The Baltic Sea Scrolls: Die Geschichte einer Flaschenpostedition.


Es wirkte schon etwas spinnert, was unser Physiklehrer da erzählte. Er meinte, es würde einmal Computer geben, die kaum größer sein würden als eine Schreibmaschine, aber die gleiche Rechenleistung hätten wie eine jener Anlagen, die damals, Mitte der siebziger Jahre, einen ganzen Raum von der Größe unseres Klassenzimmers füllten. Wir Schüler guckten nur ungläubig. Und ein Onkel, gerade von einer USA-Reise zurückgekehrt, berichtete von Arbeiten an Bildschirmen, die so flach sein sollten, dass man sie wie ein Bild an die Wand hängen könnte. Meine Güte, wir waren zu Hause schon stolz auf einen Schwarzweißfernseher, so einen mit einer gewaltigen Bildröhre!

Computer, – das war für uns so etwas Spezielles aus der Raumfahrt, der Meteorologie oder vom Militär. Die Rechenanlagen mit riesigen Schaltpulten, endlosen Lochstreifen und dicken Magnetbandspulen hatten den Ruf der Unfehlbarkeit: „Das wurde mit dem Computer berechtet“ hieß so viel wie „absolut sicher“! Als die elektronische Datenverarbeitung im darauffolgenden Jahrzehnt mehr und mehr Einzug in den Alltag hielt, wurde aber auch die andere Seite der Medaille sichtbar. Computer konnten abstürzen! Und der Horror eines Examenskandidaten war die Demenz seines Rechners.

Diesen Argwohn hatte ich im Blut, als gegen Ende des vorigen Jahrhunderts mein erster PC neben meinem Schreibtisch stand. So ein Ding, von dem mein Physiklehrer geredet hatte.  Gleichzeitig war ich fasziniert und wollte so vieles ausprobieren! Aber nur ja keine wichtigen Dateien im Eifer des Spieltriebes verhunzen, man weiß ja nie! Also blieb ich in Geschäftlichem ganz brav bei den Standardeinstellungen, die mir die Software vorgab.

Aber daneben experimentierte ich munter mit den Möglichkeiten der Textverarbeitung herum. Mit Formatierungen und Objektrahmen, Word-Art und was weiß ich nicht allem. Welche Schriftform passt am besten zu einem Gedicht, zu einer Traueranzeige, einem Plakat, einem Bibelvers, einem klassischen Text aus der Weltliteratur? Ich probierte es aus, schrieb irgendwelchen Döntjes, zitierte Passagen aus Romanen, bastelte an Bekanntmachungen abwegigster Art. Es konnte ja nichts wirklich schief gehen, alles war nur Spielerei. Einige der Entwürfe druckte ich aus, um sie auch mal auf Papier zu sehen.

Ja, und dann lagen hier also die Bögen mit diesem Unfug herum. Da ich ein sparsamer Mensch bin, wurden einige davon als Einkaufszettel wiederverwendet. Bei anderen dachte ich, der Spaß könnte noch weitergehen. Warum nicht anderen Leuten damit eine Überraschung machen? Also rollte ich die Machwerke auf, klebte sie mit den Randstreifen von Briefmarken zu und – in irgendeiner Grabbelkiste lag doch noch der Stempel aus meiner alten Kinderpost! – stempelte sie ab. Alles soll schließlich seine gute preußische Ordnung haben! Dann ab in die Buddel damit und hinein in die Ostsee!

Allerdings blieb es nicht bei diesen paar Flaschenposten aus der Frühzeit meiner Computerübungen. Es kamen weitere hinzu. Das Buddelbrieffieber hatte mich gepackt! Und wenn es doch die Schriftrollen vom Toten Meer, diese jahrtausendalten in Tonkrügen versteckten Pergamente aus den Höhlen der judäischen Wüste gab, warum sollte es nicht auch die „Schriftrollen von der Ostsee“ geben? So entstand im Dezember 2001 die erste Ausgabe der „Baltic Sea Scrolls“, einer Serie von Flaschenposten.

Und immer dann, wenn mir der Behördenpapierkrieg all zu sehr den Adrenalinspiegel in die Höhe treibt, kommt eine neue Ausgabe heraus.

Was da in diesen Flaschenbriefen zu lesen ist, möchten Sie wissen? Hahaha, – Geheimnis! Die Baltic Sea Scrolls sind nämlich nur am Spülsaum erhältlich!

Die meisten, wie der Name sagt, an der Ostseeküste, inzwischen aber nicht nur dort.

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5 Gedanken zu „The Baltic Sea Scrolls: Die Geschichte einer Flaschenpostedition.

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