Flaschenpostgeschichten. Ein Abend mit „Käpt’n Kork“.


Das Buch ist ist nun da! Seit Ostern ist es auf dem Markt. Heute hat es der Autor mit einer Lesung in Kiel-Friedrichsort vorgestellt. Ich meine dieses:

Oliver Lück, Flaschenpostgeschichten: Von Menschen, ihren Briefen und der Ostsee. (Hamburg 2016: Rowohlt). TB 240 S.

Vor einiger Zeit hatte ich in diesem Blogartikel geschrieben, wie der reiselustige Journalist mit dem Spitzbart mich in sein Buchprojekt involvierte. Deswegen würde es für mich nicht so richtig passen, eine Rezension zu schreiben. Aber ein bischen über den heutigen Abend plaudern, das will ich mir nicht nehmen lassen.

Die Buchhandlung Almut Schmidt ist einer jener Läden, die sich mit Engagement, Mut und dem Charme des Individuellen gegen die mehrstöckigen Buchkaufhäuser der Innenstädte stemmen. Hoffentlich mit Erfolg! Hier, ganz nah an der Ostsee, sollte Oliver Lücks Lesereise beginnen.

Flaschenpostautomat

Robustes Blech. Muss auch was aushalten: der Flaschenpostautomat.

Ich war recht früh eingetrudelt und konnte mich noch ein wenig umschauen. Als erstes fiel mir Olivers meerblauer Flaschenpostautomat ins Auge. Keine Cola, keine Fanta, keine Sprite, – hier gab es stilvoll-nostalgische Glasflaschen. Einsatzbereit mit Papier, Bleistift und Korken und einem klangvollen Blechschepperrumms zu haben, wenn man zwei mal 1 € in den Schlitz wirft und die Ausgabelade zieht. Nur schreiben muss man noch selbst.

So wie andere aus Liebe zu altem Blech einen Ford Kapitän fahren, so ist Lück mit diesem Automatenoldtimer auf Tour. Eine Geschichte in Kapitel Zwei des Buches, er wird es nachher vorlesen.

Lück begrüßte mich herzlich, war dann aber noch damit beschäftigt, den Beamer aufzubauen und für ein bischen maritimes Ambiente zu sorgen. Unter der Dekoration entdeckte ich ein paar „alte Bekannte“: z. B. die mit Seepocken überwucherte Flasche vom Coverfoto (die allerdings keine Botschaft enthielt). Eine weitere, ebenfalls üppig mit Seepocken bewachsene Flasche transportierte einen wirklich berührenden Brief eines Mannes an seine wohl schon verstorbene Mutter. Lück erzählt davon in seinem Buch.

Es standen auch Briefbuddeln da, die das Ergebnis einer gemeinsamen gemütlichen Bastelstunde bei mir zu Hause waren. Die haben ihre Reise noch vor sich. Ich stellte noch eine kleine Buddel dazu, die ich von einem Strandausflug übrig hatte. Ich war nämlich an diesem Nachmittag mit NDR-Redakteur Carsten Prehn, Kamerafrau Brit Hansen und Tontechniker Björn Kurtenbach für ein paar Fernsehaufnahmen am Bülker Leuchtturm gewesen, wo ich einmal wieder den Flaschenpostredakteur gegeben hatte. 😉 Das Team hatte sich viel Zeit gelassen und Mühe gegeben, den splash-in effektvoll ins Bild zu bekommen. Nach dem, was ich davon sehen konnte, ist das richtig gut geworden!*

Nur war der Wind mal wieder so ungünstig, dass ich meine zweite, pittoresk versiegelte Flaschenpost nicht für den Dreh opfern wollte. Die darf also mit den übrigen auf Lese(e)reise gehen.

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Stilleben mit Treibgut.

Lücks Hündin Locke begrüßte die nach und nach ankommenden Gäste. Hauke Harder, der Gastgeber des heutigen Abends, schaute bald schon skeptisch auf den rasch kleiner werdenden Stapel der Flaschenpostgeschichten auf dem Verkaufstresen. Genug geordert? Reichts für alle? Auch die Stühle wurden knapp.

Mit ausführlichen Sicherheitshinweisen per Bordlautsprecher, aufgenommen auf der Fähre von Kiel nach Klaipeda, ging die literarische Expedition über die Ostsee los. Da kann ja nichts mehr schief gehen.

