Die Flaschenposten der Deutschen Seewarte: Ein Besuch beim BSH.


Zugegeben: Besonders „zeitnah“ kommt dieser Artikel nicht. Aber wer wird schon ausgerechnet von einem Liebhaber von meistens nicht so eiligen Flaschenposten life blogging erwarten? 😉  Hier also der zweite Teil der Exkursion zum Hamburger Hafen, die ich am 4. Juli zusammen mit der Bloggerin Andrea  und dem Flaschenpostsammler Clint Buffington unternommen habe. Ich hatte die beiden und auch den Anlass unseres Ausflugs hier im ersten Teil der Serie schon kurz vorgestellt.

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Es ist kurz vor elf und schon heiß und und für Hamburger Verhältnisse außerordentlich stickig, als wir die breite Treppe oberhalb der Landungsbrücken hoch steigen. Vor dem Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) flattern viele Fahnen. Das Haus hat heute Tag der offenen Tür. Anlass ist das 25-jährige Bestehen der Behörde, die nach der Wiedervereinigung durch Zusammenlegung ost- und westdeutscher Institutionen neugegründet wurde.

Im Foyer treffen wir meine beiden Mädels – Frau und Tocher -, die sich uns für die nächsten Etappen unserer Exkursion anschließen. Mein Sprößling Henny macht eine Ausbildung beim BSH, aber was nun kommt, nämlich die Flaschenpostsammlung des BSH, kennt sie auch noch nicht. Also fragen wir uns zur Bibliothek durch. Breites Grinsen bei uns allen, als wir in einem der Flure auf eine Aktivität für die ganz jungen Besucher stoßen. Die Kiddies basteln – na klar, was auch sonst! – Flaschenposten! Wir scheinen auf dem richtigen Weg zu sein.

Nils Peters und Clint Buffington

Nils Peters und Clint Buffington.

In der Bibliothek begrüßt uns Nils Peters. Es ist nicht nur Bibliothekar, sondern auch für die Öffentlichkeitsarbeit des Hauses zuständig. Er hat also gerade heute Großeinsatz. Trotzdem nimmt er sich für uns und unsere speziellen Wünsche ganz viel Zeit. An dieser Stelle ganz herzlichen Dank dafür!

Ausführlich und mit viel Freude erzählt uns Peters von Georg von Neumayer, dem Initiator und ersten Direktor der Deutschen Seewarte und seinem Projekt, mit Flaschenposten weltweit die Meeresströmungen zu erforschen.

(Da ich nicht mitgeschrieben habe, beschreibe ich die Geschichte nun besser mit eigenen Worten. 🙂 )

Die 1868 zunächst als Norddeutsche Seewarte gegründete Institution war neben dem sieben Jahre zuvor eingerichteten Hydrographischen Buereau die erste Vorläuferorganisation des BSH und damit auch die erste übergeordnete ozeanographische Forschungsstätte Deutschlands. Es war seinerzeit wichtig, die damals noch unzureichende Kartographie der Ozeane zu verbessern, Daten zum Magnetfeld der Erde und zur Meteorologie sammeln und auszuwerden, schließlich auch den Meeresströmungen auf den Grund zu gehen.

Angeregt durch Veröffentlichungen des amerikanischen Marineoffiziers  Matthew Fontaine Maury begann Neumayer zu diesem Zweck Flaschenposten auszusetzen. (Er ist übrigens der Wortschöpfer des Begriffes „Flaschenpost“ und erfand auch den Plural „Flaschenposten“.) Das älteste erhaltene Stück, ein unscheinbares blass-blaues Formular, das wir in einer Vitrine bestaunen, macht das Prinzip deutlich: Der Absender trägt Datum, Position, den Namen des Schiffes usw. in den Vordruck ein, steckt ihn in eine Flasche, verschließt sie sorgfältig und wirft sie über Bord. Der Finder soll dann seinerseits Fundort und -datum eintragen und den Zettel nach Hamburg zurücksenden oder dem nächsten deutschen Konsulat zur Weiterleitung übergeben. Hier war es Neumayer selbst, der diese Zettel am 14. Juli 1864 auf der Rückreise von einem Forschungsaufenthalt in Australien nicht weit von Kap Horn ins Meer warf.

Kap Horn - Australien in drei Jahren: Flaschenzettel von 1864

Kap Horn – Australien in drei Jahren: Flaschenzettel von 1864

„Es überkommt einen ein ganz eigenes Gefühl, wenn man die wohlverkorkte Flasche im Strudel des Kielwassers herumwirbeln sieht, wenn man vom höchsten Punkt des Deckes aus ihr ängstlich mit dem Auge folgt, bis ihr schwarzer Hals hinter dem entfernten Wellenberge verschwindet. Ob sie wohl wieder gefunden, ob sie die ersehnte Nachricht zur Bereicherung der Wissenschaft verkünden wird?“

Empfindungen Neumayers. Auch für den Geophysiker und Ozeanographen war es also mehr als nur nüchterne Wissenschaft, wenn er so eine Buddel den Wind und Wellen anvertraute. Die Flaschenpost trieb nach Australien. Allerdings nahm er die andere Richtung um den Globus, als Neumayer auf dem Klipper Norfolk gekommen war, nämlich westwärts, des Westwind-Trift folgend. 

