Ein ganz normaler Flaschenposttag.


Es ist Sonntag. Und ausgerechnet für diesen Sonntag hat sich Friedrich angesagt. Genauer: Der Deutsche Wetterdienst hat ihn angesagt, denn Friedrich ist das zweite Sturmtief diesen Herbstes. Am Montag, also vor nicht einmal einer Woche, hatte Orkan Christian bei uns an der Waterkant für fallende Kaminholzpreise und volle Auftragsbücher bei den Dachdeckern gesorgt. Und es hatte sogar Tote durch umstürzende Bäume gegeben! Klar, dass ich nun genauer wissen will, was es mit diesem Friedrich auf sich hat. Hübsch bunt, die Vorhersagekarten! Dramatisch rot bei uns, das könnte heftig werden! Im Radio ist zudem von Hagelschauern die Rede. Der Blick aus dem Fenster zeigt zügig ziehende Wolken. Aber Sturm ist das nicht. Nur die Sorte von Wetter, die man bei uns als „frische Luft“ bezeichnet. Jedenfalls kein Grund, sich in die eigenen vier Wände verbannen zu lassen.

Im Gegenteil, ich fühle mich von Friedrich dazu eingeladen, an den Kirchgang einen ausführlichen Strandspaziergang anzuschließen. Also mache ich mir beim Frühstück gleich noch Kaffee und ein paar Brote für unterwegs fertig. Und dann fällt mir ein, dass der steife Südwestwind geradezu optimal dafür geeignet ist, bei dieser Gelegenheit ein paar Flaschenposten von der Küste wegzubringen. Am Sonntag darf man nutzloses Zeug machen, wenn es einfach nur Spaß bringt, und ich lege los.

Zwei Flaschenbriefe habe ich schon fertig auf Vorrat. Sie enthalten Zitate eines amerikanischen Naturphilosophen und sind schon gerollt und verklebt (The Baltic Sea Scrolls XII 3, 4). Ich muss nur noch Datum und die vorgesehene Abwurfstelle auf der Außenseite eintragen. Die Erste kommt in eine grüne Dreiviertelliter-Weinflasche. Dazu ein Zeitungsartikel mit einem (für meinen Geschmack) faszinierenden Foto von einem Schiffswrack. Die zweite etwas kleinere Rolle stecke ich in eine Bierflasche mit Schnappverschluss. Es ist Nr. 50 unter meinen Flaschenposten und bisher die erste, für die ich so eine Beugelboddel verwende. Dazu schreibe ich, auch zum ersten mal, eine Grußadresse an zwei junge Kolleginnen. Mal sehen, ob die beiden Mädels Nachricht bekommen ;-). Flaschenbrief Nr. 51 ist schließlich so etwas wie das Bekennerschreiben eines Flaschenpostredakteurs. Den muss ich auch klein zusammenrollen, damit er zusammen mit einem Zeitungsartikel über Frankies Flaschenpostmuseum in eine kleine Seltersflasche passt.

Den beiden Korkstopfen wird zu guter Letzt noch ein Klacks Siegellack verpasst und dann kann es losgehen.

An der See pustet es ganz ordentlich. Die Bäume werden gut durchgeschüttelt und draußen auf der Förde sind überall kleine  Schaumkronen zu sehen. Starkwind vielleicht, aber Sturm ist das immer noch nicht. Lediglich für einige Spitzenböen wird die Messtation am Leuchturm Kiel heute 9 Bft verzeichnen.

Am Yachthafen sind ein paar Segler dabei, ihre Boote winterfest zu machen. Die meisten Strandpavillons haben für diese Saison schon dichtgemacht. Trotzdem sind noch einige Spaziergänger unterwegs. Zwei Kinder lassen Drachen steigen.

Der letzte Sturm hat einen beachtlichen Strandwall aufgeworfen, der z. T. bis fast an die Promenade hinaufreicht. An einigen Stellen hat der Sand Haufen von angeschwemmtem Tang begraben. Aber heute wird das Wasser aus der Förde herausgedrückt. Auf einem Stein steht eine Silbermöwe, von der ich den Eindruck habe, sie hätte schon das letzte mal da gestanden. Der Vogelzug macht heute Pause. Kein Wunder, bei diesem Gegenwind ist es für die Gänse und andere Zugvögel einfach zu anstrengend, weite Strecken zu fliegen. Ein paar Graugänse rasten auf den Wiesen im Hinterland, aber das war’s mit der Avifauna für heute.

