„BREAK THIS BOTTLE“: Rekord-Flaschenpost vollendet nach 108 Jahren planmäßig ihre Reise.


„Älteste Flaschenpost der Welt gefunden!“

Meldungen wie diese überschlagen sich in letzter Zeit. Okay, sie sind nicht so häufig wie Rekorde in Sportnachrichten, aber gemessen an der eher gemächlichen Fortbewegungsweise von Driftflaschen sind es recht viele Berichte in einer relativ kurzem Spanne. Wobei „älteste Flaschenpost“ nicht das absolute Alter des Dokumentes in der Buddel meint, sondern den größten zeitlichen Abstand zwischen Aussetzen und Finden. Aber schauen wir uns mal die Liste an:

92 Jahre: Am 10 Dezember 2006 zieht der in Bixter (Shetland-Inseln) beheimatete Fischer Mark Anderson etwa in der Mitte zwischen Schottland und Jütland eine Flaschenpost aus dem Netz, die am 25. April 1914 von der Glasgow School of Navigation bei 60° 50′ N und 00° 38′ W ausgesetzt wurde.

98 Jahre: Das selbe Schiff: der Trawler Copious, das selbe Seegebiet, der selbe Absender: Die Flasche, die Andersons Kollege Andrew Leaper 2012 aus den Maschen des Schleppnetzes herausragen sieht, hat die Nummer 646B. Sie war am 10. Juni 1914 ca. 15 km entfernt in die Nordsee geworfen worden. Beide Flaschenposten gehörten zu einem Experiment zur Erforschung von Tiefenströmungen, das unter Leitung von Capt. C. Hunter Brown durchgeführt wurde. Man darf annehmen, dass dieses Interesse unter Anderem militärische Gründe hatte: Der Erste Weltkrieg hatte begonnen. Und zum ersten Mal spielten bei diesem mörderischen Geschäft Seeminen und U-Boote eine wichtige Rolle.

Die damals ausgesetzten Flaschenposten wiesen eine Besonderheit auf. Man hatte nämlich spezielle, sehr kompakte und schwere Flaschen verwendet, deren Gewicht so getrimmt war, dass die Dichte nur geringfügig über der des Seewassers lag. Das heißt, die Flasche sank nach dem Abwurf langsam in die Tiefe und lag dann nur leicht auf dem Meeresboden auf. Die Strömung, so hoffte man, würde die Flaschen über den Grund rollen oder sachte vorandümpeln lassen, so dass man dann durch den Vergleich von Abwurf- und Fundposition Aufschluss über die Strömung weit unterhalb der Wasseroberfläche bekäme. Tatsächlich wurden bislang 315 der 1889 so in die Tiefe geschickten Postkarten gefunden und an das Institut zurückgesandt. Angesichts dessen, dass man die Bodendrifter nur durch Grundschleppnetze wieder an die Oberfläche bekommen konnte, ist das eine beachtliche Zahl!

Die 98 Jahre in der See wurden im Guinness Book of Records als die längste Reisezeit einer Flaschenpost vermerkt. Aber auch Guinness kann irren. Denn es gab längst schon einen anderen Fund, und das schon seit 1978:

Dramatische Szenen im Packeis, festgehalten von Expeditionsleiter Julius von Payer. (Heeresgeschichtliches Museum Wien. Bild gemeinfrei.)

Dramatische Szenen im Packeis, festgehalten von Expeditionsleiter Julius von Payer. (Heeresgeschichtliches Museum Wien. Bild gemeinfrei.)

104 Jahre: So lange brauchte es, bis die 1874 vom österreichischen Polarforscher Carl Weyprecht im Eismeer ausgesetzte Botschaft gefunden wurde.  Das Expeditionsschiff war – wie so oft bei damaligen Arktisfahrten –  unrettbar im Packeis eingeschlossen worden. Während der dramatischen Rückreise in offenen Booten verfasste Weyprecht einen kurzen Bericht über die Entdeckung des Franz-Josef-Landes und übergab ihn der See. Eine geradezu klassische Situation! Der in akkurater Schrift verfasste Flaschenbrief gehört damit  zu den ältesten, die bekannt geworden sind. Gefunden wurde die Botschaft vom russischen Wissenschaftler Wladimir Serow auf der zum Franz-Josef-Land gehörige Insel Lamont, rund tausend Kilometer nördlich von Sibirien im Polarmeer gelegen. Leider hat Serow die Flasche zerschlagen, um an den Inhalt zu kommen.

