Eine verschollene Bombe und ein geschlossenes Postamt.


9. Januar 2005. Punkt 12 Uhr wurden die Leinen losgeworfen und die Platessa von Esbjerg tuckerte in die Eckernförder Bucht hinaus. Es hatte kurz zuvor noch ordentlich gepustet und geregnet. Aber nicht nur deswegen blieben die beiden Gaffelsegel des Haikutters an den Bäumen festgebändselt. Mannschaft und Gäste des Traditionsseglers hatten nämlich unter Deck Wichtiges zu beschicken.

Zunächst mal stärkte man sich mit heißen Getränken und Suppe für die bevorstehenden Taten. Dann, als die Tafel abgeräumt war, wurde es feierlich. Zwei gleichlautende Urkunden wurden auf dem Kajütentisch ausgebreitet und alle der Anwesenden setzten ihre Unterschrift unter die Dokumente. Susanne Jeske-Paasch, die Bürgermeisterin von Eckernförde, die „Künstler und Kaoten“, die sich immer Donnerstags in der Wikingerkneipe Utgard trafen und die diese Aktion ausgeheckt hatten. Und natürlich ihr Kopf, Postadmiral Ewald Huß, – mit Rauschebart und breiter Statur ein Kapitän wie aus dem Bilderbuch!

Postadmiral? Ja, darum ging es. Um Post, genauer: um Flaschenpost. Bei den Schriftstücken handelte es sich nämlich um die Gründungsurkunden des FlaschenpOstseeamtes Eckernförde.

Die Idee dabei war folgende: Die Initiatoren wollten Menschen dazu einladen, Flaschenbriefe zu schreiben und diese dem FlaschenpOstseeamt zwecks Absendung anzuvertrauen. Für einen kleinen Unkostenbeitrag sollten diese dann fachgerecht in Buddeln abgefüllt und auf der Ostsee ausgesetzt werden. Für die Flaschen wollte Utgard-Wirt Huby (Matthias Huber) sorgen, Postadmiral und Skipper Huß war für die Mitnahme auf den Törns der Platessa zuständig. Über die im Utgard angesiedelte Flaschenpoststation sollten dann der Kontakt zwischen Sender und Finder hergestellt werden.

Eine der Urkunden wurde dann – wie konnte es anders sein! – zusammengerollt und in eine dicke bauchige Korbflasche verfrachtet. In so eine „Bombe“, wie man diese Buddeln nennt, in denen üblicherweise eine ganze Gallone billiger Landwein verkauft wird. Die Größe musste auch sein, denn es kam noch einiges hinzu: ein Gutschein der Touristik GmbH für eine Übernachtung für zwei Personen und eine Kulturveranstaltung in Eckerförde, ein weiterer Gutschein für ein Essen im Utgard, eine Einladung zum Stammtisch der Künstler und Kaoten und, wie ich annehme, wohl auch eine Grußbotschaft der Bürgermeisterin, ein Stadtprospekt und eine Information zum Schiff.

Um 12:59 zückten die Reporter der Lokalpresse ihre Kameras, Ewald Huß holte weit aus und die Bombe klatschte ins Wasser der Eckerförder Bucht. Ja, klar, dann kamen die üblichen Gedanken: wo sie wohl hin treibt? Vielleicht nach Fehmarn, oder gar nach Dänemark, wie die Bürgermeisterin spekulierte? Oder „nur“ bis Laboe, wie der Skipper mutmaßte? Wenn sich der Finder melden würde, wollten die FlaschenpOstseebeamten auf ihrer eigens eingerichteten Homepage berichten.

Inzwischen sind über zehn Jahre vergangen, aber die Buddel blieb verschollen. Dabei war sie mit ihrer Bemalung in den Landesfarben Schleswig-Holsteins sicher nicht zu übersehen. Dass das dicke Ding Flaschenbruch erlitten hat, halte ich für unwahrscheinlich. Liegt sie also unentdeckt auf einer abgelegenen Schäre vor der schwedischen Küste?  Oder unter Dünensand begraben am Strand der Kurischen Nehrung? Oder wurde sie längst gefunden und der Endecker hat sich einfach nichts daraus gemacht?

Die Bombe war wohl ein Blindgänger!

Das FlaschenpOstseeamt übrigens auch. Die Homepage, von der sich Interessierte eigens designtes Flaschenpostbriefpapier herunterladen konnten und auf der zunächst noch ein paar plattdeutsche Geschichten rund um das Geschehen gepostet wurden, ist seit kurzem nicht mehr aufrufzurufen. Die Fotos von der Gründungsfahrt waren schon wenige Wochen nach der Einrichtung des Website nicht mehr zu sehen. Das Ganze sah bald nach vernagelten Fenstern und Türen aus. So wie das bei Postämtern heutzutage mal so ist…

Woran das wohl liegt?

Hat niemand die mit so viel Elan und humorvollen Esprit angestoßene Initiative in Anspruch genommen und einen Buddelbrief zur Weiterbeförderung in Auftrag gegeben? – Ehrlich gesagt, ich würde es auch nicht machen. Eine Flaschenpost ist mit einfachsten Mitteln selbst gebastelt. Und das selbst Reinwerfen und verträumt Hinterhergucken lässt sich nicht auf Dienstleister übertragen, auch wenn diese es noch so gut meinen.

Trotzdem: Schade, dass die eigens dafür gestaltete Flagge so sang- und klanglos wieder eingeholt wurde. Die Idee war doch irgendwie schön!

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Ein Gedanke zu „Eine verschollene Bombe und ein geschlossenes Postamt.

  1. da hast du ja wieder eine kuriose geschichte an land gezogen 🙂 die idee als solche finde ich auch nicht schlecht, doch mir persönlich wäre die serviceleistung des ausbringens der selbst gebastelten flaschenposten auch lieber. und das bleibt ja richtig spannend, wann die „bombe“ auftaucht – vielleicht erleben wir das noch!

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