Flaschenposten: Rätsel, Faszination und Form.


At the same time that we are earnest to explore and learn all things, we require that all things be mysterious and unexplorable, that land and sea be infinitely wild, unsurveyed and unfathomed by us because unfathomable.

(Henry David Thoreau, Walden.)

Seine Großmutter, so erinnert sich Bruce Chatwin, hätte in einem Schränkchen allerlei Kurositäten gehütet. Darunter sei auch ein mit einer Stecknadel auf eine Karte geheftetes Hautstück eines vorsintflutlichen Tieres gewesen. Angeblich von einem Brontosaurus. Die Dame hatte das seltsame Souvenir von ihrem Cousin, einem abenteuerlustigen Seemann, zugeschickt bekommen. Der war irgendwann in Patagonien landfest geworden und hatte dort unter anderem nach Fossilien gesucht. Das Lederstück stammte aus der Ausbeute von Funden, die er in einer Höhle in Feuerland ausgegraben hatte.

Bei näherem Hinsehen entpuppte sich der Hautfetzen mit den borstigen roten Haaren nicht als Rest eines Sauriers, sondern eines Riesenfaultiers. Aber das focht den kleinen Bruce seinerzeit nicht an, denn auch ein pleistozänes Mylodon war exotisch genug, um die Phantasie des Jungen zu beschäftigen und das Fernweh des späteren Weltreisenden zu wecken.

Bei noch näherem Hinsehen dürfte sich die Geschichte als Chatwins Erfindung erweisen, wie so vieles in der Biographie des Schriftstellers. Aber das soll uns nun wieder nicht anfechten, denn die Story ist wirklich gut. Und sie illustriert bestens das Thema, um das es hier gehen soll. Nämlich Faszination, Phantasie, und wovon diese ausgelöst werden.

Was wäre gewesen, wenn Bruce damals nicht den Fetzen des Mylodonfells aus Omas Schatzkiste zu sehen bekommen hätte, sondern einen Film mit einer nach modernstem Forschungsstand gemachten Animation des Riesenfaultiers, das durch die computertechnisch rekonstruierte Landschaft des pleistozänen Südamerika schreitet? Hätte das die Phantasie des Jungen genau so bewegt wie der dürftige Rest des Fossils, den er selbst in der Hand halten durfte?

Ich bin mir da nicht so sicher. Ich glaube, der Zauber lag viel mehr im Bruchstückhaften, im Unvollkommenen des Objektes. Nur ein kleiner Fellrest: das ließ so vieles offen und gab Raum für die Imaginationsgabe des Kindes.

auslegerboot-sepia

Palast der Faszination: das Völkerkundemuseum in Hamburg.

Ähnlich erging es mir, als ich als Zwölf- oder Dreizehnjähriger durch das Völkerkundemuseum in Hamburg stromerte. Die große Halle mit den Auslegerbooten in ihren bizarren Formen. Der Maskensaal. Ein Buch aus Palmblättern mit eigentümlichen indonesischen Schriftzeichen in der Asien-Abteilung, – immer musste ich mir die Menschen dazudenken, fremde Sprachen, die schwüle Luft der Tropen, die Rufe exotischer Vögel. Alles war geheimnisvoll und faszinierend. Und es führte meine Phantasie weit über den bescheidenen Horizont des kleinbürgerlichen Alltags hinaus.

tanzmasken

Grotesk und rätselhaft: Tanzmasken der Beining aus Neu-Britannien.

Vieles blieb offen. Warum manche Papuastämme aufwendige Masken schufen und was sie damit machten, weiß ich bis heute nicht.

Warum schreibe ich das?

Weil ich den Verdacht nicht los werde, dass die Faszination, die Flaschenposten ausüben, ganz ähnliche Wurzeln hat. Wohl in jedem Zeitungsartikel und in jedem Fernsehbeitrag zu diesem Thema  kommt der Begriff „geheimnisvoll“ oder „mysteriös“ vor. Botschaften in der Buddel sind geradezu zum Inbegriff des Abenteuerlichen und Unbekannten geworden. Auch dann, wenn die Geschichte einer konkreten Flaschenpost gar nicht so spektakulär war, dieses Image haftet ihr dennoch an.

Woran mag diese Faszination liegen? Begeben wir uns doch für ein paar akademische Gedanken kurz in den wundervoll altmodisch getäfelten Hörsaal jenes Hamburger Völkerkundemuseums und treiben ein wenig Anthropologie:

Der Mensch orientiert sich üblicherweise in folgenden Dimensionen: Raum, Zeit und sozialer Kontext. Wir kennen unsere Wohnung, unser Stadtviertel, die Wege zur Schule und zur Arbeit. Woanders müssen wir uns erst einmal orientieren. Ähnlich ist es mit der Zeit: Wir haben unseren Tages- und Wochenrhythmus mit morgendlichem Weckerklingeln und Terminen im Kalender, wir kennen den Zyklus der Jahreszeiten mit Festtagen und Bräuchen, wir erinnern unsere Biographie usw. Und im Sozialen schaffen wir ebenfalls Ordnung: Familie und Kollegen, Freunde, Feinde, Belanglose: -zig Kategorien.