In der Strander Bucht brettern ein paar Windsurfer in einem Mordstempo über das Wasser. Ein echt gutes standing haben die, aber mir tun schon beim Hingucken die Gelenke weh!

Schließlich erreiche ich dort, wo sich die Kieler Förde und die Eckernförder Bucht zur Kieler Bucht vereinigen, den Bülker Leuchtturm. Eine Buhne reicht dort ca. 80 m in die Kieler Förde hinein. Für mich eine optimale Abwurfstelle: direkt an der offenen Ostsee und weit genug leewärts der Surfer, denen meine Flaschenposten also nicht in die Quere kommen. Ein Handwerksbursche auf der Walz, der eben noch in der Betrachtung von Neptuns Reich versunken war, verdröselt sich, so dass ich unbeobachtet meinen maritim-postalischen Geschäften nachgehen kann.

Als erstes klatscht die grüne Weinflasche ins Meer. Sie ist relativ leicht, ragt halb aus dem Wasser und bietet dem Wind viel Angriffsfläche. Also macht sie sich recht flott auf den Weg nach Nordosten. Als nächstes krame ich die Seltersflasche aus dem Rucksack. Pfandflaschen sind dickwandiger als Einwegflaschen. Diese ist so gerade noch schwimmfähig und  taucht so tief ein, dass ich etwas Mühe habe, sie im überhaupt wieder zu entdecken. Zum Schluss werfe ich die Beugelboddel über die Findlingsblöcke der Buhne. Wegen des schweren Schnappverschlusses macht die Kopfstand und reckt den Achtersteven aus dem Wasser wie eine Ente beim Gründeln.

Nun kann ich mich meinem kleinen Picknick widmen und meinen Flaschenposten noch ein paar Blicke hinterherwerfen. Die Bierflasche ist rund zwei Meter luvwärts ihrer Vorgängerin gelandet. Ganz langsam beginnt sie nun aufzuholen. Nach ein paar Minuten hat sie die Selterflasche eingeholt, kickt sie an und schippert an ihr vorbei. Die Weinflasche ist derweil schon fast außer Sicht. Deswegen also hatten Neumeyer und die anderen altvorderen Ozeanographen etliche ihrer Flaschenposten mit Sand beschwert: damit sie, weit genug unter Wasser, hauptsächlich von der Strömung und nicht vom Wind angetrieben wurden.

Mir gibt das kleine Wettrennen die Genugtuung, dass die Flaschen nicht nur mit unterschiedlicher Geschwindigkeit, sondern vielleicht auch unterschiedliche Wege reisen. Schließlich sollen sie ja nicht alle drei vom selben Finder entdeckt werden. Jedenfalls haben sie bei diesem Wind eine gute Chance, über 54°32′ N hinaus und damit nördlich an Fehmarn vorbeizukommen. Also denn, frohes Treiben, ihr Buddelbriefe!

Unterdessen hat sich der Himmel über dem Dänischen Wohld zu einem düsteren schiefergrau verfinstert. Tief Friedrich will wohl doch unter Beweis stellen, dass wir schon November haben. Die Wanderung entlang der Steilküste Richtung Stohl fällt also für heute aus und ich sehe doch zu, dass ich rechzeitig ein Dach über den Kopf bekomme.

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Kategorien: Persönliche Geschichten | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , | 2 Kommentare

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2 Gedanken zu „Ein ganz normaler Flaschenposttag.

  1. Viel Glück! Ich bin gespannt, ob ich hier nochmal was von den Flaschen und ihren Findern hören werde.

    (Im Moment ist noch nicht so viel Luft, dass ich zum Plugin-Reparieren und Filmchen schauen komme. Aber bestimmt bald…)

  2. Pingback: Ein ganz und gar ungewöhnlicher Flaschenposttag. | flaschenposten

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