Fernsehen, Flaschenpost und Phantasie von Jungs: Noch einmal die seltsamen Unglücksbotschaften der Lusitania.


Vielleicht ein Interview…?

Wieder begann es mit einer E-Mail. Maja Weber schrieb mir, sie recherchiere für das ZDF über Flaschenposten, insbesondere über die aus dem Schwielowsee. Und dazu würde sie mich gerne sprechen, evtl. auch interviewen. Die Schwielowsee-Flaschenpost gehörte zu jenen ominösen Botschaften, die mit der Versenkung der RMS Lusitania im Ersten Weltkrieg in Verbindung stehen. Darüber hatte ich einmal etwas in diesem Blogpost geschrieben. Aber mehr wusste ich dazu auch nicht. Ich hatte auch keine weiteren Quellen als die dort verknüpften Internetartikel. Das war es auch, was ich der Journalistin dann am Telefon mitzuteilen hatte: Nein, ich bin kein Seefahrts- oder Weltkriegshistoriker, ich wüsste dazu gar nicht viel zusagen.

RMS Lusitania

Beim Untergang dieses Schiffes sollen vier Flaschenposten geschrieben worden sein. (Bild gemeinfrei.)

Aber Weber ließ nicht locker. Ich sei ja schließlich derjenige, der die angeblichen Flaschenposttexte der Lusitania zusammengestellt und sich darüber Gedanken gemacht hätte. Es sollte ein Beitrag für die Terra Xpress – Reihe werden. Sie sei mit der Finderin der Schwielowsee-Flaschenpost in Kontakt,  wollte wegen der altertümlichen Beugelboddel Glasexperten konsultieren, Historiker und Tintenfachleute sollten zu Wort kommen, – es klang nach einem aufwendigem Ding. Ich habe keinen Fernseher, wusste aber, dass bei Terra Xpress die Story der Flaschenpost aus der Kieler Bucht ganz gut nacherzählt war. Als die Redakteurin ein Treffen mit der Finderin Grunenberg-Eggert und einen Drehort an der Nordseeküste – auf Langeness sollte eine andere Lusitania-Flaschenpost gefunden worden sein – ins Spiel brachte, hatte sie mich! Das klang nach einem interessanten Ausflug, und den Zettel aus dieser ollen Pfandflasche wollte ich zu gern mal selbst unter die Lupe nehmen!

Maritimes Museum Hamburg: große Kulisse garantiert.

Bei näherem Hinsehen erwies sich Langeness als nicht praktikabel. Der Damm dorthin war nur mit einer Lorenbahn befahrbar und die Fahrzeiten der Fähre würden aus dem Dreh einer einzigen Szene ein Tagesprogramm machen. Deshalb schlug ich das Internationale Maritime Museum in Hamburg vor. Wesentlich besser erreichbar und mit vielen eindrucksvollen Schiffsmodellen bot es das ideale Ambiente für ein Thema, in dem Abenteuer und Seefahrtsromantik eine so große Rolle spielen.

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*

Auf Deck 6.

8. September, 11.00 Uhr. „Ist das ZDF- Team schon da?“, frage ich an der Kasse. Ein Aufseher zückt das Walky-Talky. „Die sind auf Deck sechs“, kommt die Meldung. „Deck“, so heißen hier im historischen Kaispeicher B die Stockwerke.

Birgitta Gronenberg-Eggert und Maja Weber

Dort begrüßt mich Frau Weber, die junge, smarte, dynamische Redakteurin. Mit ihr im Team ein Kameramann und ein Tontechniker. Und natürlich Birgitta Grunenberg-Eggert, Freizeitskipperin, die ruhige, geduldige, sympathische Hauptperson des heutigen Unternehmens mit ihrem Kompagnon und Segelkameraden Johannes Schmidt. Die Ausstellungsabteilung über Seenotrettung bildet die Kulisse für den Dreh. Ein großes Modell der Titanic erinnert dort an eine ähnlich fürchterliche Tragödie der Seefahrtsgeschichte. Aber es soll natürlich nicht so aussehen, als wollten wir die Titanic als Lusitania verkaufen, die Kenner unter den Zuschauern würden das sofort reklamieren.

Diese Lusitania (vorn) wurde bald wieder im Depot versenkt. Hinten die Titanic.

Diese Lusitania (vorn) wurde bald wieder im Depot versenkt. Hinten die Titanic.