Werden wir aus diesen Systemen herausgerissen, gibt es zweierlei Reaktionen. Die eine ist Verunsicherung, im schlimmsten Falle Angst, z. B. wenn wir unvorhergesehen in eine unbekannte Situation geraten. Die andere ist Neugier oder Fazination.

Eine Flaschenpost bewegt sich außerhalb der genannten Beziehungssysteme. Jedenfalls soweit wir sie kennen. Und damit stehen, neben der Gleichgültigkeit,  diese zwei Möglichkeiten offen. Das ablehnende „Fass das nicht an, wer weiß, was das ist“ einer besorgten Mutter zu ihrem am Ufer spielenden Kind. Oder eben Neugier.

Wenn uns nicht gerade ein mit Strömungsmodellen und Wetterdaten vollgepackter Hochleistungsrechner zur Verfügung steht, wissen wir nicht, wohin eine Flaschenpost treiben wird, wann sie gefunden wird und ob überhaupt. Wir wissen nicht, ob sich ein aufgeschlossener Finder daran freut, ob ein Banause mit Steinen danach wirft oder ob ein ordnungsliebender Pedant sie ungeöffnet entsorgt. Gleichsam wie der Fliegende Holländer ist manch ein Buddelbrief nach einem Jahrhundert wieder aufgetaucht. So lange wir keine Antwort haben, ist Platz für Imagination.

Ein Fund ist Zufall. Gut, es gibt ein paar passionierte Flaschenpostsammler, aber auch sie können nicht planen, was da angetrieben wird. In der Regel ist es eine Überraschung, wenn man eine Briefflasche entdeckt, ob man nun gezielt danach guckt oder nicht. Wobei ich davon ausgehe, dass sehr viele Spaziergänger gerade das Altglas am Spülsaum sehr viel genauer in Augenschein nehmen als das übrige Treibgut. Irgendwie… es könnnte ja sein, dass… – Auch hier: Imagination!

Blaues Wunder

Noch versiegelt. Aber auch nach Öffnung rätselhaft: Flaschenpost in Geheimschrift.

Eine eintreffende E-Mail macht sich mit einem „Ping“ auf dem Computer bemerkbar. Absender und Betreff sind im Postfach sofort sichbar, je nach Einstellung auch schon eine Textvorschau. Bei einer Flaschenpost muss man erst einmal realisieren, dass es eine ist. Vielleicht foppt einen ja auch nur ein halb abgelöstes, von der anderen Seite durchschimmerndes Etikett. Man muss die Buddel erst einmal genauer in Augenschein nehmen. Den gröbsten Dreck abspülen. Die Flasche öffnen, den Zettel herausfriemeln. Zeit genug, Spannung wachsen zu lassen. Wunderschön von Meertau in diesem Blogpost beschrieben!

Und manchmal geht das Spiel noch weiter. Da muss ein womöglich zerfledderter Zettel wieder zusammengesetzt werden. Textpassagen sind vielleicht ausgeblichen oder die Tinte ist durch Feuchtigkeit verwaschen.

In jeder Flaschenpost offenbart sich ein Mensch. Oder mehrere. In ganz verschiedener Weise. Manche Schreiber schildern ausführlich Anlass, Ort und Zeitpunkt der Aktion. Bei Anderen zeigt sich die Spontanietät, mit der das Papier auf die Reise gegangen ist. So wie bei dem Kassenbon der beiden Jungs aus Herborn, der auf mysteriöse Weise nach Norwegen gelangte.

Manchmal lässt sich regelrecht Archäologie betreiben, wie dieses Beispiel zeigt. Der Verfasser dieser Flussflaschenpost bleibt bis auf Anfangsbuchstaben seines Namens  anonym. Und doch entfaltet sich (fast wörtlich!) nach und nach ein Mensch in einer ganz individuellen Situation. B. N. hat seine Botschaft offensichtlich mit dem Monogramm und dem Datum auf dem Etikett des Flachmannes begonnen. Als der Schnaps ausgetrunken war, kam ein Laubblatt mit dem Absendeort Pirna (in Sachsen), wiederum dem Namenskürzel und dem Datum hinzu. Dann eine kurze Wettermeldung auf einen abgerissenen Fetzen einer Zigarettenschachtel. Schließlich erinnerte sich der Schreiber des Kassenzettels des wohl kurz zuvor getätigten Einkaufes im Supermarkt, den er um einen ausführlicheren Wetterbericht ergänzt. Ein zusammengedrückter Kronkorken – Bier stand auch auf dem Kassenbon – und ein paar Wiesenkräuter vom Flussufer komplettieren die Zeitkapsel. Das Bild drängt sich geradezu auf: Man sieht einen wohl armen Menschen (vielleicht obdachlos?), Raucher und dem Alkohol nicht abgeneigt, der mit den ad hoc gemachten Einkäufen trotz des wechselhaften Wetters am Elbufer ein bescheidenes Picknick hält. Und einen aufmerksamen Blick für die Natur und Sinn für die Poesie des Augenblicks hat. Ein Mensch, der einem Anteil an seinem Erleben schenkt.

