Strandjutter als Trauerbegleiter? Noch einmal zur Frage der Flaschenbriefe an Verstorbene.


Vor zwei Wochen ging die Nachricht durch die Medien. Der 54jähige Steve Mershon hatte am Strand von Florida die Flaschenpost eines Fünftklässlers gefunden.

Flaschenbrief Jonathan Torres

Foto: Steve Mershon

Dieser schreibt darin an seinen verstorbenen Freund Daniel. Er stellt sich vor, was sie wohl machen würden, wenn Daniel noch am Leben wäre: mit all den Kumpels  American Football, Fussball und Basketball spielen. Er erinnert an die gemeinsame Vorliebe für den Popsänger Austin Moon. Und er wünscht ihm im Jenseits viel Freude mit Jesus.

Steve Mershon war gerührt. Und er schrieb einen ausführlichen Antwortbrief. Ein Brief voll Mitgefühl, Anerkennung und Ermutigung. Er verspricht, Jonothans Flaschenbrief auf einer Kreuzfahrt erneut dem Meer zu übergeben.

Allerdings hatte Mershon keine Adresse des Jungen. Er entschied sich, Jonothans Zeilen und die eigene Antwort über Facebook zu verbreiten.

[…] You see, I find lots of things on the beach, and the best ones I keep.. I have shelves full of wood, shells, sunglasses and, yes, bottles.. Jonothan, your bottle, with your letter to your best friend, is the most beautiful thing I have ever found. It would trump anything in my collection.. But I can’t.. Won’t.. You threw that bottle out to show your love for your best friend.. It is meant to be shared.. I took pictures of it, and shared it with friends on my Facebook page.. It tugged at many heartstrings, Jonothan.. But it’s going to be shared with more people.. […]

Ob Jonothan den Brief gelesen hat, wissen wir nicht. Auf jeden Fall löste er ein breites Echo aus. Viele waren bewegt, sowohl von der Flaschenpost wie auch von Mershons Umgang damit.

Aber nicht alle würden so handeln. Über das Kontaktformular dieses Blogs erreichte mich vorgestern Abend eine Mail aus den Niederlanden. Der Verfasser meint, Steve Mershon solle unbedingt den Flaschenpostschreiber ausfindig machen und ihm den Brief zurücküberstellen.

Nun, ich bin sicher, der Finder wird sein Bestes getan haben, um den Jungen ausfindig zu machen und direkt mit ihm in Kontakt zu treten. Aber der Fall rührt an eine grundsätzliche Frage, die ich hier zur Diskussion stellen möchte:

Wie umgehen mit Flaschenbriefen, die an Verstorbene (oder sonstwie unerreichbare) Menschen gerichtet sind?

Ich hatte ja gerade vor Kurzem hier geschrieben, dass das gar nicht mal so selten vorkommt. So eine Flaschenpost hat, anders als die meisten, einen konkreten Adressaten. Einen, der in der feststofflichen Welt, in der sich die Driftbuddel bewegt, nicht greifbar ist. Und sie wird von jemandem gefunden, der zwangsläufig garantiert nicht dieser Adressat ist. Eine nur schwer auflösbare Spannung.

Manche solcher Wasserbriefe sind dafür gedacht, gefunden und gelesen zu werden. Ich weiß von einer jungen Frau, die so für ihre an Krebs verstobenen Freundin schrieb. Sie hatte ihre Texte besonders sicher verpackt, z. T. mit einer englischen Zusammenfassung versehen und hoffte auf einen Finder.

Es war mir dabei ein großes Anliegen, eine Flaschenpost ins Meer zu werfen, die über P. berichtet und einige private Dinge. […] Was auch immer geschieht, vielleicht werde ich es nie erfahren. Ich hoffe jedoch, dass der Gedanke an sie noch viele Jahre auf dieser Welt dahin treibt und weite Strecken zurücklegt, bis sie dann vielleicht einmal gefunden wird. […] Mit der Flaschenpost sehe ich die Möglichkeit einen gewissen Moment einzufangen und zu konservieren, der mir wichtig erscheint. Sie ist eine Zeitkapsel, die unberührt und unbeeinflusst von allem was um sie herum geschieht diesen Moment in eine Zukunft trägt, die hoffentlich noch weit vor ihr liegt…

Mehr noch, sie stellte ihre Gedanken ins Internet, mit eingeschalteter Kommentarfunktion. So bin ich darauf gestoßen. Ich habe mich getraut, zu antworten. Ich hoffe, mit angemessener Zurückhaltung und dem nötigen Taktgefühl gegenüber einer Trauernden. Und ich glaube, es hat ihr gut getan, dass dieses Echo kam, dass  jemand von ganz weit weg, von außerhalb der direkten Betroffenheit, den Weg ein paar Schritte mit gegangen ist.