Gerrit Menzel, Kustode des Museums, holt uns deswegen ein Lustianiamodell aus dem Depot. Eigentlich nicht vorzeigbar, wie er meint: Der Dampfer ist ein nicht gerade akkurat zusammengeklebter Plastikbausatz, der wohl mal als Dekoration in einer Hafenkneipe gedient hatte. Handwerklich weit unter „see level“, gemessen am exquisiten Niveau der anderen Exponate. Aber der Kameramann verspricht, keine Nahaufnahmen des Stückes zu machen, und so darf das Schiff dann doch ins Bild.

Das Stück soll ein Dialog zwischen der Finderin der Schwielowsee-Flaschenpost, also Frau Grunenberg-Eggert, und mir, dem Blogger, werden. Möglichst natürlich. Nachdem ich mir noch mal die Brille geputzt habe, studiere ich irgendwelche Papiere, die da in den Vitrinen liegen, aber mit dem Thema nicht das Geringste zu tun haben, tippe mit ernsthafter Mine ein paar Blödeleien in Frau Webers Laptop, was hoffentlich nach bloggen aussieht, und begrüße meine Gesprächspartnerin, die da auf mich zu kommt, mit herzlichem Politiker-Handschlag. Klappt auch beim zweiten Anlauf, denn die Dame hat Erfahrung als Komparsin und ich freue mich ja wirklich, sie kennenzulernen.

Aber dann wirds schwierig. Denn ganz so natürlich wie vorgesehen darf sich der Dialog dann doch nicht entwickeln. Das normale wäre ja gewesen, dass ich die Finderin nun bitte, mir ihr edles Altglas nebst Altpapier zu zeigen und wir darüber zu fachsimpeln beginnen, – wozu sonst will ich sie schließlich treffen?! Aber die Arbeit an den Realien werden die Historikerin des Potsdam Museums und andere Fachleute vornehmen. Unser Thema sollen die Flaschenpost-Botschaften sein, die ich im Internet gefunden habe.

„Es gibt mehrere Flaschenpost-Texte von der Lusitania,“ erzähle ich also. Nein, das ist nicht richtig, denn wirklich von Lusitaniapassagieren stammen sie aller Wahrscheinlichkeit nach ja nicht. „Flaschenposttexte mit Lusitaniabezug“ soll ich besser sagen. – Himmel, so formuliert ein Examenskandidat, der sich im Rigurosum nicht bei Ungenauigkeiten erwischen lassen will, aber so redet kein Mensch! Also noch mal, immer ganz „natürlich“! 😀

Dass ihrer nicht der einzige Abschiedsbrief ist, soll die Seglerin erstaunen, obwohl sie doch längst selbst recherchiert hat. Und ich weiß natürlich auch über ihren Fund Bescheid, schließlich hatte ich darüber gebloggt. Na ja, das Fernsehen und die Realität…

Weiteres Problem: Ich bin ein ganzheitlich denkender Mensch und habe obendrein eine wissenschaftliche Ausbildung. Obwohl ich nicht gerne rede, – erst recht nicht vor laufender Kamera -, versuche ich Dinge umfassend darzustellen und Zusammenhänge herzustellen. Für das Filmkonzept braucht die Redakteurin aber kurze Satzschnipsel, möglichst nicht länger als zehn Sekunden, die sie dann als einzelne Versatzstücke im Film einbauen kann. Das geht vielleicht mit Sachaussagen wie „Flaschen mit Bügelverschluss waren zwischen 1910 und 1920 modern, dann kamen die Kronkorken auf,“ oder „vor 1950 benutze man oft Kopierstifte.“

Aber ein wenig greifbares Thema auf den Punkt zu bringen, wie, was den besonderen Reiz einer Flaschenpost ausmacht? Das ist eine vage, mit Gefühlen, Ungewissheiten, Neugier und vielem mehr behaftete Sache. Obwohl sich anthropologisch einiges erklären lässt (Umgang mit Raum, Zeit, Mitmenschen und Natur), wirkt es für mich immer noch wie Zauberei. Da haben irgendwelche Steppkes ein paar Worte auf ein Zettelchen gekritzelt, sich dabei eine Tragödie in einem fremden Meer zu eigen gemacht, das Papier in eine Flasche gesteckt und in die Havel geworfen. Und aus diesen wenigen Zutaten wird eine Geschichte, die nach vielen Jahrzehnten berührt. Sogar das Fernsehen kommt deswegen. Und ich soll nun all dieses Feine und Subtile in einen Satz packen? Und es soll dann noch nach einer normalen Gesprächssituation klingen? Das Ganze wird zunehmend künstlich.

Hübsche Fläschchen zur Pause.

