Die mysteriösen Flaschenposten der RMS Lusitania.


RMS Lusitania

Die RMS Lusitania, ein seinerzeit hochmoderner Ozeanriese. Quelle: Wikipedia (gemeinfrei).

Vor 100 Jahren, am 7. Mai 1915 um 14:10 Uhr, erschütterte eine Detonation den britischen Passagierdampfer RMS Lusiania. Kurz darauf erfolgte eine weitere Explosion. Der 239 m lange und 44.000 t verdrängende Transatlantik-Liner der Cunard-Rederei, eines der größten und modernsten Schiffe seiner Zeit, versank innerhalb von 18 Minuten. 1198 Menschen wurden in den Tod gerissen.

Der Irrsinn des Krieges.

Die deutsche Kriegsmarine hatte Unterseeboote als neue technische Wunderwaffe entdeckt.  Im Ersten Weltkrieg wurden sie zum ersten Mal in großem Maßstab eingesetzt. Neben Kriegs- und Handelsschiffen waren auch Passagierschiffe zu Zielen des Seekrieges deklariert worden. Als die Lusitania, nach einwöchiger Reise von New York kommend, im Seerohr der vor der irischen Küste lauernden U-20 sichtbar wurde, war sie für den deutschen U-Bootkommandanten ein gefundenes Fressen. Ohne Rücksicht auf zivile Opfer ließ er einen Torpedo klarmachen und abschießen. Der Ozeanriese, der wegen Navigationsproblemen nur halbe Fahrt machte, bot ein sicheres Ziel.

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Fehler des Malers: Im Augenblick des Torpedotreffers hatte die Lusitania noch keine Schlagseite. Andere Schiffe waren erst Stunden nach dem Untergang am Unglücksort. (Bundesarchiv, DVM 10 Bild-23-61-17 / CC-BY-SA)

Was die zweite Explosion auslöste, ist bis heute unklar. Ein zweiter Torpedo? Nach dem Logbuch des U-Bootes wurde nur einer abgeschossen. Eine Kohlestaubexplosion? Die im Geheimen mitgeführte Munition, die nach den Untersuchungsberichten tatsächlich an Bord war? Man weiß es nicht.

Klar ist nur eines: Die 1258 Passagiere und 701 Besatzungmitglieder waren der Katastophe hilflos ausgeliefert. Das Schiff bekam sofort starke Schlagseite. Als das Vorschiff unter die Wasseroberfläche sank, liefen die Turbinen immer noch: die vier Propeller trieben den Dampfer schnell in die Tiefe. Nur 761 Menschen überlebten, z. T schwer verletzt.

Lusitania (gemeinfrei)

Nur wenige Rettungsboote konnten zu Wasser gelassen werden. Gemälde von William Lionel Wyllie. Quelle: Wikipedia (gemeinfrei).

Während  das Deutsche Reich die Torpedierung mit der militärischen Nutzung und angeblichen Bewaffnung des Cunard-Liners rechtfertigte und sich dessen mit einer eigens geprägten Medaille brüstete, empörte sich die Presse des Auslandes über den perfiden Angriff auf wehrlose Zivilpersonen. Letztlich führte die Versenkung zu einer Neuorientierung der amerikanischen Außenpolitik und damit auch zum Kriegseintritt der USA.

*

Es gibt mehrere Nachrichten über Flaschenposten von der Lusitania. Und die sind genau so mysteriös wie die Spekulationen über  geheime Fracht und angebliche Bewaffnung des Dampfers.