„Menschen lesen“ so nennt es Ada Birk.

Dabei scheinen manchmal gerade die Flaschenposten einen besonderen Reiz zu haben, die  vieles offen lassen. Ich erinnere mich an die Kurzreportage über einen Urlauber, der ganz hingerissen von einer auf der Sandbank vor St.-Peter-Ording gefundenen Flaschenpost war. Die Botschaft enthielt nur ein Wort. „Tracey“ stand auf dem in die Buddel gestopfen Gepäckanhänger. Sonst nichts. Vielleicht war es gerade das, was den aufgeregten Typen in der Badehose so begeisterte: Die Dame, die ihm die seltsame Visitenkarte über das Meer geschickt hatte, ließ ihm freie Hand, sich ihren Charme und ihre Reize vorzustellen. Das ist doch viel interessanter, als sofort das Foto und die kompletten Kontaktdaten einer womöglich dummen Nuss zu bekommen. 😉

Nun, jemand anders würde sich von so einer Kurznachricht vielleicht vergackeiert vorkommen. Mir ginge es wohl so.

Welche Flaschenposten sind interessanter? Diejenigen, die auf Anhieb viel preisgeben? Die, deren Hinweise schnell auf das Persönlichkeitsprofil einer Internet-Community führen? Oder jene, die dem Finder spannende Rätsel aufgeben, die vielleicht ganz ein Mysterium bleiben?

Das ist sicher auch vom Naturell des Finders, von seiner Neugier und von seinem Spieltrieb abhängig.

Ich werde wohl weiterhin für ein breites Spektrum von Leser schreiben. Auf der einen Seite die Serie „The Baltic Sea Scrolls“ mit Beitragen, die am ehesten mit kleinen Zeitungsartikeln zu vergleichen sind und die für sich sprechen (manchmal jedenfalls). Die aber, wie ich hoffe, doch irgendwie einen maritimen Flair haben oder in irgendeiner Weise die Phantasie beschäftigen. Auf der anderen Seite Nachrichten in Geheimschrift. Nicht unlösbar, aber ohne Hilfestellung: Kniffelkram für Freaks. Und dann noch so einiges dazwischen.

Wenn es sich machen lässt, achte ich dabei auch auf die äußere Form. Das ist nicht immer möglich, ich muss ja nun mal die Flaschen nehmen, die im Haushalt anfallen. Aber wenn ich eine bekommen kann, die besonders malerisch oder sonstwie interessant aussieht, dann greife ich zu.

Ich liebe gutes, festes Briefpapier, aber manchmal kommt auch eine alte Obsttüte vom Wochenmarkt oder Luftpostpapier zum Einsatz. Das Versiegeln der Verschlüsse hat bei mir weniger den Zweck des Abdichtens (dafür gäbe es bessere Methoden) als den, der Flaschenpost ein nostalgisches Aussehen zu geben. Und den Finder beim Öffnen zögern zu lassen. Die Spannung darf ja gerne noch einen Moment länger dauern. 😉

Mal sehen, was mir noch so einfällt.

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Kategorien: Der Geist in der Flasche, Sammelsorium, Wie und warum? | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , | Ein Kommentar

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Ein Gedanke zu „Flaschenposten: Rätsel, Faszination und Form.

  1. sehr schön geschrieben, lässt auch wieder viel raum für eigene gedankengänge und kopfkino. auch die beschreibung, wie du deine flaschenposten gestaltest. selbst wenn man dich persönlich kennt, kommen die bilder, wie intensiv du dich mit jeder einzelnen flaschenpost beschäftigst. mal ernsthaft, mal mit einem hintergründigen schmunzeln (geheimschrift), mal übermütig (luftpost). ich glaube, dass sich in jedem werk eben auch ein gutes stück persönlichkeit des absenders wiederfindet. was dazu führt, dass der finder sich ein bild von ihm zusammensetzt – wie in dem geschilderten fall „menschen lesen“.

    allerdings muss eben auch beim finder diese bereitschaft und neugier vorhanden sein, sich darauf einzulassen. und das – fürchte ich – ist leider bei immer wenigen menschen der fall. sie haben irgendwie die kindliche neugier und den spieltrieb, sich selbst die geschichten dazu zu erfinden, verloren. leider *seufz*.

    vielleicht ist es die neugier, die es für alle beteiligten „geheimnisvoll“ macht.

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