Nach zweieinhalb Stunden haben wir alle eine Pause verdient. Vor der Tür des Museumsbistros schieben wir zwei Tische zusammen und lassen uns in der Spätsommersonne nieder. Ich bewundere die kleinen Mineralwasserflaschen: hellblaues, interessant profiliertes Pressglas. Das hat Stil! Leider haben sie einen Nachteil: Sie sind zu schwer, um schwimmen zu können. 😉

Reiner Sprudel soll nicht gut für die Stimme sein, die ist jetzt sowieso schon angeschlagen. Also bestelle ich lieber Apfelschorle, vielleicht muss ich im nächsten Part ja noch reden.

Und die Pasta mit Lachs muss ich unbedingt zu Hause nachkochen!

Tja, eigentlich hätte ich es nun ja fair gefunden, wenn das ZDF nun die Rechnung für uns Filmprotagonisten übernommen hätte, denn wir investierten einen ganzen Tag – Frau Grunenberg-Eggert sogar mehrere! – in dieses Unternehmen, ohne Honorar. Na ja, alles eine Frage der Form.

Das graue Ufer.

Nun ist eine Uferszene vorgesehen. Eine Situation, in der eine Flaschenpost gefunden werden könnte. Stimmungsbilder, irgendwo an der Elbe. Vor einigen Wochen durfte ich auf dem Küstenforschungsschiff Ludwig Prandl ein Stück den Fluss hinunter mitfahren, aber auch so wusste ich, dass es da schöne Partien gibt. Die Haseldorfer Marsch hatte ich ins Spiel gebracht, aber schon bei Rissen gibt es richtigen Strand. Also gar nicht weit.

Verpasst: das Elbufer, natürlich, wie ich es liebe.

Verpasst: das Elbufer, wie ich es liebe.

Aber der Kameramann schaut auf die Uhr. Bis um vier soll alles im Kasten sein, also nicht zu weit fahren!

Es geht ein Stück die Elbchausse entlang. Und dann gucke ich doch etwas sparsam. Das Team hat der einfachen Anfahrt halber eine Ecke unterhalb des Mühlenberges bei Blankenese ausgesucht. Ein Uferabschnitt, dem nun wirklich jede Spur von Schönheit abgeht. Die gesamte Böschung ist bis zum Wasser mit grauen Lavablöcken befestigt.

Ich bin gebürtiger Hamburger und liebe meinen Strom. Aber von Kindheit an habe ich diese Uferbefestigungen gehasst. Innerhalb der Stadt säumen sie fast den gesamten Flusslauf. Klar, sie tun das, was sie sollen, und das ausgesprochen effektiv. Sie verhindern Erosion durch Wellenschlag und halten so die Elbe in ihrem Bett. Sie sichern also die Existenz der Stadt.

Aber was mir als kleiner Junge in der großen Stadt fehlte, war Natur. Sandbänke. Weiden, die ihre Zweige über den Wasserspiegel neigen. Reiher, die still am Rande des Schilfgürtels stehen. Klar, das gibt es alles. Man muss die Winkel nur kennen. Oder einen Blick auf Google-Earth werfen. Nur zwei Autominuten weiter hätten wir richtigen Sandstrand gehabt.

Nun sollen wir, Frau Grunenberg-Eggert und ich, für ein paar romantische Augenblicke auf diesem pottenhässlichen Geröll stehn. Nein, da geht sie nicht runter, die Blöcke sind kippelig, Bergstiefel haben wir schließlich auch nicht an. Wir weichen in den kleinen Jollenhafen aus, wo das ablaufende Wasser einen sandigen Bereich freigegeben hat. Im Hintergund ein paar Sportboote, die gelangweilt darauf warten, aufgeslippt und für den Winter eingemottet zu werden. Verklärte Blicke in die Ferne. – Ach nein, statt eines weiten Horizontes ist da die Montagehalle der Airbus-Werke für den A-380.

Blick zu fernen Horizonten.

Blick zu fernen Horizonten.

Und wieder erkläre ich, warum das so archaische Kommunikationsmittel, die geheimnisvolle Flaschenpost, so faszinierend ist. Diesen Vers hatte ich heute schon viele Male auf Band gesprochen. Inzwischen wohl in allen Graden des Genervtseins.

Die große Flasche und ihr kleiner Zettel!

„Close!“ – „nah ran!“, das ist heute ein häufig gehörter Regiebegriff. Die große Bühne mit der Szenerie eines wilden Gestades kann dem Publikum hier nun mal nicht geboten werden. Keine Totale. Nah ran, ausschnitthafte Einstellungen werden diese Filmsequenzen dominieren. So ist der Kameramann noch eine Weile mit Aufnahmen von im Gegenlicht glitzernden Wasser beschäftig. Immerhin tuckert ein kleines Fischerboot mit überdimensionierter Flagge vorbei, das gibt doch ein Bild!

