Joachim Römer und die Poesie des Lebens.


Gelegentlich hatte ich schon Joachim Römer erwähnt. Er gehört sicher zu den drei bedeutendsten Flaschenpostsammlern Deutschlands. Woraus er sich, weil von zurückhaltender Wesensart, aber nichts macht. Immerhin, fast 1200 Flaschenposten hat der Kölner vom Rheinufer gesammelt. Was er da im Keller hortet, dürfte wohl die größte Sammlung ihrer Art sein! Demnächst wird er einen Großteil dieses Schatzes im Museum am Strom in Bingen ausstellen. Grund genug, den Künstler hier endlich vorzustellen.

Joachim Römer wurde 1957 in Hagen geboren und studierte 1976 bis 1979 Kunst an der Fachhochschule für Kunst und Design in Köln. Wie viele andere aus seiner Zunft arbeitet er freiberuflich als Graphiker. Seine Entwürfe offenbaren ihn als einen politisch wachen, sozialkritischen Menschen, der seine Meinung in Bild und Design weitaus schärfer und direkter zum Ausdruck bringt, als sein unaufdringliches Auftreten in Funk und Fernsehen vermuten lässt.

Daneben arbeitet er immer wieder an kleinen und großen Projekten, mit denen er auf internationalen Ausstellungen, aber auch im öffentlichen Raum präsent ist. Für mich die beeindruckenste Installation war ein 2002 gemeinsam mit Trude Armbrüster geschaffener Vorhang aus 70’000 Brillenglasrohlingen unterhalb der Kölner Südbrücke: ein wunderschön glitzernder Glasregen über dem Rhein.

Der Rhein hat es Römer angetan. Dort ist der passionierte Spaziergänger – ein Auto besitzt er nicht –  oft unterwegs. Allerdings hat er dabei nicht nur die schöne und romantische Seite des Stromes im Blick. Römer ist nämlich Treibgutsammler. Aus all dem Müll, der zufällig oder absichtlich im Fluss und letztlich am Ufer landet, gestaltet der Künstler Raumistallationen, wie den unheimlich wirkenden „Rotraum“ aus rotem Plastikzeug. Oder er kontrastiert die naturnahe Landschaft mit den Hinterlassenschaften der Konsumgesellschaft. Das hat schon etwas Prophetisches an sich!

Kleineren Skulpturen, „Rheinschwemmfiguren“ sieht man es auf erstem Blick kaum an, dass auch sie aus Weggeworfenem vom Rheinufer bestehen.

Und dann sind da die Flaschenposten. Angefangen hatte es 2001 mit einer m Brief, den zwei Teenagerinnen aus dem Westerwald in die Sieg geworfen hatten. Als Römer ihnen antwortete, waren die Mädels allerdings schon erwachsen. Die Flaschenpost hatte für die 50 Flusskilometer nämlich ein Vierteljahrhundert gebraucht. Eine der Damen war inwischen nach Israel ausgewandert und hatte eine eigene Familie gegründet. Das Reizvolle: Römers Antwort führte dazu, dass die beiden Absenderinnen, nachdem sie sich schon lange aus den Augen verloren hatten, wieder Kontakt miteinander aufnahmen.

12-13-02

Klein, aber fein: Weihnachtsgruß im Glas. Foto mit freundlicher Erlaubnis von Joachim Römer

Es sind diese in Flaschenbriefen dokumentierten Lebenssituationen, die den Kölner Künstler faszinieren: Neujahrswünsche aus der Sylvesternacht, Geburtstagsgrüße, das Piratenspiel von Kindern, die Freude über die große Liebe. Oder Trauer und Bitterkeit über deren Zerbrechen. Einmal fand Römer in einer Flasche zwei Titan-Eheringe. Da hatte also ein Paar die Zeichen des nun gescheiterten gemeinsamen Lebens in einem feierlichen Akt dem Rhein übergeben. Es erinnert irgendwie an Rheingold. Auch der Abschied von Verstorbenen findet immer wieder Ausdruck in Flaschenposten. Alles inmitten der großen Zahl jener Buddeln, die in unbefangenem Spaß „einfach so“ auf die Reise gehen. „Die ganze Poesie des Lebens,“ wie Römer sagt, findet sich so am Ufer des Flusses wieder.

Ein- oder mehrmal die Woche geht der Sammler nun auf der Suche nach weiteren Strombotschaften das Rheinufer bei Köln (und auch darüber hinaus) ab. Er hat inzwischen den richtigen Blick für Flaschen, in denen ein Zettel steckt. Interessanterweise fixiert er dabei nicht angestrengt den Spülsam, sondern schaut eher mit „unscharf gestellten“ Augen in die Landschaft. Die unterschwellige Aufmerksamkeit bringt offensichtlich bessere Ergebnisse als gewolltes Nachsuchen.

Seine Funde nimmt Römer mit nach Hause und öffnet sie sorgfältig mit passendem Werkzeug. Mit der Akribie eines Museumskurators wird jede Flaschenpost mit Fundort, Datum und soweit ersichtlich, mit Absender inventarisiert. Wenn eine Antwortadresse dabei ist (das ist nur bei ca. 1/3 der Flaschenbriefe der Fall), gibt es Antwort. Denn mit dem Aufheben der Flasche hat Römer nach eigenem Bekunden in den Kommunikationsstrom eingegriffen, den er nun auch zu Ende führen will.

Post aus Bonn, sorgfältig inventarisiert. Foto mit freundlicher Erlaubnis von Joachim Römer

Post aus Bonn, sorgfältig inventarisiert. Foto mit freundlicher Erlaubnis von Joachim Römer.

Einmal hat sich Joachim Römer auch an den Anfang dieses Kommunikationsweges gesetzt.  An einem Maiwochenende 2011 war sein temporäres Flaschenpostamt am Fähranleger Mondorf geöffnet. Er selbst machte in schnieker Uniform den Postmeister und animierte Spaziergänger, an Ort und Stelle eine Flaschenpost zu schreiben und von der Fähre anbzuwerfen.

Aber er selbst lässt die Finger von diesem Geschäft. Er ist eben Sammler und kein Schreiber von Buddelbriefen! Wer weiß, ob ihm das Finderglück treu bliebe, wenn er die Seiten wechseln würde! 😉

Die Ausstellung mit der Raumistallation  1000 und 1 Flaschenpost ist vom Sa 18.04 bis So 01.11.2015 zu sehen im

Museum am Strom, Museumstraße 3, 55411 Bingen am Rhein,
Öffnungszeiten Di bis So von 10:00 – 17:00 Uhr

Hier eine hörenswerte Radiosendung über den Flaschenpostsammler.

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3 Gedanken zu „Joachim Römer und die Poesie des Lebens.

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