Eine Kabellänge die Elbe runter, – und der kurze Blick der Stadtbürger


Im September 1999 wurde bei Baggerarbeiten in der Elbe ein großer Findling endeckt. Obwohl am Rande des Fahrwassers gelegen, so behinderte er doch die den Hamburger Hafen anlaufenden Schiffe. Er musste also gehoben werden. Dabei erwies er sich als eine harte Nuss, genauer gesagt: als schwerer Brocken. Ob ihm nach zehntausend Jahren Schlaf im Flussbett das Tageslicht zu grell war, ob er, einem sagenhaften Zwergenschatz gleich mit einem Bannspruch belegt war, oder ob sich die Taucher bei der Inspektion mit seinen Ausmaßen verschätzt hatten, – jedenfalls versank der Stein sofort wieder in den Fluten, nachdem ein Schwimmkran ihn bis zur Wasseroberfläche gehoben hatte.

Immerhin, im Hamburger Abendblatt erschien ein erstes Foto des kantigen Klotzes. Zumindest des oberen Viertels. Und das machte mich neugierig. Ich interessiere mich sehr für Geologie und wollte zu gern wissen, wie die Eiszeit diesem Monstrum zugesetzt hatte.

Am 23. Oktober ging dann die Meldung durch die Nachrichten, die Bergung des 217 t schweren Findlings sei geglückt, ein Schwimmkran hätte ihn am Strand bei Övelgönne abgesetzt. Ich entschloss mich spontan, dem Ungetüm am nächsten Tag einen Besuch abzustatten.

Zwar wusste ich nicht genau, wo am gut drei Kilometer langen Strand zwischen dem Museumshafen Övelgönne und dem Fähranleger Teufelsbrück das pleistozäne Kleinod zu finden sein sollte, aber das machte nichts. Schon als Kind hatte ich diese Gegend geliebt. Im Gegensatz zu den übrigen Abschnitten des Elbufers der Hansestadt war dieser Bereich nicht mit anthrazitfarbenen Lavablöcken befestigt. Es war „richtiger“ Strand. Da meine Eltern arm waren und wir nicht viel reisen konnten, waren sonntägliche Ausflüge hierhin für mich immer ein großes Erlebnis. Wie beneidete ich die Besitzer der  „Kapitänshäuser“ mit den idyllischen Sprossenfenstern und schön dekorierten Veranden, die immer hier wohnen durften! Und weil man dort, wie gesagt, direkt ans Wasser konnte, ließ ich ein selbstgezimmertes Schiffchen dort schwimmen.

Im Herzen bin ich immer ein kleiner Junge geblieben. So konnte ich es nicht lassen, an diesem Tag, als sich alles, was in Hamburg Beine hatte, auf die Wallfahrt zum großen Stein von Övelgönne machte, in die Tasche zu greifen, eine kleine Flaschenpost in der Hand zu verbergen und in einem unbeobachteten Moment in die Elbe zu werfen. Dann reihte ich mich wieder in den Strom der Pilger ein, als wäre nichts geschehen.

Nach gut einem Kilometer vom Museumshafen stromabwärts erreichten die Strandwanderer den erratischen Block. Wirklich eindrucksvoll! Nicht nur wegen seiner Größe (fast acht Meter Länge und viereinhalb Meter Höhe), sondern wegen der ganzen Palette von Spuren, die die Eiszeit hinterlassen hatte. Unten war er vom Transport im Eis und dem am Gletschergrund fließenden Wasser abgeschliffen. Kollisionen mit anderen Geschieben hatten Schrammen hinterlassen. Im Oberen Teil hatte der Frost seine Wirkung getan und entlag der das Gestein durchziehenden feinen Klüfte Felsteile abgesprengt. Der Findling war also ursprünglich noch größer! Ein junger Geologe erläuterte den Besuchern, dass man an Hand der bläulichen Quarzminerale die Herkunft des Steins, nämlich Smaland in Schweden, bestimmen könne. Und er amüsierte sich über Esoterikerin, die sich bei ihrer morgendlichen Meditation an diesem „Kraftort“   von den Schaulustigen gestört fühlte.

Nachdem ich den Stein dreimal umrundet, auf ein Hinaufklettern aus Unsportlichkeit jedoch verzichtet hatte, beendete ich meine Aufwartung beim „Alten Schweden“ und trat den Rückweg an.

Und, – siehe da! -, meine kleine Flaschenpost, die ich eine gute Stunde zuvor in hohem Bogen ins Wasser geworfen hatte, wurde gerade ans Ufer gespült! Weit war sie nicht gekommen. Um es wenigstens maritim auszudücken: eine Kabellänge weit. Ich setzte mich einen Steinwurf entfernt in den Sand, kramte mein Picknick aus dem Rucksack und beobachtete das Geschehen. Irgendjemand müsste sie gleich aufheben. Ich war gespannt.

Aber seltsam, die Leute strömten in Scharen vorbei, aber niemand entdeckte die Flaschenpost.

Da, die drei Jungs, die mit dem Stock im Wasser herumstocherten! – Nein, auch die hatten keinen Blick für solches Treibgut. Zugegeben, es war nur eine kleine unscheinbare Hustensaftflasche.  Aber ich hatte die Öffnung dick mit knallrotem Siegellack übergossen, das sollte schon auffallen.

Meine Güte, wo haben die Hamburger ihre Augen?! Ich hatte schon zwei Butterbrote und einen Apfel vertilgt und goss mir die zweite Tasse Kaffee aus der Thermoskanne ein, als sich endlich ein junger Mann bückte, den anhaftenden Sand von der Flasche abspülte und sich daran machte, den Korken aus der Öffnung zu pulen. Als er so weit war, das kleine Röllchen Luftpostpapier auseinander zu friemeln, gesellte sich eine Dame, wohl seine Frau oder Freundin, zu ihm. Leider standen sie mit dem Rücken zu mir. Dabei hätte ich doch zu gern ihr Gesicht bei der Lektüre des Textes gesehen! Na, ich hoffe, sie haben Spaß dabei gehabt. Es war ein Gedicht von mir mit dem Bekenntnis, immer ein kleiner Junge zu bleiben. Wenigstens im Herzen!

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Kategorien: Persönliche Geschichten, Sammelsorium | Schlagwörter: , , , , , , , , , | 3 Kommentare

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3 Gedanken zu „Eine Kabellänge die Elbe runter, – und der kurze Blick der Stadtbürger

  1. Oh, eine hübsche Geschichte. Die haben sich bestimmt gefreut! – Eine echte Flaschenpost, immerhin, wenn auch ohne Schatzkarte. 🙂

  2. Pingback: Mit 216 km/h gegen die Zeit. Gedanken im Zug. | flaschenposten

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