„Still on deck with a few people. The boats have left. We are sinking fast. Some men near me are praying with a preast. Maybe this note will…“

So lautet der bekannteste Text eines den Untergang betreffenden Flaschenbriefes, der angeblich 1916 von einem Fischer im Nordatlantik gefischt wurde. Der Inhalt entspricht der Dramatik des Geschehens, zweifellos! Aber doch ein bischen reißerischer Reportagestil, wie mir scheint. Ein Rätsel: Wenn der Schreiber dieser erschütternden Zeilen den Satz nicht zu Ende bringen konnte, wie konnte er ihn dann noch in eine Flasche hineinbekommen und diese verschließen? Und wo befindet sich der Zettel jetzt? Warum wird allenthalben nur der Text kolportiert, aber nirgendwo das Originaldokument gezeigt? Just an „urban legend“?

Die Lewiston Dayly Sun berichtet in der Ausgabe vom 3. Januar 1931, bei der Insel Longeness – gemeint ist Langeness an der Westküste Schleswig-Holsteins – sei eine Flaschenpost mit dem Text

„The vessel will sink within ten minutes“

und zehn Namen von Unterzeichnern gefunden worden. Die Botschaft soll an die Cunard-Reederei weitergeleitet worden sein. Dass eine Flaschenpost in sechs Jahren von der Südküste Irlands ins Nordfriesische Wattenmeer treibt, – hm… Möglich wärs, wenn auch nicht sonderlich wahrscheinlich. Wie im voraufgegangenen Beispiel stellt sich die Frage, wie jemand in der Panik, bei der alle versuchen, eiligst an Deck zu kommen, eine Korkweste zu finden, einen Platz in den Rettungsbooten zu ergattern oder sich bei der Schräglage des Schiffes zumindest irgendwo festzuhalten, eine Flaschenpost verfassen kann. Und dabei noch Nerven hat, die Zeit bis zum Untergang abzuschätzen. Also eine Fälschung? Es wäre interessant zu wissen, ob der Flaschenbrief in den Archiven der Cunard-Line noch existiert.

Etwas glaubwürdiger scheint mir die Meldung der New York Times vom 21 Juli 1915 zu sein. Demnach sei an der niederländische Küste bei Koudekerke eine Flaschenpost mit folgendem Text angetrieben worden:

„Lusitania. We are torpedoed, one in front and one in back. I take leave from my parents an my girl who live in London, John Street, 57 East End. He who finds this is begged to give this to them. The boat sinks. Farewell forever. J. H. BURTON“

Das ist vom Inhalt in aller Tragik plausibel. Ein Text, den man in so einer Situation erwarten würde. Auch der Fundort ist glaubwürdig. Aber auch diese Flaschenpost ist nicht ohne Rätsel. Wer war dieser J. H. Burton? Auf der Passagierliste der Lusitania stand er nicht.  Die Adresse ist real, auch wohnte dort eine Familie Burton. Leider kennt das Einwohnerverzeichnis von 1911 unter dieser Anschrift keinen J. H. (John Henry?). Der Stadtteil hieß seinerzeit St Pancras.

Es gibt auch ein Foto eines aus einem Notizbuch gerissenen Zettels, dessen Text zwei verschiedene Handschriften aufweist und ganz ähnlich beginnt:

„Lusitania

May 7 1915

Have been torpedoed

send help.“

Der jüngste Fund einer Lusitania-Flaschenpost wurde – jetzt gut festhalten! – am 1. Juli letzten Jahres  im Schwielow-See gemacht. Und der liegt in Brandenburg. Klar, dass keine Buddel vom Untergangsort vor Irland flussaufwärts(!) die Elbe und die Havel hinauf dorthin schippert.

Hier der Text:

Wer ist der wirkliche Verfasser dieser Flaschenpost?

Nicht nur der Text gibt Rätsel auf.

Nordsee[sic] Lusitania, Beibot leck, keine Rettung in aussicht, setzen sie die Nachricht in eine deutsche Zeitung. Kapitän [unleserliche Unterschrift] u. ob. Maschinist [unleserliche Unterschrift]

Frau Grunenberg-Eggert und ihr mysteriöser Fund.

Frau Grunenberg-Eggert und ihr mysteriöser Fund.