Lück erzählte, wie alles im Garten einer alten Frau an der Küste Lettlands begann. Die Geschichte hatte ich hier schon einmal geschildert:

Vor einiger Zeit war er gemeinsam mit Locke, seiner Hovawart-Hündin, mit dem VW-Bus kreuz und quer durch Europa getourt. Zwanzig Monate waren sie unterwegs. […]  Dabei herausgekommen war ein Buch, in dem er für jedes der bereisten Länder einen igendwie außergewöhnlichen Menschen vorstellte: Neues vom Nachbarn: 26 Länder, 26 Menschen. (2012: Rowohlt) Die Reiseroute führte die beiden auch nach Lettland. Kurz hinter der Grenze bogen sie Richtung Strand ab, eigentlich um einen Platz zum Übernachten zu suchen. Dabei kamen Lück und Locke an einem Gartengrundstück mit absolut schrillen „Dekorationen“ vorbei. Überall war dort Treibgut drapiert: Netzbojen und Fender hingen an den Bäumen, Flaschenverschlüsse waren an Pfosten genagelt, Rettungsringe, Spielzeug, Kanister und ein ganzer Taucheranzug bildeten skurrile Arrangements, Zahnbürsten(!) waren zu bunten Sternen an der Wand des kleinen Holzhauses montiert. Grund genug, ein paar Tage dort zu bleiben und die Urheberin dieser Installationen kennenzulernen!

Die Rentnerin Biruta Kerve geht jeden Tag zum Strand hinunter und sammelt alles, was dort am Spülsaum liegt und eigentlich nicht dort hingehört. Daraus wird dann „Kunst“. Auch Flaschenposten hat sie schon gefunden. Die Briefe hat sie sorgfältig abgeheftet, aber nie beantwortet. Dazu fehlen Biruta die Sprachkenntnisse. Das hat dann Oliver Lück übernommen und so Kontakte geknüpft, die durch die Treibrichtung der Buddeln quer über die Ostsee vorgegeben waren.

Einer dieser Zettel stammte von Thomas aus Rügen, der in steter Regelmäßigkeit Flaschenposten verschickt. Auf eine andere Sendung hatte Thomas eine Antwort von einem Strandvogt von Bornholm bekommen, der seinerseits jede Menge Buddelbotschaften vom Spülsaum gesammelt hatte: ein weiterer Knotenpunkt der vielen Routen,  die die Zufallsnachrichten genommen hatten. So kam Eines zum Anderen. Lück reiste den Flaschenposten nach. Aus Portraits von Sendern und Sammlern wurde das neue Buch. Hinzu kamen Interviews und kleine Reportagen über Strömungsforscher, Meereskundler, Flaschenpostexperten. Ein Buch von Menschen, ihren Briefen und der Ostsee, wie der Untertitel sagt.

Oliver Lück

Die Jagd nach Flaschenpostgeschichten brachte ihm den Spitznamen „Käpt’n Kork“ ein: Oliver Lück.

Mit der Schilderung von Berutas skurriler und origineller Gartenkunst und ihrer Schöpferin begann dann auch die Lesung. Mit seinen kurzen, prägnanten Sätzen, oft voll hintergründigem Humor, brachte uns Lück Orten und Menschen nahe. Lichtbilder der Protagonisten und Landschaften sowie hin und wieder Tonaufnahmen machten die Eindrücke noch lebendiger.

Weiter ging die Reise nach Ungskär im Schärengarten vor Karlskrona. Zu Arne, dem Fischer mit Rauschebart und roter Mütze. Er gehört zu dem letzten halben Dutzend Einwohnern der kleinen Insel, die immer dort sind. Ein Mann, der die weite Welt jenseits des Horizontes wenig kennt und nicht vermisst. Die Insel genügt. „Langweilig wird mir hier nicht. Langeweile ist ein Luxusproblem.“ Luxus gibt es dort auch sonst nicht.

Manchmal treibt etwas aus der großen weiten Welt an. Flaschenpost. Z. B. die eines Mädchens, das an den Weihnachtsmann geschrieben und sich eine Barbie gewünscht hatte. Arne besorgte dem Kind die Puppe. Der wettergegerbte Hüne von Unskär hat nicht nur große Gummistiefel, sondern wohl auch ein großes Herz.