Zweifellos alt!

Zweifellos alt!

Wie auch immer, endlich ist Zeit, den Fund aus dem Schwielowsee anzusehen. Frau Grunenberg-Eggert schnürt den Schuhkarton auf, in dem sie die Buddel sicher verpackt hat.

Da ist sie nun, jetzt bloß nicht fallenlassen! Eine etwas klobige, dickwandige Flasche aus dunklem, oliv-grünlichem, etwas unebenem Glas. Unterhalb der Schulter steht in erhabenen Buchstaben PFANDFLASCHE. Darunter ein S: eine Fabrikmarke? Eine Typbezeichnung für dieses Flaschenfabrikat, vielleicht für die Größe?

Als die Skipperin und ihr Segelkamerad Johannes Schmidt die kopfüber im Wasser treibende Buddel aus dem Fercher Hafen fischten, war sofort klar: das Stück ist alt! Aber erst auf zweitem Blick war zu erkennen, dass der Glaskolben es in sich hatte. In der Beugelboddel war ein Stück Papier eingeschlossen!

Zu dem, was nun folgte, kann ich nur sagen: Klasse! Alles richtig gemacht!

Dauerhaft dicht: Keramikstopfen mit Gummidichtung.

Hielt dicht: Keramikstopfen mit Gummidichtung.

Die Reste des völlig verrosteten Drahtbügels boten beim Öffnen keinen Widerstand und bröselten ab. Der Porzellanstopfen saß trotzdem hartnäckig fest. Nachdem die Sommersonne die Luft im Inneren erwärmt und für den nötigen Innendruck gesorgt hatte, musste er dann aber doch weichen. Erstaunlich, dass die Gummidichtung nach so vielen Jahren noch dicht gehalten hatte!

Der Erste Versuch, den Zettel mit einer Zange aus der Werkzeugkiste des Hafenmeisters aus dem Behältnis zu ziehen, scheiterte. Das Papier war durch Restfeuchte in der Flasche aufgeweicht und riss. Nun hieß es ein paar Tage warten, bis der Brief trocken und stabil genug für seine Befreiung war.

Aber das Papier ist immer noch brüchig, und so verwahrt Frau Grunenberg-Eggert das Stück sicherheitshalber in einer Kunststoffhülle. Das Blatt ist mit 6,3 x 8,6 cm etwa so groß wie eine Spielkarte*. Die rechte untere Ecke ist vom Herausholen zerfleddert. Die linke untere Ecke ist abgerundet, der obere Rand ungleichmäßig abgerissen. Also ein Zettel von einem Notizblock. Das Papier: holzschliffhaltig, von einfachster Qualität. Es ist zwar vergilbt, aber trotz der Feuchtigkeit, die in der Flasche war, nicht stockfleckig. Vielleicht hatte der Kohlensäuregehalt eines Getränkerestes (Bier oder Mineralwasser?) eine konservierende Wirkung.

Wer ist der wirkliche Verfasser dieser Flaschenpost?

Ein Zettel, der Rätsel aufgibt. (Zum Vergrößern auf das Bild klicken.)

Geschrieben wurde, so weit ich erkennen kann, mit einem Kopierstift. Der bei diesen Stiften der Graphitmine zugesetzte Farbstoff (hier wahrscheinlich Methylviolett) macht die Schrift unradierbar, geht aber bei Feuchtigkeit in die Umgebung über. Daher wirkt die Schrift etwas verlaufen. Kopierstifte (Dokumentenstifte) waren bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts, also vor dem Zeitalter der Kugelschreiber, recht gebräuchlich. Das Schreiben mit Feder und Tinte war ja eine ziemliche Kleckserei. Besonders unterwegs waren Kopierstifte deshalb eine gute Alternative.  Füllfederhalter gab es zwar schon, aber die waren damals noch Luxus. Heute sind Kopierstifte wegen des allgegenwärtigen Kulis aus der Mode gekommen. Ich benutze sie aber gerade für Flaschenposten recht gerne. Sie sind lichtecht, feuchtigkeitsbeständig (bis auf ein wenig Verlaufen) und – falls tatsächlich mal eine meiner Flaschenposten den 111-Jahre-Rekord toppen und zu Ruhm gelangen sollte 😉 – dokumentenecht.