Das alles auf Deutsch! Klar, das kann nur das Produkt von Teenagern sein, die ausprobieren wollten, ob sie ihr Werk in der Lokalpresse platzieren können. Aber immerhin: Die Flaschenpost ist tatsächlich alt, wie die Form der Bierflasche zeigt. Wenke Nitz, Historikerin am Potsdam Museum, erkennt am Schriftbild einen „authentischen Übergang von Sütterlin zur heutigen Schriftart“ und hält eine Entstehungszeit während des Ersten Weltkrieges für möglich (Potsdamer Neueste Nachrichten 2.8.2014). Ich bin da etwas skeptisch, denn die hier krakelig geratene Schriftform (Deutsche Normalschrift) wurde erst ab 1941 an den Schulen verbindlich eingeführt. Das B von „Beibot“ hat tatsächlich noch die Sütterlin-Kringelform. Beides deutet eher auf die Zeit des Zweiten Weltkrieges hin.

Wann auch immer die Unglücksnachricht in den Schwielowsee geraten ist, es ist interessant, wie Kinder mit Kriegs- und Katastrophennachrichten umgingen!

Die Kids haben es damit tatsächlich in die Zeitung geschafft! Wenn auch erst nach rund 70 Jahren.

Nachtrag (13.12.2015): Sogar ins Fernsehen haben sie es geschafft! Mehr dazu hier.

*

2007 wurde das Geschehen um den Untergang verfilmt:

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Kategorien: Der Geist in der Flasche, Historisches | Schlagwörter: , , , , , , , , , , | 6 Kommentare

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6 Gedanken zu „Die mysteriösen Flaschenposten der RMS Lusitania.

  1. das ist Geschichte „zum Anfassen“, so etwas fasziniert. Ich würde die erstgenannten Nachrichten nicht unbedingt als Fälschung in Betracht ziehen. Manchmal ist es (für Andere) höchst seltsam und merkwürdig, was Menschen angesichts des kurz bevorstehenden Todes tun. Bei dem „Jungenstreich“ bin ich gespannt, was die weiteren Untersuchungen ergeben. Ob die Nachricht wirklich über 100 Jahre alt ist.
    Danke für die spannende Geschichte und liebe Grüße!

    • Hm, „Fälschungen“ im eigentlichen Sinne sind es wohl nicht. Ich glaube eher an moderne Sagen.
      Die erstgenannte dieser Flaschenpostgeschichten hat alle Anzeichen einer Sage:

      Die originale Quelle des Textes ist nicht bekannt. Es gibt mehrere Varianten des Textes, z. B. mit dem zusätzlichen Satz „The orchestra is still playing bravely.“ Klar, das ist ein Topos, der vom Untergang der Titanic eingeflossen ist. Auf der Titanic spielte tatsächlich die Bordkapelle auf dem Achterdeck. Bei der Lusitania ging alles viel zu schnell. Vielleicht hatte dort eine Combo im Salon beim Lunch musiziert, aber es wird niemand in der Hast Instumente mit an Deck genommen haben. Auch über das Auffinden gibt es eine weitere Variante, nämlich dass die Flasche nicht im offenen Meer, sondern am Strand gefunden wurde.

      Die Flaschenpost von Langeness soll mit Muscheln bewachsen gewesen sein. Auch das ist eine Zutat, wie sie wohl eher dem Überlieferungsstrom, aber nicht in der Meeresströmung zu verdanken ist. Es dauert schon sehr lange, bis sich z. B. Seepocken auf einer Glasflasche niederlassen. Muscheln finden noch weniger Halt auf dem glatten Untergrund. Das ist also unwahrscheinlich.

      Tja, Flaschenposten erzählen nicht nur spannende Geschichten, sondern das „Mysterium Flaschenpost“ erschafft sie gewissermaßen selbst! 🙂

      • dankeschön für die spannenden hintergründe! wie sie auf den punkt gebracht haben: das mysterium flaschenpost.
        liebe grüße!

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