Bei Jonothans Flaschenpost und den meisten anderen dieser Art ist keine Absenderadresse angegeben. Ob er überhaupt daran gedacht hat, das ein Fremder seine Zeilen liest? Wohl eher nicht.

Was würde ich tun, wenn ich so einen Brief finden würde? Sicher nicht zurückschicken, wie es der Herr aus den Niederlanden vorschlägt, selbst wenn ich eine Adresse ausfindig machen könnte. Return to sender, – das ist ja auch bei normaler Post ein Misserfolg. Ich bin kein Psychologe, aber ich glaube, für einen Briefschreiber wie Jonothan ist es wichtig, die Gedanken der Trauer zuzulassen, dann aber auch loszulassen, sie davontreiben und am Horizont verschwinden zu sehen. Da wäre es widersinnig, sie zurückschicken zu wollen.

Wenn ich die Möglichkeit hätte, den Absender ausfindig zu machen, würde ich ihm wohl einen Brief schreiben, wie Steve Mershon es getan hat. Ermutigen, Anteilnahme zeigen, schreiben, dass dieser Weg der Trauer gut ist. Religiöse Gefühle, welche es auch immer seien, respektieren und mit tragen. Ebenso aber auch Verzweiflung, wenn diese zum Ausdruck kommt. All das aber mit größtmöglicher Zurückhaltung. Aufdringlichkeit wäre fehl am Platze.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es gut tut, wenn jemand in so einer Situation Sympathie zeigt, selbst wenn dieser Mensch nicht zu den engen Freunden und Angehörigen gehört. Dazu reicht es vielleicht, wenn die einzige Verbindung die durch den Kurs der  Flaschenpost gezeichnete Linie ist.

Die Sache öffentlich machen und in sozialen Netzwerken verbreiten würde ich wohl nicht. Auch dann nicht, wenn ich mich und den Briefschreiber damit der Kontaktmöglichkeit beraube. Aber es geht ja doch um recht intime Gefühle, die da in der Flasche eingeschlossen wurden. Die würde ich nicht an die große Glocke hängen. Ich persönlich bin ein religiöser Mensch und kann einen anderen auch anonym im Gebet begleiten. Aber jemandem ein paar gute Gedanken widmen kann eigentlich jeder.

Und die Flasche? Wenn ich Gelegenheit hätte, würde ich sie wieder dem Meer übergeben. so, dass sie möglichst weit kommt. Dafür war sie ja gedacht.

Während ich diesen Beitrag schreibe, erreicht mich diese Meldung: Ein Norman MacDonald hat an der Küste der kanadischen Halbinsel Nova Scotia ist eine Flaschenpost gefunden. Darin die Asche eines Toten. Und 25 $. Dazu die Einladung, mit dem Geld einen trinken zu gehen auf den Verstorbenen Gary Robert Dupuis anzustoßen und ihn wieder auf die Reise zu schicken. Er habe die Welt sehen wollen, aber nie die Gelegenheit dazu gehabt. Absender: wahrscheinlich seine Tochter.

„My wish is that he gets his dream of seeing the world and finally finds some peace. We love you dad, have a great trip.”

„Was würdest du machen, wenn du so eine Flaschenpost finden würdest?“ fragt Flaschenpostjäger Clint Buffington.

Tja, nun kommt ihr!

__________________

Nachtrag: Ich habe das Thema hier in einem weiteren Artikel noch einemal aufgegriffen.

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Kategorien: Der Geist in der Flasche, Sammelsorium, Wie und warum? | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , | 10 Kommentare

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10 Gedanken zu „Strandjutter als Trauerbegleiter? Noch einmal zur Frage der Flaschenbriefe an Verstorbene.