Es hat ein wenig gedauert, bis die Finder das Gekritzel vollständig entziffern konnten. „Lusitania“, – was war damit gemeint? Schmidts Schwager kam auf die Lösung. Er hatte kürzlich einen Dokumentarfilm gesehen, der den Untergang des Transatlantik-Liners im Ersten Weltkrieg nachzeichnete. Fast 1200 Menschen – meistenteils Zivilisten! – waren nach dem Torpedoangriff eines deutschen U-Bootes auf den britischen Dampfer ums Leben gekommen. Wie ein lange eingeschlossener Flaschengeist war ein düsterer Hauch des Krieges mit diesem unscheinbaren Zettelchen dem altertümlichen Glaskolben entstiegen! – Gänsehaut bei den Segelfreunden von der Havel.

Aber was war an dieser Flaschenpost wirklich authentisch, außer, dass es diese Katastrophe tatsächlich gegeben hatte? Warum war die Nachricht auf Deutsch verfasst und steckte in einer deutschen Pfandflasche? Warum sollte eine deutsche Zeitung benachrichtigt werden? Wie kam die Buddel in den Schwielowsee, weit weg von der Nordsee und noch weiter weg von der irischen Küste, vor der die Lusitania versank?

Und wie alt ist die Flaschenpost wirklich?

Vermittelt duch Bekannte, nahmen die Finder Kontakt zu Historikern des Potsdam Museums auf. Dort ist man sich schnell einig: Vom Untergangsschiff selbst stammt die Botschaft nicht. Also ist es, genau genommen, eine Fälschung. Oder, moderater ausgedrückt: da wollte uns jemand foppen! Wenke Nitz, Kuratorin der Ausstellung „Potsdam im Ersten Weltkrieg“, hält es für denkbar, dass die Kriegsnachrichten die Phantasie von Kindern bewegte und zu einem spielerischen Umgang mit dem Geschehen beflügelte. Und das habe sich dann im Verfassen dieser Flaschenpost niedergeschlagen. Naheliegend, denn die Zeilen sehen doch sehr nach der Handschrift eines orthographisch unsicheren Buben aus, der hier einen harmlosen Jungenstreich ausgeheckt hatte, wenn auch vor dem Hintergrund des dramatischen Zeitgeschehens.

Wenn der Zettel tatsächlich aus der Zeit des Ersten Weltkrieges stammt, dann gehört er zu den fünf Flaschenposten mit der längsten Reisezeit weltweit!

B in Bretzelschrift.

B wie Bretzel.

Es gibt allerdings Gründe, die mich an diesem Alter zweifeln lassen. Historikerin Nitz hat richtig erkannt, dass im Text Buchstaben verschiedener Schulschriften auftauchen. Im Wesentlichen ist er in jener lateinischen Schulausgangsschrift verfasst, wie ich sie selbst in den 60er Jahren gelernt hatte. Es finden sich aber auch einige Einsprengsel in älterer Schreibform. So ist das B in „Beibot“ eine typische kringelige Majuskel der 1915 erstmals eingeführten Schrift des Graphikers Ludwig Sütterlin. Auch das tz in „setzen“ fällt auf. Es wirkt, als hätte der Schreiber zunächst hinter das „normale“ t die Sütterlin-Ligatur für tz schreiben wollen, dann hat er aber doch ein lateinisches z daraus gemacht.

Das seltsame Manuskript fällt also in eine Übergangszeit. Der Verfasser hat offensichtlich zunächst Sütterlin gelernt und ist dann zu lateinischer Handschrift gewechselt. Letztere ist aber erst 1941 auf Anordnung des Reichsministers für Wissenschaft Erziehung und Volksbildung eingeführt worden. Für mich gäbe folgender Ablauf Sinn: Der Junge (es ist eine Jungenschrift!) hat seinen Streich im Alter von 12 bis 14 Jahren verzapft. Er hatte bis 1941 in der Grundschule die „deutsche Volksschrift“ (eine Sütterlinvariante)  gelernt, sich dann aber nach dem Reichserlass in zwei oder drei weiteren Schuljahren die „deutsche Normalschrift“, also die lateinische Buchstabenform, angeeignet. Damit hätten wir eine Datierung nicht in den Ersten, sondern in die zweite Hälfte des Zweiten Weltkrieges oder kurz danach. Es wäre genau die Generation meines Vaters. Mit etwas Glück könnte der Steppke von damals also noch leben und die Resultate seines Übermutes amüsiert im Fernsehen anschauen!

Aber was könnte, Jahrzehnte nach dem Untergang der Lusitania, den Impuls für diesen Schabernack gegeben haben? Ich halte es für möglich, dass das Thema in irgendwelchem Lesestoff wieder aufgewärmt worden war. In der Nazi-Propaganda wurden ja auch solche Kriegsverbrechen gerne als Heldentaten verkauft. Auch in Jugend-Jahrbüchern – ich denke an „Durch die weite Welt“ oder Vergleichbares – hat man damals gerne militärische Themen aufgegriffen. Oder ob es zum 30. Jahrestag des Unterganges irgendeine Notiz dazu in der Presse gab? Das wäre dann unmittelbar nach Kriegsende gewesen. Ich vermute mal, dass da ganz andere Dinge im Vordergrund standen. Das Zeitungswesen musste sich ja erst einmal neu organisieren.

