzeichen der angerußten Botschaften. 😉

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Auf dem Postweg verschollen: Feodoras Sütterlin-Briefe. Foto mit freundlicher Erlaubnis von Feodora Federkiel.

Und das versöhnt mich mit dem Ärger über die Langsamkeit der Post. Ich lese weiter in meinem Seefahrerroman.

Fortsetzung => hier.

_________________________

¹  J. M. William Turner (1839), The Fighting Temeraire tugged to her last Berth to be broken up. National Gallery London. Das Titelbild oben zeigt einen Ausschnitt (gemeinfrei).

² „Auf die spezifische Produktionsweise des globalen Kapitalismus unserer Tage bezogen, benennt der Begriff „kybernetische Welt“ die systemisch verschaltete Steuerung und Regelung der weltumspannenden Interaktion und Kommunikation von Maschinen, Lebewesen und Ressourcen jeder Art. Er benennt zugleich die systemische Verschaltung von Interaktion und Kommunikation auf alle materiellen und immateriellen Momente des alltäglichen Lebens: auf jede und jeden von uns, aufalles, was irgend lebt und ist.“ Thomas Seibert, Sieben Annäherungen an das Sammeln von Flaschenposten: Philosophie, Kunst und Poesie des laufenden Lebens. Ungedr. Manuskript 2016.

³ griechisch κυβερνήτηςkybernétes, „Steuermann“; κυβέρνησις, kybérnesis, „Kunst des Steuerns/Leitens/Regierens“.

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Kategorien: Der Geist in der Flasche, Sammelsorium | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , | 2 Kommentare

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2 Gedanken zu „Mit 216 km/h gegen die Zeit. Gedanken im Zug.

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