  1. Ah, die letzte Frage ist doch besonders einfach zu beantworten: Da kam die Flaschenpost ja mit einer konkreten Handlungsanweisung. Die wuerde ich beachten. Vielleicht das Geld wieder mit reinlegen, fuer den naechsten, der sich vielleicht einen Kneipenabend mit Freunden nicht leisten kann.
    Im ersten Fall, wo jemand einen Brief an den Verstorbenen schreibt, keine Kontaktdaten mit reinlegt… Schon schwieriger. Ich denke, ich wuerde gar nicht versuchen, den Absender ausfindig zu machen, und die Post einfach wieder auf den Weg schicken. Oder vielleicht wuerde es davon abhaengen, fuer wie alt ich die Post halte. Da hat jemand an einen Verstorbenen geschrieben, und weil er nicht weiss, wo er den Brief hinschicken soll, ans Nichts geschrieben. Ich glaube nicht, dass jemand in so einer Situation daran denkt, dass jemand Fremdes den Brief lesen koennte. Jedenfalls wollte er offenbar nicht kontaktiert werden, sonst haette er ja Kontaktdaten angegeben. Wenn der Brief alt ist, koennte ich mir vorstellen, dass es schoen ist, daran erinnert zu werden, jemandem vom Verstorbenen zu erzaehlen. Wenn er „frisch“ wirkt, ist es eher ein Eingriff in ein persoenliches Trauerritual, denke ich. –
    Aber ich kann mir nur schwer vorstellen, dass ich tatsaechlich einmal in die Verlegenheit komme. Ich glaube, zum Flaschenpostfinden bin ich zu „blind“. Bleibt mir das Abschicken weniger persoenlicher Nachrichten. 🙂

  2. ein sehr komplexes thema von unterschiedlichen seiten beleuchtet – jede menge stoff zum nachdenken! ehrlich gesagt, habe ich mir vorher noch nie gedanken darum gemacht, wie ich handeln würde, wenn ich jemals in solch eine situation komme. ich habe ja noch nie eine flaschenpost gefunden.

    nun nach längerer überlegung würde ich im ersten fall des trauerbriefs des jungens die flasche wieder verschließen und sie weiter auf die reise schicken. ich hätte ebenso – wie hilke es schrieb – das gefühl, ein sehr persönliches trauerritual zu stören. und deshalb würde ich weder den absender recherchieren noch irgend etwas darüber erwähnen. ich würde noch nicht mal persönliche fotos machen. weil es im leben immer wieder momente gibt, die nur für einen selbst bestimmt sind und nicht festgehalten und/oder mitgeteilt werden wollen – egal in welcher art.

    den anderen fall mit der tequila flasche finde ich äußerst skurril. und ich würde die flasche ebenso weiterschicken, ohne die einladung anzunehmen oder den fund auf dem zettel zu vermerken. weil hier für mein gefühl etwas wesentliches fehlt: es war nicht der letzte wille/wunsch des verstorbenen. es ist der wunsch der angehörigen, um mit dieser ungewöhnlichen art die trauer zu bewältigen und ein andenken an den verstorbenen zu schaffen. mag sein, dass sie zu seinen lebzeiten darüber gesprochen haben, ob er auch solche eine „reise“ unternehmen würde, wenn es zu seinen lebzeiten nicht klappt. doch das ist spekulativ.

  3. Jane Blond

    Ich bin über Ina hier gelandet …
    Es ist keine leichte Frage, weil jeder anders empfindet. Ich habe einen Gruß ins Meer geworfen, als mein Mann starb. Alles aufgeschrieben, was ich noch sagen wollte. Ich habe bewusst eine Holzkiste gewählt und keine Flasche. Eben weil ich nicht wollte/will, dass dies Ritual gestört wird. Es sind meine Worte an ihn und gibt es ein „Danach“, in welcher Form auch immer, werden ihn die und nur ihn die Worte erreicht haben …
    Das mit der Asche in der Flasche ist ziemlich schräg wie auch gleichermaßen eine Einladung, der ich folgen wollen würde. Der Absender hat sich was dabei gedacht. Und sei es nur, dass irgendwer auf der Erde an seinen Verstorbenen denkt und weiß, dass es ihn gegeben hat. Ich würde diesen unbekannten Verstorbenen sicher nie vergessen und mich immer wieder fragen, was für ein Mensch er war.

    • Danke, liebe Jane, für deinen Beitrag aus deiner ganz persönlichen Erfahrung!
      Ich finde, du hast eine schöne und eindeutige Form gefunden, deine Worte an deinen Mann – und nur an ihn! – zu richten.