Die Flasche selbst kann durchaus älter sein. Auch bei meiner allerersten Flaschenpost, die ich als 13jähriger auf die Reise schickte, hatte ich eine Flasche benutzt, die mindestens zwei oder drei Jahrzehnte im Keller gelegen hatte. Vielleicht stammte ja auch diese Pfandflasche mit dem S damals schon aus irgendeiner Rumpelkammer. Denkbar wärs.

Die dicke Diva.

Nun bemerkt es auch die Redakteurin: Unter den Aufnahmen am Elbufer fehlt noch eine Szene. Der große Strom, Wasser im Gegenlicht, – und das Thema des Films ist doch…

Ich hatte vorgesorgt und krame eine Bierflasche aus dem Rucksack. Altmodische dicke Form, Pressglas, Bügelverschluss: das passt, wie ich meine. Natürlich ist auch der Stopfen aus Keramik, denn Plastik wäre erstens Stilbruch und zweitens gegen die Etikette der Flaschenpostlerzunft. Was der Fernsehzuschauer nicht sehen wird: Der Buddelbrief  ist in lateinischer Grundschülerhandschrift (ich kann das noch!) mit Kopierstift auf altem holzschliffhaltigem Papier geschrieben. Experimentelle Archäologie sozusagen.

Die Slapstickszene, bei der ich nun doch über die Basaltblöcke zum Wasser herunterstolpere, landet hoffentlich bei den Outtakes. Noch einmal ein romantischer Blick in Richtung Industrieanlagen, dann lasse ich die Buddel zwei Meter vor der Kamera in die Elbe plumpsen.

Die Flasche macht nun alles wett, was mir an TV-Eitelkeit abgeht. Als müsste sie beweisen, dass auch eine bayerische** Buddel in einem plattdeutschen Fluss schwimmen kann, treibt sie ein paar mal hin und her, mal von einer leichten Böe flussaufwärts, mal von der ablaufenden Tide flussabwärts bewegt. Ein bischen Schaukeln in den von einem Polizeiboot aufgeworfenen Wellen, – die Flaschenpost scheint ihren Auftritt sichtlich zu genießen!

Na denn: Frohes Treiben und gute Reise! Und dass dich der Schwell des nächsten Containerriesen nicht auf diese grauen Lavaklötze schmettert!

Die Phantasie von Jungs und noch einmal das Maritime Museum.

Nach dieser letzten Filmsequenz, die, wie ich annehme, die Schlussszene des Sendebeitrages werden wird, verabschieden wir uns vom Team. Frau Grunenberg-Eggert und Herr Schmidt, der heute nur den undankbaren Job des Chauffeurs hat, bringen mich liebenswürdigerweise zum Museum zurück.

Der Feierabendverkehr hat begonnen. Im Stau haben wir Zeit, über den geheimnisvollen Verfasser jener 21 Worte zu spekulieren.

Es muss ein Junge – vielleicht waren es auch mehrere, die sich das ausdachten – mit einem unbändigem Spieltrieb und einer typischen Bubenphantasie gewesen sein. Er konnte einigermaßen schreiben, auch wenn der Stift ein paarmal abrutschte, wohl weil er keine feste Unterlage hatte. In Rechtschreibung war er keine Leuchte. Aber er hatte einen lebendigen Geist! Er versetzte sich spielerisch und sicher ohne groß darüber nachzudenken, in die Rolle von Kriegsopfern. In die der gegnerischen Seite! Egal ob das nun im Ersten oder im Zweiten Weltkrieg war, angesichts der Kriegspropaganda der jeweiligen Machthaber werte ich das als ziemlich unkonventionelles Denken.

Obendrein hat er die Chuzpe, eine in den schlechten Zeiten wertvolle Pfandflasche für eigene Zwecke abzuzweigen. Die Hoffnung, dass sein gefälschter Notruf unbeachtet die Havel und die Elbe hinunter bis zur Nordsee schwimmt, um erst dort gefunden zu werden – denn nur so macht der Streich Sinn -, verrät eine ungeheure Zuversicht in sein Unternehmen. Andere mögen es Naivität nennen, ich finde das großartig!

Der anonyme Schreiber des kleinen schofeligen Manuskriptes bekommt nach und nach ein Gesicht.

