Botschaften in das Jenseits und Briefe an die Nereïden. Die religiöse Facette der Flaschenpost.


Am Strand von Cape Cod findet Theresa Osborn eine Flaschenpost. Der Inhalt ist nicht etwa die Bitte eines Kindes um eine Nachricht des Finders, wie die Journalistin mit Rückblick auf ihre Kindheit vermutet hatte, sondern ein ergreifender Liebesbrief. Gerichtet ist er an eine Verstorbene: Catherine. Absender: G. Keine weiteren Angaben, die eine Antwort an den Flaschenpostschreiber möglich machen.

So die Ausgangssituation, aus der Nicholas Sparks seinen Roman „Message in a Bottle“ (deutsch: Weit wie das Meer) entwickelt. Bekannt wurde die Erzählung 1999 durch die Verfilmung mit Kevin Costner und Robin Wright in den Hauptrollen.

Flaschenbriefe an Menschen, die nicht mehr unter uns sind, sind gar nicht mal selten. So wie hier.  Oft offenbaren sie eine feine und ausdrucksvolle Art der Trauer. Wer einen Menschen loslassen muss, braucht eine Form, um den Gefühlen Ausdruck zu geben. Worte helfen dabei. Worte, die man nicht nur denkt, sondern die man aufschreibt, die damit sichtbar werden. Worte, die man dann loslässt. Die man forttreiben sieht, denen man nachschaut, bis sie irgendwann den Blicken entschwinden, irgendwohin. Wohin, weiß man nicht.

Nicola White, eine Treibgutsammlerin und Künstlerin aus London, fand sogar einmal eine Flasche mit Totenasche darin. Sie schrieb dazu im Telegraph:

But once, I found a bottle with a letter and a tiny bag containing someone’s ashes. It was from a woman whose sister had died suddenly in 2012 just before she was about to take a round-the-world trip. So she sent her ashes out in bottles instead.

Sicher eine Herausforderung für die Finderin, angemessen und taktvoll damit umzugehen, noch mehr als sonst bei so persönlichen Dingen.

I scattered those ashes by the Thames. Then I emailed the woman who had written the note seven or eight months beforehand. She replied, “Ah, it seems like my sister didn’t want to leave London really.”

Wahrscheinlich  denken die meisten Absender nicht weiter darüber nach, dass ihre Botschaft nicht nur ideell in der Ewigkeit, sondern ganz nüchtern an einem diesseitigen Ufer von diesseitigen Menschen gelesen werden. Und es ist auch gut, nicht zu viel um Details herumzugrübeln. Aber manchmal ist, anders als in Sparks Roman, eine Antwortadresse darin, dann erhofft sich der Absender irgeneine Form von Resonanz. Und ich hoffe, dass solche Flaschenposten nur in die Hände von entsprechend feinfühligen Findern gelangen.

Klare Wünsche verband die Familie von Melvin Clary mit ihrer tauwerkumflochtenen Kugelflasche, mit der sie letzte Fotos des Verstorbenen auf eine Weltreise schickten. Die Finder wurden gebeten, den jeweiligen Landfall des eindrucksvollen Glaskolbens auf Facebook zu vermelden und die Flaschenpost dann wohlverschlossen wieder dem Meer zu übergeben. Eine ungeheuer lebensbejahende Art, mit dem Tod des Mannes von der Küste umzugehen, finde ich.

Manchmal ist es nicht ein Mensch, der mit einer Flaschenpost verabschiedet wird, sondern eine Partnerschaft. Joachim Römer fand einmal ein Paar Titan-Eheringe mit einem Begleitbrief am Rheinufer. Da hatte sich ein Paar zeichenhaft auch von den Symbolen des gemeinsamen Lebens getrennt. Ein geradezu ritueller Akt.

Aber viel häufiger offenbaren sich positive Lebensereignisse in Strombotschaften. Verlobungen werden bekanntgegeben und Hochzeitsgäste stecken Zettel mit  guten Wünschen in die Buddel. Auch bei Konfirmationen werden solche Bräuche immer häufiger. Der Jahreswechsel scheint ein beliebter Anlass zu sein, sich etwas für sich selbst oder die Welt via Flaschenpost zu wünschen. Oder einfach so, ohne dass irgendein Anlass im Kalender vermerkt ist. „Liebes Universum“, so wird der Adressat des Briefes gelegentlich angesprochen.

Botschaften, die nicht an einen Leser aus Fleisch und Blut gerichtet sind. Wünsche, die einer immer noch erfurchtgebietenden Naturgewalt, dem Wasser, anvertraut werden. Nerëus lässt grüßen, – der Meeresgott der alten Griechen galt gleichzeitig als gütig und geheimnisvoll. Irgend so ein Gefühl davon scheint da mitzuschwingen, auch wenn es nicht bewusst gedacht und ausgesprochen wird.

Für mich zeigt sich darin eine Form unterschwelliger Religösität, weit abseits kirchlicher Traditionen. Aber doch eine Form von Religösität, dem Empfinden, dass es da jenseits des Sichtbaren doch noch etwas gibt, muss es wohl sein.

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Eine Fortsetzung des Themas gibt es hier.

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Kategorien: Der Geist in der Flasche, Sammelsorium, Wie und warum? | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , | 4 Kommentare

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4 Gedanken zu „Botschaften in das Jenseits und Briefe an die Nereïden. Die religiöse Facette der Flaschenpost.

  1. Wie so oft ein schöner und gelungener Aufschrieb mit Überblickscharakter. Eine schöne Idee, etwas über einen Menschen der gestorben ist, aufzuschreiben und gehen zu lassen. – So richtig verstehen kann ich allerdings nicht, warum man sowas in eine verkorkte Flasche steckt. Vielleicht eher in einer Schale losschwimmen lassen?
    Ich habe ja noch nie eine Flaschenpost gefunden. Ich vermute, dafür bin ich nicht aufmerksam genug – und komme wahrscheinlich nicht so an die richtigen Stellen. Je mehr ich auf deinem Blog lese, desto mehr bekomme ich Sehnsucht auch mal nach einem Fund 🙂

  2. sehr schöne gedanken hast du da zusammengetragen, sie werden noch eine weile nachklingen. vielleicht ist es nicht immer religiösität, manchmal auch eine spirituelle sichtweise? dass alles miteinander verbunden ist und dass alles gemeinsam im fluss ist? vielleicht ist es genau deswegen der impuls, eine flasche auszusetzen. ich glaube, bei mir ist das unterschwellig zumindest gegeben.

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