103 Jahre: Drei Wochen fehlen, dann wären es ebenfalls 104 Jahre gewesen, die die Flaschenpost des Schiffspassagiers Earl Willard am Strand von Vancouver Island, Kanada, verbrachte. Gefunden hat sie der Beachcomber Steve Thurber im Jahr 2013. Das Schöne: die Bierflasche ist noch ungeöffnet erhalten! Näheres dazu hier.

Interessantes Pressglasprofil: die Flaschenost aus der kieler Bucht. (Foto: Andrea K.)

Interessantes Pressglasprofil: die Flaschenpost aus der Kieler Bucht. (Foto: Andrea K.)

Diese beiden letzten Flaschenposten sind allerdings mehr oder weniger unbeachtet geblieben. So kam es, dass die am 4. März 2014 von einem Fischer aus der Kieler Bucht gezogene Buddel von der Presse und dann auch vom Museum, wo sie ausgestellt ist, unbeschadet als die älteste Flaschenpost der Welt bezeichnet wurde. Die Beugelboddel brachte es auf

101 Jahre, die sie auf dem Grund der Ostsee lag, bis sie in das Schleppnetz des Kutters Marie aus Heikendorf bei Kiel geriet. Rekord hin oder her: Es ist aus Liebhabersicht eine wunderschöne Flasche mit Profilprägung, die nach ihrem Auftauchen viele Reaktionen auslöste. Die Enkelin des Absenders setzte sich mit ihrer Familiengeschichte auseinander und fand so zu sich selbst, die Kieler Nachrichten veranstalteten eine Flaschenpostaktion für Kinder und auch viele andere werden sich zum Basteln einer eingenen Seeflasche inspiriert gefühlt haben.

Mehr zu dem Fund hier.

Aber spätestens jetzt muss die Beschriftung in der Vitrine aktualisiert werden. Denn der aktuelle Rekord ist:

108 Jahre und 138 Tage!

Auf diese Reisezeit brachte es die unscheinbare kleine Flasche mit dem großen, versiegelten Korken, die Marianne Winkler am 17. April diesen Jahres an der Nordspitze von Amrum fand.  Auf dem darin befindlichen Zettel war durch das leicht getrübte Glas in fetten Großbuchstaben.“BREAK THIS BOTTLE“ zu lesen.

Horst Winkler, der mit seiner Frau den Urlaub auf der Nordseeinsel verbrachte, tat das dann auch. Klar, einem Archäologen wie mir tut es im Herzen weh, wenn so ein altes, gut erhaltenes Stück in Scherben geht. Aber den Winklers kann man es nicht übel nehmen, denn sie konnte ja nicht ahnen, was der Glaskolben da für eine sensationelle Geschichte in sich bzw. hinter sich hatte. Auch hatten sie sich redlich bemüht, den Zettel ohne Schaden für das Gefäß aus der Mündung zu friemeln*.  Dieser war, wie es auch bei vielen anderen Flaschenposten eben so ist, leider nicht als Rolle zusammengebunden, sondern einfach so in die Buddel gesteckt worden.

Der Meeresbiologe George Parker Bidder (1863 - 1953). Foto mit freundlicher Erlaubnis der MBA*.

Der Meeresbiologe George Parker Bidder (1863 – 1953). Foto mit freundlicher Erlaubnis der MBA**.

Kein Wunder, denn dem Absender war zu Anfang den 20 Jahrhunderts schließlich nicht daran gelegen, mit seiner Aktion Antiquitäten für die Museen der Urenkel zu produzieren. Den Fischereibiologen George Parker Bidder von der Marine Biological Association of the United Kingom (MBA) in Plymouth (Großbritannien) ging es um Daten. Daten zu Meeresströmungen. Meeresströmungen, die sich, wie Bidder annahm, auf die Verteilung von Fischschwärmen in der See auswirkten. Und dazu ließ er zwischen 1904 und 1906 über rund 1020 Flaschenposten aussetzen. Diese trägt die Nummer 57, der Abwurf könnte also in das zweite Jahr der Kampagne fallen!

Nicht die Rekordflaschenpost von Amrum, aber eine aus Bidders Serie. Foto mit Freundlicher Erlaubnis der MBA*.

Nicht die Rekordflaschenpost von Amrum, aber eine aus Bidders Serie. Foto mit freundlicher Erlaubnis der MBA**.