Inzwischen sind wir in der Speicherstadt angekommen, haben Adressen ausgetauscht und uns verabschiedet. Für mich war es eine schöne und interessante Begegnung. Ganz herzlichen Dank!

Für Frau Grunenberg-Eggert und Herrn Schmidt geht das Filmabenteuer morgen noch im Potsdam Museum mit einem Treffen Historikern der Zeitgeschichte weiter. Ich habe noch das Ticket des Marimen Museums an der Jacke kleben und beschließe, dort noch ein wenig herumzustromern.

Takelage

Erinnerungen an Schatzinselträume.

Ich denke an den Flaschenpostschreiber von der Havel. Und daran, was mich bewegt hatte, als ich so alt war wie er. Ich, damals, ein kleiner Junge in der großen Stadt Hamburg. Aufgewachsen war ich in diesen eintönigen, gesichtslosen Wohnblocks der Nachkriegszeit. Ich hatte „Robinson Crusoe“, „Die Schatzinsel“ und „Huckleberry Finns Abenteuer“ im Bücherregal, „Kon Tiki“ von Thor Heyerdahl und Geschichten aus dem Zeitalter der Entdeckungsreisen. Mit dem Fahrrad kamen wir Jungs gerade bis zum Waldrand oder bis zum Elbufer bei Finkenwerder. Wir kokelten mit Kerzen geheimnisvolle Zeichen in leerstehende Bunker, die es damals noch gab, kletterten auf Schrottschiffe auf dem Schiffsfriedhof in Moorburg und kaperten ein Dalbenfloß in der alten Harburger Hafenschleuse. Ein richtiges Boot müsste man haben, das war für uns der Inbegriff von Freiheit!

An Regentagen stromerte ich auch in Museen herum. Damals war der Eintritt noch frei. Das Maritime Museum gab es damals noch nicht, dafür aber die Schifffahrtsabteilung des Altonaer Museums mit alten Seekarten, Walfangharpunen und Modellen historischer Segler. Und die „Völkerkunde“ in der Rothenbaumchaussee. Das war für mich ein Palast,  in dem meine Phantasie weit über den Horizont der grauen Großstadt hinausreisen konnte. Da wir Jungs aber nicht selbst auf große Fahrt gehen konnten, – an Fernreisen war damals sowieso nicht zu denken -, schickten wir angerauchte Zettel in eindrucksvoll versiegelten Weinflaschen in die weite Welt, – die Elbe mündet schließlich ins Meer!

Und heute? Bin ich jemals erwachsen geworden? Draußen vor dem Museum scheint noch die Sonne. Ich setze mich auf die Stufen am Brooktorhafen und ergänze einen Brief, dessen Text über den Anlass meines heutigen Ausflugs informiert, um Datum und Position. Mit dem Ticket des Museums klebe ich die Rolle zusammen, verfrachte sie in eine Flasche und lasse sie in den Fleet klatschen.

Hamburg, das Tor zur Welt, – vielleicht vollendet sie ja die Strecke in die Nordsee, die die Buddel vom Schwielowsee hätte nehmen sollen. Oder sie leistet, von Ebbe und Flut zwischen Kaimauern hin und her getrieben, den modernen Nachfolgern der Lusitania Gesellschaft, die in den nächsten Tagen zu den Cruise Days die Hafen City besuchen werden. Kann sein, dass die Bugwelle eines Schleppers das Glas unsanft auf  Basaltblöcke einer Böschungsbefestigung wirft. Oder Flasche wird nach hundert Jahren aus dem Schilf einer Elbinsel gezogen und kommt ins Fernsehen…

…wer weiß?

Mein kleines Zeremoniell zum Abschluss eines ereignisreichen Tages.

Aber erst einmal bin ich natürlich gespannt, was aus dem Film wird. Frau Weber schrieb mir, er sei schön geworden. Na, dann schauen wir mal. 🙂

***

Post scriptum: Ja, doch, der Film ist ganz nett geworden, auch wenn ich mir – ganz Wissenschaftler – mehr informative Details gewünscht hätte. Frau Weber hatte mir schon erzählt, dass die Redaktion von Terra Xpress mit Rücksicht auf den Publikumsgeschmack keine grausigen Einzelheiten  zum Untergang des Schiffes drin haben wollte. Das Wort „Kriegsverbrechen“ und die gewaltige Zahl der Toten hätten aber schon gerne genannt werden sollen, um dem Thema gerecht zu werden.

Die Szenen vom Mühlenberger Bootshafen und den Basaltblöcken sind zum Glück bei den Outtakes  gelandet. Aber ich hatte ja gleich gesagt, dass das keine vorzeigbaren Bilder gibt.