Eine andere Flaschenpost von Thomas landete bei Mogens Christensen auf Bornholm. Auch der sammelt Treibgut. Und zwar dienstlich, das ist sein Job. Mogens ist offizieller Strandvogt. Herrenlose Sachen von Wert hat er zu bergen, wenn möglich den Eigentümer ausfindig zu machen oder das Gut im staatlichen Auftrag zu verkaufen. So sammelt sich in seinem Haus nicht nur jede Menge maritimer Gegenstände, sonder auch jede Menge Geschichten.  Geschichten aus der Ostsee und über die Ostsee. Manche tragisch. – Wer denkt, Lücks Faschenpostgeschichten seien nichts als beschauliche Strandkorblektüre, der soll sich nicht täuschen. Vor allem sollte er das Buch lesen.

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Lücks treue Reisebegleiterin Locke. Sie kannte alle Geschichten schon, hörte aber geduldig zu und widersprach nie.

Mit der letzten Station der heutigen Auswahl führte uns Lück nach Kiel: direkt gegenüber auf die andere Seite der Förde. Dort hat Konrad Fischer den Liegeplatz für seinen Kutter Marie. Jener Fischer, der eine 101 Jahre alte Bierflasche mit einer Postkarte darin aus der Kieler Bucht fischte. Nur anzutreffen war das Original Konny für den Journalisten nicht. Dafür war er in einem Musikvideo präsent, das zwei Jahre vor dem Fund erschien und eigentlich nichts mit der Flaschenpost zu tun hat. Wäre da nicht eine Liedzeile. Manche Flaschenpostgeschichten sind echt skurril…

Zum Schluss des schönen und kurzweiligen Abends ließen es sich viele Besucher nicht nehmen, eine Buddel aus dem Automaten zu ziehen. Und natürlich signierte der Autor gern sein Buch. Manchmal mit „Käpt’n Kork“, – den Spitznamen hatte er sich irgendwann bei seinen Buddelbriefrecherchen eingefangen.

Bernstein

Ein kleiner Schatz: Verzaubern und sich Verzaubern-Lassen – die heimliche Botschaft des Strandgutes.

Zwischen dem Treibgut auf dem Tisch lag auch eine kleine Tüte mit Bernstein. Wer das Buch noch nicht kannte, – es ist ja gerade auf den Markt gekommen -, konnte nicht ahnen, dass es ich um mehr als nur Deko vom Ostseestrand handelt. Oliver Lück hat auf einer seiner letzten Reisen ein Vermächtnis übernommen. – Man muss das Buch zu Ende lesen. Ganz bis zum Ende! Es ist herb, ich musste doch etwas schlucken.

*

Fazit? Klar, ich bin wegen eigener Fingerabdrücke in den Flaschenpostgeschichten nicht objektiv. Trotzdem meine herzliche Leseempfehlung. Ich finde, es gelingt Lück, in unprätentiöser Weise Interessantes, Kurioses, Tragisches und Beiläufiges zu einem farbigen Bild über die Ostsee zusammenzufügen und damit die Fazination des Meeres einzufangen. Vor allem aber besticht das Buch durch das ehrliche Interesse an den Menschen, die der Autor mit großer wohlwollender Aufmerksamkeit porträtiert. Ein zu tiefst menschliches Buch, das nachwirkt.

Übrigens: Mit einem Preis von 9,99 € ist das mit vielen ausdrucksstarken Fotos und stilvoll gestalteten Karten ausgestattete Taschenbuch überraschend wohlfeil zu haben.

*

*Den Film gibt es hier:

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Kategorien: Persönliche Geschichten, Sammelsorium, Sender und Sammler | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , | 4 Kommentare

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4 Gedanken zu „Flaschenpostgeschichten. Ein Abend mit „Käpt’n Kork“.

  1. Hat dies auf leseschatz rebloggt.

  2. Pingback: Lück, Locke und die Philosophie der Flaschenpost. | flaschenposten

  3. wunderbar beschrieben, ich wäre so gerne dabei gewesen! aber jetzt darf ich ein bisschen von der stimmung mitnehmen. echt klasse, danke!
    liebe grüße!

  4. Pingback: Erste Reisegefährten für den Main. | flaschenposten

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