Wie bei seinen oben erwähnten Kollegen aus Glasgow interessierten ihn dabei besonders die Tiefenströmungen, denn Fische schwimmen ja bekanntlich nicht nur an der Meeresoberfläche. Bidder musste also die Flaschen so trimmen, dass sie tief ins Wasser sanken, aber auch nicht einfach auf dem Grund liegenblieben. Wie er das anstellte, kann man auf diesem Foto gut sehen: er benutzte kleine Bleikugeln. Das muss so gut geklappt haben, dass die Flaschenpost zumindest zeitweilig wie ein U-Boot unter Wasser in der Schwebe war, je nach Temperatur und Salzgehalt in größerer oder geringerer Tiefe. Dass die Flasche am Meeresgrund entlang gerollt ist, halte ich für extrem unwahrscheinlich, denn der Boden der Nordsee ist ja nun alles andere als ein flacher Billardtisch, und nach Amrum geht es dann ja auch ein Stück bergauf.

Wie in diesem Artikel auf der Homepage der MBA zu lesen, war Bidders Verfahren außerodentlich erfolgreich: Pro Jahr(!) wurden über 50 % dieser bottom bottles von Fischern wieder an Bord gezogen. Sonst liegt die Antwortquote bei Flaschenposten lediglich bei zehn bis 30 %. Damit bekam Bidder gleichzeitig auch Anhaltspunkte für die Intensität der Befischung.

Eine andere Erklärung für die lange Zeit zwischen Abwurf durch die Meeresbiologen und der Entdeckung durch die Urlauber könnte sein, dass sie Flaschenpost irgendwann „normal“ angetrieben worden war, unentdeckt blieb und dann eine Zeit lang in einer Sandbank oder unter einer Düne begraben war, bis sie schließlich wieder freigespült bzw. freigeweht wurde. Dass sie, anders als die Bierflasche aus der Kieler Bucht, keinen Bewuchs von Seepocken aufwies, könnte ein Indiz für diese Möglichkeit sein. Jedefalls ist so etwas schon häufiger vorgekommen: bei der oben genannten Flasche von Vancouver Island und denen von Martha’s Vineyard.

Die Winklers haben den Flaschenzettel mit den gewünschten Daten an die Fischereibehörde in Plymouth geschickt. Ganz wie gewünscht! Ich hätte zu gern gewusst, was die Leute dort gedacht haben, als sie die Post in Händen hielten. Die müssen sich gefühlt haben, als würde plötzlich der Fliegende Holländer in den Hafen einlaufen!

Gab es nur noch ein Problem: Bidders Team hatte dem Finder für die Rücksendung des Formulars eine Aufwandsentschädigung von einem Shilling versprochen. Und diese Münze ist schon seit Jahrzehnten nicht mehr in Umlauf. Trotzdem: Wer so treu einem Anliegen aus dem vorletzten Jahrhundert nach kommt, der muss auch seinen Lohn aus längst vergangener Zeit bekommen. Ein Mitarbeiter des MBA machte also einen Besuch bei einem Online-Händler und Marianne Winkler konnte bald ihren Shilling als Erinnerung in Händen halten!

Für mich hat es etwas unglaublich Tröstliches, dass in unserer schnelllebigen Zeit ausgerechnet ausgerechtet eine so langsame Sache wie diese Flaschenpost so viel Aufmerksamkeit erfährt. Und zwar gerade weil sie so langsam ist.

Und, – es warten noch etliche Hundert solcher Buddeln am Grund der Nordsee darauf, von aufmerksamen Fischern, Tauchern oder Treibgutsammlern entdeckt zu werden! Also: Augen auf! 😉

__________________________

*Für alle, die mal in eine ähnliche Situation kommen, gibts hier eine kleine Hilfestellung.

**Ich danke der Marine Biological Association of the United Kingdom ganz herzlich für die Erlaubnis, Fotos aus diesem Artikel verwenden zu dürfen! Mrs Emely Miles beantwortete freundlicherweise meine Anfrage.

Auch meiner Bloggerkollegin Andrea, Autorin von Treibholzeffekt, ein herzliches Dankeschön für den Zugriff auf ihr Fotoarchiv!

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Kategorien: Flaschenpostmeldungen und Flaschenpostreisen, Historisches, Lexikalisches | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | 4 Kommentare

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4 Gedanken zu „„BREAK THIS BOTTLE“: Rekord-Flaschenpost vollendet nach 108 Jahren planmäßig ihre Reise.

  1. genau diese geschichten machen es so spannend … auch wenn es oft an der geduld fehlt. toll geschrieben, gefällt mir sehr!
    liebe grüße!

  2. Pingback: Noch ungeöffnet: 107 Jahre alte Flaschenpost von Vancouver Island. | flaschenposten

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  4. Pingback: Die Kunst, eine Flaschenpost zu gestalten. | flaschenposten

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