Album mit Flaschenbriefen.

Album mit Flaschenbriefen.

Als Direktor der Deutschen Seewarte weitete der Gelehrte mit Steuermannspatent die Methode auf alle Weltmeere aus. Etliche tausend Vordrucke wurden im Laufe vieler Jahrzehnte an Kapitäne ausgegeben, die diese dann auf ihren Fahrten dem nassen Element übergaben. 12 % der Formulare gelangten nach Hamburg zurück, wurden dort registriert und sorgfältig in Alben geklebt, in denen auch zusätzliche Informationen wie Zeitungsartikel, Notizen usw ihren Platz fanden. Vier dieser Bände mit insgesamt 662 Flaschenzetteln sind erhalten. Damit besitzt das BSH die größte wissenschaftliche Flaschenpostsammlung.

Wasserfest und lichtecht: Positionsangaben in chinesischer Tusche (Scriptol) auf einem historischen Flaschenzettel.

Wasserfest und lichtecht: Positionsangaben in chinesischer Tusche (Scriptol) auf einem historischen Flaschenzettel.

Akribisch wurden die Reisen der amtlichen Zettel dokumentiert, ausgewertet und veröffentlicht.

Preußische Gründlichkeit: Jede Reise ist sorgfältig dokumentiert.

Preußische Gründlichkeit: Jede Reise ist sorgfältig dokumentiert. (Wer mal auf Details schauen möchte: zum Vergrößern ein- oder zweimal auf das Foto klicken.)

Stück für Stück füllten sich die Karten der Ozeane mit Pfeilen, die dann irgendwann den globalen Strömungskreislauf wiedergeben sollten.

Deutlich erkennbar: der Nordäquatorialstom.

Deutlich erkennbar: der Nordäquatorialstrom.

Freilich, besonders genau ist diese Methode nicht. Auch wenn Abwurf- und Fundort bekannt waren, so wusste man doch nicht, ob die Flaschenpost den direkten Weg zwischen A und B genommen hatte, ob sie in Ringströmen große Runden in den Weltmeeren gedreht hatte, ob sie zwischendurch in kleineren Eddies Karussell gefahren war und wie lange sie womöglich unentdeckt am Strand gelegen hatte. Vor allem sagte eine Buddel, die an der Wasseroberfläche trieb, nichts über das Geschehen in den Tiefen des Ozeans aus. Deswegen kam die Flaschenpostmethode in der Mitte des vorigen Jahrhunderts aus der Mode.

Diese Flaschenpost von 1950 ging schon nicht mehr auf Reisen.

Diese Flaschenpost von 1950 ging schon nicht mehr auf Reisen.

Diese Karte war ohne Buddel unterwegs.

Diese Karte war ohne Buddel unterwegs.

Zumindest, wenn man damit den guten alten Glaskolben mit Zettel drin meint. Die jüngste Karte zum Zurückschicken, die wir zu sehen bekommen, war nicht mehr in einer Flasche über die See getrieben, sondern in Plastikfolie: Anfang der 90er Jahre versuchte man noch, mit solchen einfachen Driftern Aufschluss über die mögliche Ausbreitung von Ölteppichen zu bekommen. Ob man vor einem Vierteljahrhundert wohl geahnt hat, dass sich einem Umweltschützer heute beim Gedanken an Plastik im Meer die Nackenhaare sträuben?

Von den modernsten Nachfolgern der Flaschenpost bekommen wir ein Modell zu sehen. Diese Argo-Drifter sind hochmoderne, mit elektronischen Geräten vollgestopfte Stahlzylinder, deren Weg über Satelliten verfolgt wird, die automatisch in verschiedene Meerestiefen abtauchen und dabei Daten über Temperatur, Salzgehalt, Lichteinfall usw. sammeln. Hig Tech vom Feinsten. Aber, – hm -, so besonders romantisch wirkt das nicht. 🙂

Und deswegen wird uns Frau Martina Plettendorf, die Bibliotheksleiterin des BSH, im nächsten Blogpost in eine besonders schöne Welt der Seefahrtsgeschichte entführen!

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Kategorien: Historisches, Lexikalisches, Persönliche Geschichten, Sender und Sammler | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , , | 6 Kommentare

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6 Gedanken zu „Die Flaschenposten der Deutschen Seewarte: Ein Besuch beim BSH.

  1. Message in a Bottle Hunter

    Yay Peter! Ich wusste nicht, das Neumeyer war der Wortschoepfer des Begriffes „Flaschenpost“! So cool!

  2. Pingback: Clint und Andrea, – Blogger im Feststoffmodus. | flaschenposten

  3. tolle Einblicke und ein Eintauchen in die Vergangenheit in lebendiger Berichterstattung. Herzlichen Dank!

  4. Pingback: Flaschenposten beim BSH | Küstenforschung

  5. sehr gute methode…

  6. Pingback: Hot Hamburg(ers) on the 4th of July! Driftwood, Strangers, Oceanography, and a Very Old Message in a Bottle | Message In A Bottle Hunter

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