    • das finde ich eine schöne art des letzten grußes, das ist und bleibt persönlich. diese form würde ich auch wählen. danke für das teilen deiner persönlichen erfahrung, es berührt.

  4. Der Fall von Garys Asche in der Tequila-Flasche ist sicherlich bizarr, wenn man die deutschen Bestattungsgesetze (Bestattungspflicht!) und Friedhofsverordnungen im Hinterkopf hat.

    Vor einem kulturanthropologischen Hintergrund sieht die Sache schon anders aus. Da kennt man eine bunte Vielfalt von Totenritualen, oft mit einem sehr entspannten Umgang mit den sterblichen Überresten der Ahnen. Dass Hindus Totenasche in den Ganges streuen, dürfte einem biederen Mitteleuropäer noch plausibel erscheinen, Seebestattungen sind ja eigentlich auch nichts anderes.

    Die Toten zu räuchern und die Mumien auf Dächern und in Felsnischen über dem Dorf zu plazieren, wie es die Anga im Hochland Papua-Neuguineas machen, mag uns dagegen gruselig vorkommen. Wir sind es gewohnt, die Erinnerung an die Altvorderen ins Fotoalbum zu verbannen, bei den Anga bleiben die Toten präsent.

    Tote erst einmal auf die Reise zu schicken, ist eigentlich auch nichts Ungewöhnliches. Noch im Mittelalter hat man die Leichen von Königen erst einmal wochenlang im Lande herumgekarrt, bevor sie in der Gruft die letzte Ruhe fanden.

    Totengedenken war auch nichts Individuelles, sondern eine Sache der Gemeinschaft. Und keineswegs immer mit Trauermine, – bei mancher Leich wurde tüchtig gebechert!

    In so einen Kontext würde ich die Seereise von Garys Asche einordnen. Wenn sie mir vor die Füße spülte, würde ich die Einladung wohl annehmen. Nicht gerade mit Tequila, aber ein guter Port tut es ja auch. Ich wäre, wenn auch unfreiwillig, zum Teil der Trauergesellschaft (wobei „Trauer“ nicht so ganz passt) geworden. Ich persönlich könnte nicht ohne ein kleines Ritual zur Tagesordnung übergehen, aber das ist eine sehr individuelle Disposition meinerseits. Ein mir bekannter Trauerbegeiter meinte, aktiv etwas tun zu wollen, sei eine typisch männliche Weise, mit dem Tod umzugehen. Keine Ahnung, ob das stimmt.

    Ob und wie ich die Asche wieder dem Meer übergeben würde, wäre von der Situation abhängig. Haupsächlich davon, ob ich Gelegenheit hätte, die Flasche wieder auf große Fahrt zu schicken oder ob Wind und Strömung dafür zu ungünstig wären. Wenn sie doch nach wenigen Wellenschlägen immer wieder am Ufer läge, wäre es vielleicht angemessener, die Asche an einem schönen Ort in die See oder von einer Düne in den Wind zu streuen.

    Wirklich traurig wäre es nur, wenn der Leichenbrand pietätlosen Gestalten in die Hände fallen würde, die irgendwelche miesen Mätzchen damit machen. Allein deswegen halte ich die Idee mit der Aschenflasche auch nicht für nachahmenswert.

  5. Was ich euch bislang vorenthalten habe, ist, dass die Aktion mit der Weiterverbreitung von Jonothans Abschiedsbrief gründlich entgleist ist. (Ich wollte die Diskussion zunächst mal davon frei halten.)

    Eine Seifenmanufaktur hat in limitierter Auflage Seife in Meerwasserdesign mit einer Mini-Flaschenpost hergestellt, welche tatsächlich Jonothans Originaltext enthält. Einschließlich der Namen der Jungs.

    Geschmacklos, wenn ihr mich fragt. Persönliche Worte eines trauenden Kindes sind kein Glückskeks. Mit Gefühlen spielt man nicht. Weder in der Badewanne noch sonstwo.

  6. Pingback: Aschenflaschen. Was damit tun? | flaschenposten

  7. oh wie geschmacklos: aus einem persönlichen fund profit schlagen zu wollen, macht mich an dieser stelle doch recht sprachlos. ich glaube, wenn ich so eine flaschenpost fände, ich streute die asche ins meer, damit sie auf eine weitere reise gehen kann, aber solchen profitgeiern nicht in die hände fallen kann

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