Mein eigener Part wäre eigentlich ganz entbehrlich gewesen, er trägt zum Fortgang der Geschichte ja nichts bei. Das hätte man sicher sinnvoller aufbauen können.

Schriftexperte Klaus-Dieter Stellmacher ist zur gleichen Datierung gelangt wie ich. Da klopfe ich mir selbst doch mal auf die Schulter und drücke dem Kollegen herzlich die Hand! Die Flaschenpost gehört also nicht zu den „ganz“ alten, aber immerhin zu den „sehr“ alten. Und sie bleibt nach wie vor eine der geheimnisvollsten! 😉

___________________________________

*Also kein DinA-Format, was aber nicht zwingend auf eine Datierung vor 1922 (Einführung der Din-Papierformate) schließen lässt. Solche Billigpapier-Blöcke dürfte es noch lange in anderen, vielleicht auch zufälligen Formaten gegeben haben, je nach dem, wie Papierreste (Randabschnitte?) in Papierfabriken und Druckereien anfielen.

** Ich hatte nicht die Plopp-Marke von „ganz oben“, sondern unpatriotisch eine von „ganz unten“, aus dem tiefsten Süden der Republik ausgesucht.

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Kategorien: Der Geist in der Flasche, Flaschenpostmeldungen und Flaschenpostreisen, Historisches, Persönliche Geschichten | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , , , | 7 Kommentare

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7 Gedanken zu „Fernsehen, Flaschenpost und Phantasie von Jungs: Noch einmal die seltsamen Unglücksbotschaften der Lusitania.

  1. ich habe vorhin den film gesehen und fand ihn gut. nun muss ich das aber relativieren … wenn man deine detailreiche schilderung liest zusammen mit den facts zum making of und dann deine persönliche sichtweise auf die fakten und deine gedanken dazu, nicht zu vergessen mit den szenen, die der schere zum opfer gefallen sind … menno, was hätte das für ein beitrag werden können!

    liebe redakteure von fernsehsendern: wer hat das format, mal einen richtig, richtig guten beitrag mit peter zu drehen? mit einem von ihm verfassten drehbuch. da kommt dann etwas sensationelles zustande!

    • Eigentlich bin ich ganz froh, dass der Kitsch von Blankenese (bis auf ganz kurze Bilder bei Min. 26) der Schere zum Opfer gefallen ist. 😉

      Aber danke für das Kompliment! Wenn ich das Drehbuch schreiben würde, gäbe es eine Expedition! Mit vielen Museumsbesuchen, vielen Szenen an der Küste (und auf See), vielen „echten“ Interviews, und du wärest bestimmt auch mit auf der Liste! 🙂
      Das bezahlt nur kein Sender.
      Ist wohl auch gut so. 😉

      • ich will gar nicht auf die liste! aber ich würde mir und vor allen dingen allen anderen wünschen, dass es mal einen richtig guten film von dir gibt – eben genau mit dem konzept, das dir vorschwebt. da wären unsere gebühren mal sinnvoll verwendet! 😀

  2. Pingback: Die mysteriösen Flaschenposten der RMS Lusitania. | flaschenposten

  3. Message in a Bottle Hunter

    What a great story! We must talk further about the Lusitania sometime. There are a couple stories floating around about possible messages in bottles sent from the Lusitania as it was sinking, but none of them seem real to me…

  4. Auch ich war erstaunt, was am Ende bei »terra x« übrig blieb, und wie ich mehrstündig bei unentschädigter Anwesenheit – bis auf die Fahrtkosten – als Schriftexperte aus vielen Positionen belichtet zusammengeschnitten wurde. Welch großer finanzieller Aufwand für diese Filmsequenz betrieben wurde, ist mir unerklärlich! Ich danke Peter S. für die überaus informativen und ausführlichen schriftsprachlichen Darstellungen seiner umfangreichen Aktivitäten. Was soll denn anderes herauskommen, wenn »Fernsehmacher« mit Fachspezifika umgehen sollen, wovon sie keine Kenntnis, geschweige eine blasse Ahnung haben? Allein das Thema dieses Zettels im Kreis von Schriftkennern zu diskutieren brächte schon Freude und geistigen Zuwachs in diesem Kreis. Es gibt nur eine positive Bilanz: Im Ergebnis dieser Sendung habe ich wieder viele Zuschriften mit der Bitte um Übertragungshilfe zu deutschen Handschriften vergangener Jahrhunderte bekommen und … ich war im Fernsehen!

  5. Pingback: Presse, Funk und Fernsehen. | flaschenposten

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